Die Borniertheit der Offenen

Linke Gentrifizierungskritiker klingen oft wie rechte Heimatschützer. Damit schaden sie sich selber.

Alles soll bleiben, wie es ist: Anti-Gentrifizierungsgraffito am Zürcher Helvetiaplatz Foto: Urs Jaudas

Alles soll bleiben, wie es ist: Anti-Gentrifizierungsgraffito am Zürcher Helvetiaplatz Foto: Urs Jaudas

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Manchmal spricht man erschreckend ähnlich wie sein grösster Feind. So verteidigen linke Aktivisten in Los Angeles das eigene Quartier gegen Zuzüger, indem sie sagen: «Unsere Nachbarschaft verliert sonst ihren Latino-Charakter.» Solche Sätze erinnern an die Forderung weisser Nationalisten, die USA müssten bleich bleiben.

Ähnlich klang es vor Jahren in Berlin, als linke Stadtaktivisten gegen «die Schwaben» mobilisierten. Diese würden in Horden über Berlin herfallen, den Einheimischen die Wohnungen wegschnappen. Graffiti riefen zum Boykott von schwäbischen Läden auf. Menschen, die sich gegen die Verteuerung von Stadtquartieren (Gentrifizierung) wehren, neigen zu einem unglücklichen Vokabular, das jenem rechter Heimatschützer gleicht. Beide sprechen vom «Druck auf die Alteingesessenen» und deren «Verdrängung». In Zürich wird über Neuankömmlinge vom Land gelästert, die mit ihren Provinz-Empfindlichkeiten die Stadt verbünzeln. So zieht man eine Grenze zwischen Aussenstehenden und jenen, die dazugehören (obwohl die meisten Städter einst ebenfalls zugezogen sind).

Linke Gentrifizierungskritiker verklären ihre Quartiere ausserdem oft zu vitalen Gemeinschaften, die durch Eindringlinge bedroht werden. Gleichzeitig wird darüber nachgedacht, wer es verdient hat, in der Stadt zu leben, und wer nicht. Damit befindet man sich mitten in einem nationalistischen Denkmuster: Der Einheimische bestimmt, wer kommen darf.

Die SVP redet ähnlich, statt «Quartier» oder «Stadt» sagt sie «Heimat» oder «Vaterland». Die «Yuppies» der Linken sind die «Ausländer» der Rechten: Jene, die man nicht als Nachbarn will.

Eine ewige Pubertät

Abschottungsrhetorik passt schlecht zur Identität vieler Gentrifizierungsgegner. Stolz betonen sie sonst die eigene Offenheit, durch die sie sich vom Rest des Landes abheben. Dieser Widerspruch macht es einfach, Städter der Heuchelei zu beschuldigen: Die Landesgrenzen wollen sie auftun, das eigene Quartier machen sie dicht.

Dazu kommt: Urbane Abschottungsrhetorik lässt sich kaum mit der Wirklichkeit vereinbaren. Nur jede fünfte aller Zürcherinnen wurde in Zürich geboren. Mengenmässig erneuert sich die Zürcher Bevölkerung alle zehn Jahre.

Städte existieren im ewigen Pubertätsmodus, unterstehen einem dauernden Wandel. Das macht sie schwer fassbar. Und spannend. Die Vorstellung von Stadtquartieren als feste Gemeinschaften erscheint so idealisiert wie das Bild der Schweiz als einheitliche Nation.

Das bedeutet nicht, dass man das Unbezahlbar-Werden der eigenen Lebenswelt hinnehmen muss. Es lässt sich bekämpfen, ohne städtischen Chauvinismus zu betreiben und die Schuld auf Zuzüger abzuschieben – indem man das Problem an seinen ökonomischen Wurzeln packt.

Die Verteuerung von Stadtquartieren hat simple Gründe: Mehr Leute wollen an einem Ort leben, als dort Platz haben. Zudem bringen Städte eine lebhafte Atmosphäre hervor, die sich nicht einfach nachbauen lässt. Beides zusammen macht das Stadt-Wohnen so wertvoll.

Gentrifizierungsgegner handeln oft grosszügiger, als sie reden. Drei Dinge wollen sie verhindern: Dass man ihnen die Wohnung kündigt. Dass sie plötzlich das Doppelte dafür bezahlen müssen. Dass etwas davon anderen Städtern widerfährt. Das wars. Darüber hinaus stört es sie nicht, wenn neue Menschen in die Nachbarschaft ziehen. Sie finden, dass es Platz für mehr Bewohner hat. Sie sind bereit, zusammenzurücken.

Auf solche Aufgeschlossenheit weist zumindest das Abstimmungsverhalten der Zürcher hin. Stets befürworten sie Massnahmen, welche die Verteuerung bremsen und die Aufnahme neuer Bewohner erleichtern sollen: Verdichtung, Stadterweiterungen, Hauskäufe. Viele Zürcher Genossenschaften bauen wieder kleinere Wohnungen. Niemand beschwert sich deswegen.

Städter heissen die Neuen willkommen, solange niemand mit dem Wegzug für sie bezahlen muss. Rechte Heimatschützer dagegen gehen von einer Urbevölkerung aus, deren Charakter durch Überfremdung zersetzt wird.

Dieser Unterschied trennt Welten – wenn man ihn beim Reden nicht fahrlässig verwischt.

Erstellt: 09.03.2017, 23:23 Uhr

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