Die Botschaft des Turms

Das Roche-Hochhaus zeugt von der Arroganz seiner Bauherren. Und vom Versagen der Politik, die der Ökonomie den Vortritt liess.

Der Turm zu Babel hätte den Himmel erreichen wollen. Der Turm zu Basel sagt den Baslern: Ich bin der grösste! Illustration: Print Collection (Getty Images)

Der Turm zu Babel hätte den Himmel erreichen wollen. Der Turm zu Basel sagt den Baslern: Ich bin der grösste! Illustration: Print Collection (Getty Images)

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Seit Tausenden von Jahren bauen die Menschen Türme. In Babel, Bangkok, Chartres, San Gimignano, Paris, New York – oder Basel. Die Gestalt der Türme hatte immer eine kulturelle Bedeutung. In Babel sollte der Himmel erreicht werden. Die Pagode in Bangkok beginnt auf der Erde als Quadrat, transformiert sich dann in ein Achteck, dann in einen Kreis, um sich zuoberst in einer Spitze aufzulösen und so auf die Einheit von Himmel und Erde hinzuweisen.

In San Gimignano versuchten die reichen Kaufleute sich gegenseitig mit einem immer höheren Turm zu überbieten. Der Eiffelturm in Paris zelebrierte an der Weltausstellung von 1889 die neu entdeckte Magie der Technik. In Kleinbasel wurde um 1960 mitten in ein einheitliches Wohnquartier aus dem 19. Jahrhundert ein 28-geschossiges Hochhaus gestellt, um von der neuen Zeit der Moderne zu berichten, die versprach, den Menschen Licht und Freiheit zu bringen.

Es gibt keine unschuldige Gestalt

Das World Trade Center basierte auf zwei Quadraten, dem Symbol der weltlichen Ordnung, war das höchste Gebäude in Manhattan, eine geschlossene, nicht öffentliche Welt, in die keine Einsicht möglich war und die oben keinen Abschluss zeigte, ein Hinweis auf die Möglichkeit eines unbeschränkten Wachstums. Ihre aggressive Autonomie und die Geringschätzung ihres Umfeldes machte sie zum Ziel der Mörder.

Beim Bauen in der Stadt gibt es keine unschuldige Gestalt und je grösser das Haus ist und je intensiver es sich von der Struktur des Umfeldes distanziert, und so zum «Alleinstellungsmerkmal» wird, umso «bedeutungsvoller» ist es. Die Kathedrale, der Eiffelturm oder das Opernhaus von Sydney wurden von der «Stadt» respektive ihren Bürgern gebaut. Sie wollten zeigen, was ihnen wichtig ist. Der neue Turm in Basel wurde von einem Wirtschaftsunternehmen gebaut. Was ist die Botschaft? Was «bedeutet» die Gestalt dieses Hauses?

Eigentlich hatte es niemand gewagt, sich dagegen zu wehren.

Die Botschaft des neuen Roche-Turms zeugt von einer gigantischen Arroganz des Bauherren: Ich bin der Grösste und ihr Anderen seit im Vergleich zu mir unbedeutend. Ihr lebt jetzt in meinem Schatten. Es macht überhaupt keinen Sinn zu versuchen, sich in die vorhandene Stadt einzufügen, diese ist ja alt, klein und wertlos. Ich zeige euch jetzt eure neue Heimat.

Eigentlich hatte es niemand gewagt, sich dagegen zu wehren. Ich hatte nach der Publikation des Projektes bei Architekten und Ingenieuren nachgefragt, ob nicht eine öffentliche Diskussion des Vorhabens sinnvoll wäre. Man liess mich wissen, man habe Aufträge von der Firma Roche und könne sich nicht exponieren. Andere teilten mir mit, dass sie mit der Revision des Zonenplans beschäftigt seien. Nur nebenbei: In der Volksabstimmung über den Zonenplan wurde dann die vorgeschlagene Hochhauszone am Rhein, ein Kilometer stromaufwärts vom Standort des Roche-Turms, abgelehnt.

Wenn die Stadt, wie Le Corbusier es definiert hat, nur eine «Machine à habiter» ist, dann kann jeder bauen, so hoch und so banal wie er will. Wenn sie aber mehr ist als eine Maschine aus Stein und Stahl, dann ist die Frage wichtig, was die Gestalt der Stadt mit ihrer Gestalt zum Ausdruck bringt. Dies ist heute umso bedeutungsvoller, als die Transformation der Stadt eine der zentralen Themen der menschlichen Gesellschaft geworden ist. Wir müssen in unserer Zeit jenseits der Moderne nach einer Reintegration der Sinnlichkeit, der Emotionalität und der Spiritualität der Menschen in die Gestalt der Stadt suchen, damit die Stadt die Stadt der Menschen unserer Zeit wird.

Es muss gelingen, Stadt und Natur wieder zu versöhnen.

Es muss gelingen, Stadt und Natur wieder zu versöhnen, damit die Menschheit überlebt. Wir müssen nach einem respektvollen Umgang mit der vorhandenen Stadt suchen, damit wir nicht heimatlos werden. Damit dies gelingt, braucht es eine Partnerschaft von Gesellschaft, Wirtschaft und Architekten. Die Gesellschaft muss, vertreten durch ihre Politik, sicherstellen, dass die Bedürfnisse und Werte der Gesellschaft ernst genommen werden, dafür muss sie für die Wirtschaft die Spielregeln bei der Transformation der Stadt definieren. Es ist dann Aufgabe der Architekten, die Gestalt zu finden, die diese Bedürfnisse und Werte der Gesellschaft reflektiert.

Der Roche-Turm macht uns auf diese zentrale Aufgabe aufmerksam. Wenn die Politik sich nicht einmischt und die Architekten sich primär als Vollzugsgehilfen der Ökonomie verstehen, wird die Stadt zu einem Spielfeld der Bedürfnisse und Werte der Ökonomie. Vor einigen Jahren sagte einer der Architekten des Roche-Turms, Jaques Herzog, in einem Interview: «Wir leben in einer Zeit, in der alle Traditionen und Regeln zerstört worden sind. Deshalb muss sich die Architektur bei jedem einzelnen Projekt die Regeln wieder selber geben.» Wenn das so wäre, würde die Stadt als Ausdruck des ureigenen Seins ihrer Bewohner zerstört, ohne dass neue Heimat entsteht.

Wie anders die Stadt sein könnte …

Jaques Herzog und Pierre de Meuron hatten 1984 einen (von mir ausgeschriebenen) Wettbewerb für eine Baulücke in der Altstadt von Basel ge­wonnen. Dorothee Huber, Verfasserin des Basler Architekturführers, schrieb darüber: «Es ist ein Haus entstanden, das von Transparenz, Verwandlung, Immaterialität, Dynamik und spektakulären Oberflächen von Werkstoffen» geprägt ist. Es wurde zum Teil der Struktur der Altstadt, zeigt sich gleichzeitig aber auch als «Monolith» mit «archaischen und zugleich minimalistischen Monumenten».

Es ist für mich ein exemplarisches Zeichen, wie anders die Stadt jenseits der Moderne sein könnte: sinnlich, ohne grobschlächtig zu sein, vielfältig und komplex, ohne die Ordnung abgeschafft zu haben, zärtlich und trotzdem robust, eigenständig, aber trotzdem respektvoll für die Umgebung, identitätsstiftend ohne Arroganz.

Es wäre schön gewesen, wenn man Ähnliches vom Roche-Turm hätte schreiben können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2015, 23:36 Uhr

«Wir brauchen einen respektvollen Umgang mit der Stadt»: Der ETH-Architekt Carl Fingerhuth war von 1978 bis 1992 ­Basler Kantonsbau­meister.

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