Die einstige CVP-Hochburg erodiert

Im Kanton St. Gallen verliert die CVP Wahl um Wahl. Nun ist sie erstmals seit 100 Jahren nicht mehr in der St. Galler Stadtregierung vertreten. Was ist passiert?

Das katholische Milieu schwindet – auch in der Stadt St. Gallen. Foto: Keystone

Das katholische Milieu schwindet – auch in der Stadt St. Gallen. Foto: Keystone

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Die CVP im Kanton St. Gallen stirbt viele kleine Tode. So auch am letzten Sonntag. In Gossau, der viertgrössten Stadt des Kantons, hat in der Stadtpräsidiumswahl ein Genosse aus Graubünden den CVP-Kandidaten im ersten Wahlgang deutlich geschlagen. Der in Chur lebende Kandidat wurde von einer Findungskommission der FDP, SVP und SP per Zeitungsinserat gesucht. Er wird sich im Fall einer Wahl in Gossau niederlassen.

Noch verheerender war die Stadtratsersatzwahl in St. Gallen. CVP-Kandidat Boris Tschirky verlor klar gegen die grünliberale Kandidatin Sonja Lüthi. Da bereits vor einem Jahr eine bisherige CVP-Stadträtin zugunsten einer SP-Frau abgewählt wurde, ist die einst so mächtige Partei erstmals seit 1918 nicht mehr in der Regierung der Gallusstadt vertreten.

Das letzte Wochenende ist ein weiteres Kapitel in der Geschichte einer Partei, die sich im Kanton St. Gallen seit ­Jahren im Niedergang befindet. 1971 betrug der CVP-Wähleranteil bei den Nationalratswahlen 44 Prozent. Bei den letzten nationalen Wahlen 2015 kam die CVP noch auf 16,6 Prozent. Bis 2003 stellte die CVP in der siebenköpfigen Kantonsregierung drei Sitze, nun sind es noch zwei. Und im 120-köpfigen Kantonsrat sank die Sitzzahl der CVP innert 10 Jahren von 33 auf 26.

Wie Eisbären im Klimawandel

Spricht man Parteiexponenten auf das jüngste Debakel an, ist Ratlosigkeit zu spüren. Zum Beispiel bei Jakob Büchler. Der Landwirt aus Schänis sitzt seit 2003 im Nationalrat, vorher war er Kantonspräsident und langjähriger Kantonsrat in St. Gallen. Der Rauswurf aus dem Stadtrat sei «eine bittere Pille». Dass seine Partei einen Rückschlag nach dem andern verkraften muss, versucht er mit einer Analogie aus der Klimatologie zu erklären: «Die Polparteien legen weiter zu, während für uns Eisbären das Eis in der Mitte schmilzt.»

Oder Raphael Widmer, Präsident der CVP Stadt St. Gallen. Der 31-jährige Rechtsanwalt verkörpert die Zukunft der Partei. Auch Widmer sagt: «Das ist eine herbe Enttäuschung.» Er könne noch keine fundierte Ursachenanalyse abgeben. Aber um den Turnaround zu schaffen, müsse die CVP künftig pointierter politisieren und urbaner auftreten. «Mit konservativen Ansichten sind zumindest in der Stadt St. Gallen keine Wahlen mehr zu gewinnen.»

Etrit Hasler ist städtischer und kantonaler SP-Parlamentarier. Seiner Meinung nach hat die CVP auf das falsche Pferd gesetzt: «Tschirky hat einen inhaltlich schwachen Wahlkampf geführt.» Ausserdem sei schlecht angekommen, dass er als amtierender Gemeindepräsident des Vororts Gaiserwald in die Stadtregierung drängte. Stimmen gekostet haben dürfte Tschirky auch, dass sich der im ersten Wahlgang unterlegene SVP-Kandidat Jürg Brunner für Lüthi aussprach. Er empfand die GLP-Frau als authentischer.

Für den CVP-Chef ist der nicht funktionierende bürgerliche Schulterschluss schuld. 

Es sei offensichtlich, dass viele Wähler der SVP und FDP dem CVP-Mann die Unterstützung versagt hätten, sagt Silvano Moeckli, Politologe an der Uni St. Gallen. Dazu komme, dass sich die urbanen Wähler von der GLP-Frau stärker angesprochen fühlten.

CVP-Präsident Gerhard Pfister hält nichts von dieser These. Dies, obwohl die SP mehrmals betonte, dass sie einen linksliberalen Kandidaten unterstützt hätte. Für Pfister ist einzig der nicht funktionierende bürgerliche Schulterschluss schuld. Entscheidend seien für ihn die nächsten nationalen Wahlen. Und dort will er mit einem «klaren Profil und professionellen Parteistrukturen» punkten.

Auf dem Land gewinnen

Der Hauptgrund für die Schwierigkeiten der CVP sei der bis heute andauernde Schwund des katholischen Milieus, sagt Silvano Moeckli. Er ist deshalb überzeugt, dass der Abstieg national wie regional ein allgemeiner Trend ist. «Daran wird auch keine Parteileitung etwas ändern können.» Jakob Büchler indes mag nicht daran glauben. In den Städten werde halt links gewählt, aber auf dem Lande sei die CVP nach wie vor gut aufgestellt. Er erwähnt als Beispiel den Präsidenten des Schweizer Bauernverbands und St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter. «Gerade wir Landwirte können immer wieder auf überparteiliche Unterstützung zählen.»

Skeptischer ist der St. Galler SVP-Nationalrat Thomas Müller, der bis 2011 in der CVP politisierte: «Ich empfinde keine Schadenfreude. Aber es ist wie im Sport: Wenn man sich in einer Abwärtsspirale befindet, ist dieser Trend nur noch schwer zu stoppen.»

Erstellt: 28.11.2017, 23:23 Uhr

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