Die erste Heilige der Schweiz
Das kleine Dorf Auw im Aargau fiebert der Heiligsprechung von Bernarda Bütler entgegen. Sie ist die erste Heilige der Schweiz.
Auw, ein Dorf mit 1600 Seelen, ist eine Ortschaft wie viele andere im Freiamt. Doch seit Papst Benedikt bekannt gab, dass er am 12. Oktober Maria Bernarda Bütler heiligsprechen werde, fühlt sich der Geburtsort der ersten Schweizer Heiligen von der Gnade beflügelt. Die Bäckerei Trutmann an der Durchgangsstrasse nach Luzern verkauft kreuzförmiges Bernarda-Brot aus gesegnetem Mehl. Hinter der Kirche St. Nikolaus lässt die Kirchenpflege gerade einen alten Speicher zu einem Museumsraum herrichten. Geplant ist ein Besinnungsweg den Wiesen entlang zu jenem Hügel am Ortsrand, auf dem dereinst eine Statue der berühmtesten Tochter des Dorfes die Pilger willkommen heissen soll.
In der Rokokokirche stellt Pfarrer Alphons Brunner (76) zufrieden fest: «Es kommen deutlich mehr Gläubige in unsere Kirche.» Ablesbar sei das am stark zunehmenden Kerzenopfer bei der Bernarda-Gedenknische. Auch das dort aufliegende Anliegenbuch füllt sich schneller als früher: «Danke Bernarda, dass du meinem Sohn geholfen hast, eine Lehrstelle zu finden», heisst es darin. Oder: «Heilige Bernarda, bewahre mich vor den Angriffen des Bösen . . .»
Wunder und Gebetserhörungen
Natürlich wollen nun immer mehr Leute das Haus am Bachweg 4 sehen, in dem Bernarda 1848, dem Geburtsjahr der modernen Schweiz, auf die Welt kam. Im schmucken Bauernhaus wohnt Rosmarie Wicki-Bütler mit ihrem Sohn. Die 77-Jährige, deren Grossvater ein Cousin der Heiligen war, nimmt den zunehmenden Rummel gelassen. Besucher um Besucher zeigt sie das mit Fotos, Traktaten und Stoffreliquien vollgestopfte Zimmer. Ja, sie bete öfters zu Bernarda. Das sei auch nötig gewesen in den letzten Jahrzehnten mit den vielen Schicksalsschlägen - Geburt der invaliden Schwester, früher Tod des Vaters, Unfall der Tochter. Nach deren Kopfoperation hätten die Ärzte zu ihr gesagt: «Wir konnten nicht helfen, jemand anders hat geholfen.» Von diesem «Wunder» spricht Wicki hinter vorgehaltener Hand. Und mit gesenkter Stimme auch von den anderen Gebetserhörungen im Dorf, um die man eben kein Aufhebens machen wolle.
Nach Einschätzung von Pfarrer Brunner wird die Heilige vor allem als Fürsprecherin für die in Not betenden Menschen gnadenreich wirken. Ihre zwei von der Kirche offiziell anerkannten Wunder stehen für ihn ausser Zweifel. Schliesslich sei wissenschaftlich erhärtet, dass ein zweiwöchiges Mädchen von seinem Gehirntumor und eine Ärztin in Kolumbien von ihrem Lungenleiden wunderbar geheilt worden seien.
Kein Wallfahrtsort
Dass Auw ein veritabler Wallfahrtsort, ein zweites Sachseln, wird, glaubt der Pfarrer jedoch nicht. Landesvater Bruder Klaus sei in Sachseln begraben. Bernarda hingegen habe in Auw nur ihre Jugend verbracht, und ihr Grab liege in Cartagena, Kolumbien. 1888 war sie von Altstätten aus nach Ecuador ausgewandert, wo sie die Kongregation der Franziskaner Missionsschwestern Maria-Hilf gründete. Die Revolution trieb sie nach Kolumbien. Den Sozialreformerinnen verdankt das Land Schulen, Spitäler und Heime. In Cartagena werde Bernarda als Stadtheilige verehrt, berichten ihre Verwandten in Auw, die fast alle schon dort waren. In Cartagena habe praktisch jeder Taxifahrer im Auto eine «Reliquie» der Schweizerin hängen.
«Ich bewundere Bernarda, weil sie sich bedingungslos für die Armen eingesetzt hat», sagt Anita Bütler-Küng, Urgrossnichte der Heiligen und Wirtin im behäbigen Gasthaus Hirschen mitten in Auw. «Was die starke Frau fertiggebracht hat in dieser Männerkultur!» Im katholischen Dorf hätten vor allem ältere Leute noch eine Beziehung zur Heiligen. Als Kind sei sie von der Grossmutter angehalten worden: «Rufe Mutter Bernarda an, wenn es dir schlecht geht.» So bete sie heute noch zu Bernarda. Ihre kleinen Buben allerdings fürchten sich vor der Heiligen, deren schwarz verschleiertes Konterfei einem von so vielen Winkeln des Dorfes prüfend anblickt.
Bütlers reisen nach Rom
Mehrere Mitglieder der Familie Bütler werden am 12. Oktober - gemeinsam mit 200 weiteren Gläubigen aus der Gemeinde - zur Heiligsprechung nach Rom reisen. Am Tag darauf sei eine Audienz bei Papst Benedikt vorgesehen, bestätigt OK-Präsident Paul Leu in der nüchternen Gemeindekanzlei. Auch den CVP-Gemeindeammann, der sonst Pflanzenschutzmittel verkauft, scheint die Heiligsprechung zu beflügeln: «Eine gute Sache fürs Dorf, eine echte Chance.»
Leu freut sich vor allem auch auf die grosse Nachfeier vom 19. Oktober in seiner Gemeinde. Dann wird, in einem eigens gefertigten Schrein, eine Reliquie der Heiligen in die Bernarda-Nische der Kirche überführt - ein Knochenstückchen, das der exhumierten Leiche entnommen wurde, wie das vor einer Heiligsprechung üblich ist. Doch für die grosse Gedenkfeier ist die Kirche zu klein. Die gegen 1000 Gäste - samt hoher Geistlichkeit, Regierungsräten und Doris Leuthard - müssen in die Lagerhalle am Dorfrand ausweichen.
Die erste oder doch nicht die erste?
Angesichts des grossen Medieninteresses hat Leu auf den 6. Oktober eine Pressekonferenz anberaumt. Man wird dort konsequent von der «ersten weiblichen Heiligen für die Schweiz» sprechen. Weder der Pfarrer noch der Gemeindeammann lassen sich von Katholiken aus St. Gallen beirren, die die 1047 heiliggesprochene Wiborada als erste Schweizer Heilige beanspruchen. Die St. Galler Klosterfrau stamme aus schwäbischem Adel, und damals habe St. Gallen nicht zur Schweiz gehört, weil es diese noch gar nicht gab.
Jeden Tag zu Bernarda beten
An der Nachfeier wird Auw einen Aufmarsch von 350 Franziskanerschwestern aus Kolumbien, Chile und Ecuador erleben. Der von Bernarda gegründete Orden zählt heute 800 Schwestern, die fast alle in Südamerika leben. Zwei sind im Alters- und Pflegeheim Maria Bernarda am Dorfrand von Auw tätig. Die freundliche Schwester Johanna in weisser Ordenstracht ist gerne bereit, das Zimmer zu öffnen, in dem Fotos das Leben Bernardas dokumentieren. Unter dem Bild der Heiligen in der Kapelle betet die Schwester jeden Tag zu Bernarda - auch dafür, dass sie die Last der Betagten erträglich macht. «Ich jedenfalls fühle mich glücklich und fröhlich wie die Ordensgründerin», bekennt die 71-Jährige.
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