Die erfolgreichen Jungen

Den Wahlerfolg haben die Grünen wesentlich der Aufbauarbeit ihrer wenig beachteten Jungpartei zu verdanken. Sie hat sich zur beliebtesten Gruppierung bei jungen Wählern gemausert.

Bastien Girod ist Gründungsmitglied der Jungen Grünen und für seine provokanten Aktionen bekannt. Foto: Fabienne Andreoli

Bastien Girod ist Gründungsmitglied der Jungen Grünen und für seine provokanten Aktionen bekannt. Foto: Fabienne Andreoli

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Nach dem Wahlsieg der Grünen trifft sich im Bundeshaus ein altes Gespann wieder: die Väter und Mütter der Anti-Offroader-Initiative. Mit der ersten Volksinitiative nur wenige Monate nach der Parteigründung machten die Jungen Grünen ab 2005 Furore. Mit Erfolg: Heute, vierzehn Jahre später, schaut mehr als die Hälfte der neu gewählten grünen Nationalrätinnen und Nationalräte auf eine Karriere bei den Jungen Grünen zurück. Sie ist eine der jüngsten Jungparteien der Schweiz und steht medial im Schatten der lauteren Jungsozialisten und der Jungen SVP.

Stärkste Jungpartei des Landes

Zu Unrecht. Es ist zu einem wesentlichen Teil das Verdienst der Jungen Grünen, dass die Mutterpartei die grüne Welle erfolgreich surfen und die Wählerschaft mobilisieren konnte. Die Partei hat die gesamtschweizerischen Wähleranteile bei den Nationalratswahlen ausgewertet. Resultat: Mit insgesamt 1,47 Prozent sind die Jungen Grünen mit Abstand die stärkste Jungpartei des Landes, deutlich vor Jung-GLP und Juso mit je nicht ganz einem Prozent. An der Spitze liegt die Partei in sämtlichen grossen Kantonen.

Die Stärke der Partei liegt laut Co-Präsident Luzian Franzini unter anderem darin begründet, dass sie die beste Kampagne in den sozialen Medien geführt habe. Bei Standaktionen der Grünen waren die Jungen überproportional präsent, und auch die Klimastreiks hätten geholfen: Die Jungen Grünen erfreuten sich in den vergangenen Monaten regen Zulaufs und zählen inzwischen 3700 Mitglieder.

Der Grundstein für den heutigen Erfolg der Jungpartei aber sei früher gelegt worden, fügt Franzini umgehend hinzu: mit der Offroader-Initiative. Die Partei war damals in den Kinderschuhen, nur wenige Monate alt, aber voller Tatendrang. Es begann damit, dass die heutige Berner Nationalrätin Aline Trede den heutigen Zürcher Nationalrat Bastien Girod beim Studium der Umweltwissenschaften an der ETH Zürich kennen lernte.

Provokative Aktionen

Die beiden wollten grüne Politik machen, doch eine Jungpartei dafür gab es nicht. Während SP und Freisinn schon 1906 und 1928 die Jungen entdeckt hatten und SVP und CVP in den 70er-Jahren nachzogen, hatten die regulären Grünen selbst erst 1983 zu einer nationalen Partei gefunden.

Also legten Trede und Girod gemeinsam los, gründeten zuerst die Zürcher, danach die nationale und Trede später noch die Berner Jungpartei. Sie machten rasch mit provokativen Aktionen auf sich aufmerksam, verteilten etwa eine Fotomontage der Bundesratsmitglieder in Badewäsche, um auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen.

Girod brachte die Idee ein, eine Volksinitiative gegen Offroader zu lancieren, ein ETH-Professor half bei der Formulierung. Der Plan erwies sich als medialer Knaller, erst recht, als die Jungen Grünen 2005 begannen, Propagandakleber auf Zürcher Offroadern zu verteilen. Davon profitierte in erster Linie das Gesicht der Initiative, Bastien Girod. Er wusste sich medial besonders geschickt zu inszenieren.

Im Sommer 2007 posierte Girod halb nackt vor einem Polizeiauto.

2007 etwa, im Wahlsommer, posierte er mit anderen Jungen Grünen halb nackt vor einem Polizeiauto, um gegen Leibesvisitationen zu protestieren. Girods Sixpack war für die Boulevardpresse ein gefundenes Fressen, umso mehr, als der Jungpolitiker bei der Aktion eine Delle im Streifenwagen hinterliess. Im selben Jahr schaffte Girod mit 27 Jahren den Sprung in den Nationalrat.

Inzwischen zählt die Jungpartei dank steter Aufbauarbeit zwanzig Sektionen, ist in zehn Kantonsparlamenten und zahlreichen Gemeindeorganen aktiv, hat ein Budget von 150'000 Franken und wird geführt von einem Dreierpräsidium, dessen Mitglieder anders als die Gründergeneration nicht mehr durch Blocher und die Kyoto-Verhandlungen politisiert wurden, sondern durch den Atomunfall in Fukushima oder noch später.

Die stete Investition in die Jungen zahlt sich nun auch bei nationalen Wahlen aus. In der Waadt etwa holten die Jungen Grünen im Oktober 3,3 Prozent Wähleranteil und damit einen zusätzlichen Sitz für die Mutterpartei. Es ist ein Hinweis darauf, dass die grüne Welle kein kurzfristiges Phänomen sein dürfte.

Aline Trede, Gründungsmitglied Jungen Grünen. Foto: Keystone

Anders als Bastien Girod war Aline Trede, Gründungsmitglied und Organisatorin im Hintergrund, lange weniger Wählerglück beschieden: Nur mit Nachrücken zog sie in den Nationalrat ein, wurde 2015 abgewählt, rutschte wieder nach. Jetzt, 2019, hat auch sie die Wahl geschafft. Sie freut sich, die alten Weggefährten nun in der Fraktion wiederzufinden.

Die einstigen Jungen bilden nun eine wichtige Stütze für die Fraktion, in der 17 von 28 Mitgliedern neu sind. Trede ist sicher, dass ihre Gruppe dabei helfen wird: Sie hätten alle jahrelange Politerfahrung und seien es gewohnt, sich durchzubeissen. «Wir kennen einander sehr gut und wissen genau, wer wie tickt», sagt Trede. «Diese Verbindung über die ganze Schweiz hinweg wird helfen, die ganze Fraktion zusammenzuhalten. Das wird eine grosse Herausforderung.»

Erstellt: 30.11.2019, 16:16 Uhr

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