Die Ehe für alle ist mehrheitsfähig

Homosexuelle sollen heiraten dürfen – dafür spricht sich laut zwei Umfragen eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung aus. Nun müssen die Parlamentarier Stellung beziehen.

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Die Ehe soll künftig auch homosexuellen Paaren offenstehen. Dieser Ansicht ist eine Mehrheit der Befragten in zwei aktuellen Meinungsumfragen. Die Zustimmung fiel allerdings unterschiedlich hoch aus: Das Forschungsinstitut GFS Zürich ermittelte im Auftrag der Schwulenorganisation Pink Cross laut der «SonntagsZeitung» einen Befürworteranteil von 71 Prozent, das Meinungsforschungsinstitut Léger im Auftrag des «SonntagsBlicks» einen solchen von 54 Prozent.

Eine denkbare Ursache für die Abweichung ist die unterschiedliche Frageformulierung. Während die Umfrage im Auftrag von Pink Cross nur die Zustimmung zu einer Öffnung der Ehe erfragte und dabei auch die Antworten «eher Ja» und «eher Nein» zuliess, stellte jene im Auftrag des «SonntagsBlicks» die Befragten vor die Wahl zwischen dem Beibehalten des Partnerschaftsgesetzes und der Öffnung der Ehe. Eine Rolle dürfte zudem spielen, dass GFS Zürich die Befragung telefonisch durchführte und Léger online.

Gesellschaftlicher Wandel

Die beiden Umfragen zeigen, dass die Öffnung der Ehe für Homosexuelle grundsätzlich mehrheitsfähig ist. Bislang war dies nicht klar: 2005 stimmten zwar 58 Prozent der Stimmberechtigten für die Einführung des Partnerschaftsgesetzes, das homosexuellen Paaren zumindest eine teilweise Gleichstellung brachte. Ob sich auch für die Öffnung der Ehe eine Mehrheit finden liesse, blieb aber ungewiss.

Die Veröffentlichung der beiden Umfragen kommt nicht von ungefähr: Mit der Rechtskommission des Nationalrats hat sich erstmals eine politische Instanz der Schweiz für die Öffnung der Ehe ausgesprochen, indem sie eine entsprechende parlamentarische Initiative der Grünliberalen annahm. Sowohl der «SonntagsBlick» wie Pink Cross ergriffen deshalb die Gelegenheit, die bereits vorliegenden Umfrageergebnisse publik zu machen.

Grosse Sympathien bei Wählern aller Parteien

Die GFS-Umfrage zeigt zudem, dass die Öffnung der Ehe unter den Wählern aller grossen Parteien viele Sympathisanten hat. Sogar von den befragten SVP-Wählern sagen 60 Prozent «Ja» oder «eher Ja» zu dem Anliegen. Die GFS-Umfrage bestätigt auch, was die CVP vor kurzem durch die innerparteiliche Kontroverse um die Festschreibung einer konservativen Ehedefinition in der Verfassung erfahren musste: 70 Prozent der befragten CVP-Wähler äusserten sich positiv zur Öffnung.

Für die Behandlung der parlamentarischen Initiative im Parlament bedeutet dies, dass sich Gegner der Öffnung zu entscheiden haben, ob sie sich gegen einen Teil ihrer Parteibasis stellen wollen. Allerdings ist gar nicht gesagt, dass der gesellschaftliche Wandel vor den bürgerlichen Parlamentariern haltgemacht hat. Erstens sprachen sich in der Kommission gerade die CVP-Vertreter für die parlamentarische Initiative aus.

Zweitens fiel der Entscheid mit 12 zu 9 Stimmen zwar doch eher knapp aus. Nicht alle Gegner des Vorhabens lehnten das Anliegen jedoch prinzipiell ab. Hauptargument gegen die parlamentarische Initiative war jedoch, dass das Familienrecht derzeit in Dauerrevision sei, sagt Kommissionspräsident Alec von Graffenried (Grüne, BE) und verweist unter anderem auf die Revision des Adoptionsrechts und eine von Bundespräsidentin Sommaruga in Aussicht gestellte generelle Revision des Familienrechts. «Es gab einzelne Stimmen, wonach das Anliegen falsch sei oder zur falschen Zeit komme. Grösstenteils richtete sich die Kritik jedoch gegen das Instrument der parlamentarischen Initiative», sagt von Graffenried.

«Aufholbedarf bei Gleichstellung»

Dass die Öffnung der Ehe nun Thema im Parlament ist, freut Pink-Cross-Geschäftsführer Bastian Baumann: «Es ist gut, wird im Bundeshaus nun darüber gesprochen. Wie die Umfrage zeigt, ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexuellen hoch. Bei der rechtlichen Gleichstellung haben wir aber immer noch Aufholbedarf.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.02.2015, 16:24 Uhr

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