«Die Elternzeit würde den Anspruch der Mütter aufwerten»

Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub? Ständerat Andrea Caroni lehnt die Idee ab – eine Elternzeit würde er allerdings befürworten.

«Die Mütter könnten heute schon unter Druck gesetzt werden, nach acht Wochen wieder arbeiten zu gehen»: FDP-Ständerat Andrea Caroni.

«Die Mütter könnten heute schon unter Druck gesetzt werden, nach acht Wochen wieder arbeiten zu gehen»: FDP-Ständerat Andrea Caroni. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Caroni, die Ständeratskommission spricht sich für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub aus. Abgelehnt hat sie eine flexibel aufteilbare Elternzeit von sechzehn Wochen. Was sind Ihre Überlegungen dazu?
Ich lehne den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ab, stehe aber etwas zähneknirschend zum grosszügigen freisinnigen Vorschlag mit der Elternzeit. Grundsätzlich finde ich ja Vaterschaftsurlaub etwas Tolles, aber keine Staatsaufgabe.

Und der Mutterschaftsurlaub schon?
Aus Gründen des Gesundheitsschutzes, ja, vor allem für die Erholung nach der Geburt und das Stillen. Ein Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen ist aber bereits mit den gesetzlich garantierten Ferien von vier Wochen möglich. Und da eine Elternschaft sich Monate vorher ankündigt, können Väter selber entscheiden, ob sie die Ferien gleich nach der Geburt beziehen wollen oder nicht. Was ich mir vorstellen könnte, wäre eine gesetzliche Verankerung des Anspruchs, die Ferien gleich nach der Geburt des Kindes zu beziehen. Heute kann der Arbeitgeber das verweigern.

Die von der FDP vorgeschlagene frei aufteilbare Elternzeit wäre flexibler, dafür würde der Mutterschaftsschutz potenziell beschnitten.
Nein, der Anspruch der Mutter würde aufgewertet. Denn wenn Mütter heute vor Ablauf der 14 Wochen wieder arbeiten gehen, was drei Prozent der Mütter tun, verfallen die restlichen Wochen. Mit der Elternzeit könnte die Mutter diese Wochen auf den Vater übertragen.

Besteht nicht die Gefahr, dass Mütter unter Druck gesetzt würden, die 14 Wochen nicht voll zu beziehen?
Diese Gefahr besteht heute schon, denn obligatorisch sind nur 8 Wochen Mutterschaftsurlaub. Danach können die Mütter theoretisch vom Arbeitgeber oder sonst jemandem unter Druck gesetzt werden, vor Ablauf der 14 Wochen schon wieder arbeiten zu gehen. Mit einer Elternzeit könnte sich dieser Druck seitens der Väter zwar erhöhen. Wer sich Frauen als «Huscheli» vorstellt, sieht das womöglich als Nachteil.

Das Modell Elternzeit wird nun aber wohl nicht weiterverfolgt. Hingegen gibt es eine Chance für den Gegenvorschlag. FDP und CVP sind gespalten, auf ihre Stimmen kommt es an. Wie ist die Stimmung in Ihrer Partei?
In der FDP wird das Gros Nein sagen. Wir hätten Ja gesagt zu einem liberalen und teilweise gegenfinanzierten Modell, um der Volksinitiative den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber der zweiwöchige Vaterschaftsurlaub wird bei uns als reiner Ausbau des Sozialstaats einen kleinen Support haben. Bei der CVP wiederum wird wohl die Mehrheit dafür sein. Am Ende wird es sehr knapp, es wird auf ein paar wenige Stimmen ankommen.

Ihre Kinder sind 4 und 2 Jahre alt. Haben Sie damals Urlaub genommen?
Ich habe in beiden Fällen zur Geburt eine Woche freigemacht. Danach war ich jeweils an der Session, und wenig später sind wir alle zusammen ein paar Wochen verreist. Meine frühe Präsenz war eine tolle Erfahrung, ich empfehle das allen Vätern. Man übernimmt so von Anfang an mehr Verantwortung für das Kind. Lässt man die Mutter zu Beginn ganz allein, bleibt man für immer ihr Lehrling. Meine Partnerin weiss besser Bescheid als ich, was Haushalt und Kinder betrifft. Aber ich war von Anfang an dabei, zum Beispiel war ich der Erste beim Windelnwechseln. Darauf bin ich heute noch stolz. Heute arbeite ich zwar 100 Prozent, meine Partnerin 40 Prozent. Da sie in Zürich arbeitet und ich zur Hälfte in Herisau, bringen wir beide die Kinder etwa gleich oft in die Kita oder zum Arzt. Überstunden gehen nicht ohne gegenseitige Absprache, individuelle Freizeitaktivitäten werden ausgehandelt. Wenn ich mir überlege, was eine Generation früher üblich war, da sind wir gleichstellungspolitisch deutlich weiter.

2 Wochen Vaterschaftsurlaub neben 14 Wochen Mutterschaftsurlaub – gleichstellungspolitisch ist doch das eine Frechheit, oder?
Ja. Darum wollen wir die Elternzeit. Wir finden das viel besser als einen Mutter- und einen Vaterschaftsurlaub. Lasst die Eltern frei entscheiden!

Aber ist der Entscheid wirklich frei? Die meisten Mütter entscheiden sich für die Heimarbeit, weil der Druck einfach zu gross ist.
Das hat unterschiedliche Gründe. Die Biologie wäre eine mögliche Erklärung. Mütter haben zumindest zu Beginn eine besonders starke Bindung zu den Kindern. Zweitens: gesellschaftliche Erwartungen.

Und drittens: der finanzielle Faktor. Kita-Kosten und höhere Steuern versus das Zusatzeinkommen der Frau, die ja weniger verdient als der Mann …
Wenn eine Frau – ökonomisch gesehen – «nach oben» heiratet, bringt es natürlich mehr Geld, wenn der Mann arbeitet. Wenn die Partner aber gleich qualifiziert sind, könnte die Frau schon gleich viel verdienen – wenn sie nicht den Grossteil der Kinderbetreuung übernähme. Kinderbetreuung dämpft den Lohn, denn die Frau wird dadurch viel weniger verfügbar und flexibel. Es ist aber der freie Entscheid eines Paares, wer wie viel Zeit im Job und wer wie viel Zeit mit den Kindern verbringt. Will eine Frau mehr Zeit im Beruf verbringen, muss sie ihren Partner zu Hause mehr in die Pflicht nehmen, schon bei der Familienplanung.

Das scheint meistens nicht der Fall zu sein, auch bei Ihnen war das nicht so.
Es muss auch nicht unbedingt ein 50:50-Verhältnis sein. Eine Bekannte von mir, die brillant abgeschlossen hat und beste Chancen auf eine gut bezahlte Kaderstelle hätte, hat ihr Pensum reduziert und ist viel zu Hause bei den Kindern. Ihr Mann, der ursprünglich viel weniger ambitioniert war als sie, arbeitet viel mehr. Sie ist eine resolute, selbstbestimmte Frau. Ich gehe davon aus, dass das ihr freier Entscheid ist, dieses Modell zu leben.

Erstellt: 22.08.2018, 17:30 Uhr

Andrea Caroni

Der FDP-Ständerat aus Herisau AR ist Vizepräsident der FDP Schweiz. Daneben arbeitet der 38-jährige Vater zweier kleiner Kinder als Rechtsanwalt in Herisau sowie als Lehrbeauftragter an der Hochschule St. Gallen.

Artikel zum Thema

Jetzt geht es vorwärts mit dem Vaterschaftsurlaub

Zwei Wochen sollen es sein: Die Kommision des Ständerats hat sich zu einem Kompromiss durchgerungen. Mehr...

Neue Chance für Vaterschaftsurlaub – mit Hilfe der FDP

Ein Gegenvorschlag zur Volksinitiative könnte mehrheitsfähig werden. Freisinnige Ständeräte sind dafür – bedingungslos. Mehr...

Warum Väter lieber arbeiten – ein Erklärungsversuch

SonntagsZeitung Selbst wenn Männer Anspruch auf Vaterschaftsurlaub haben, verzichten sie darauf. Was sind die Gründe? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...