«Die Frau war vor dem Islam kein Sexobjekt»

Der Händedruck-Vorfall löst eine Genderdebatte unter Muslimen aus. Im Fokus steht die «fundamentalistische» Lehre der beiden Handschlagverweigerer.

Berührung zwischen Mann und Frau sorgt für Diskussionsstoff: Unterricht in einer Schweizer Schule. (Archivbild)

Berührung zwischen Mann und Frau sorgt für Diskussionsstoff: Unterricht in einer Schweizer Schule. (Archivbild) Bild: Keystone

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Ein verweigerter Handschlag beschäftigt mittlerweile die oberste Etage der Schweizer Politik: «Das geht nicht. Das geht viel zu weit», sagte Simonetta Sommaruga am Montag. Es war der emotionalste öffentliche Auftritt der Justizministerin seit ihrem Kampf gegen die Durchsetzungsinitiative. «So stelle ich mir Integration nicht vor. Auch unter dem Titel der Religionsfreiheit kann das nicht akzeptiert werden.»

Von der bundesrätlichen Ansage scheinbar unbeeindruckt meldete sich gestern Nabil Arab zu Wort. Der Geschäftsführer der islamischen König-Faysal-Stiftung verteidigt das Verhalten der muslimischen Sekundarschüler aus Therwil (BL), die ihrer Lehrerin nicht die Hand geben wollten. Er kennt den Vater der beiden Schüler gut, weil dieser jeweils freitags in einer Moschee predigt, die zur Faysal-Stiftung gehört.

Mohammed als Retter der Frau?

Arab bezieht sich auf Prophet Mohammed, der sein Leben lang keine Frau ausser der eigenen berührt hatte: «Nach seinem Leben gilt es sich zu richten», sagt Arab zu «20 Minuten». Vor dem Islam seien viele Frauen als Sklavinnen gehalten worden und seien der Männerwelt für Sex zur Verfügung gestanden. Der Islam habe die Befreiung der Frau herbeigeführt. «Die Frauen bedeckten sich, lediglich ihr Ehemann durfte sie berühren und damit erhielten sie ihre Ehre und Würde zurück.»

Andere muslimische Vertreter distanzieren sich von der Lehre, wie sie Arab vertritt. Es gebe genügend Hinweise, dass die Frau vor dem Islam kein Sexobjekt gewesen sei, sagt Imam Mohamed Hakimi von der Zürcher Al-Hidaya-Moschee zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «In der alten arabischen Poesie wurde die Frau hervorgehoben und für etwas Heiliges gehalten.» Betreffend Händedruck meint Hakimi: «Im Koran gibt es kein absolutes Verbot. Das Thema bleibt Interpretationssache.» Der Imam wirft Arab mangelndes Wissen in der Thematik vor.

Mehr Rechtssicherheit dank Koran

Die Islamwissenschaftlerin Rifa'at Lenzin ist unter anderem auf Genderthemen spezialisiert. Der Islam habe zwar eine Verbesserung für die Stellung der Frau gebracht, jedoch nicht so, wie von Arab beschrieben. «Die Regeln und Normen im Koran bildeten einen wichtigen Schritt zur Rechtssicherheit», sagt Lenzin zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Gewohnheitsmässige Verhaltensweisen» wie etwa der weibliche Infantizid – die Tötung weiblicher Neugeborener – seien verboten worden.

«Mohammed begrüsste die Frauen mit der Hand auf dem Herz. Er hatte gute Manieren, wir leben danach», sagt Arab. Gemäss Lenzin geht das Berührungsverbot jedoch nicht einfach auf Mohammed zurück, sondern sei im Laufe der Zeit entwickelt worden: «Fromme Kreise vermeiden Berührungen über die Geschlechtergrenzen hinweg und verstehen dies als Zeichen des Respekts», sagt Lenzin. Das gelte auch für gewisse jüdische Vertreter. Dahinter stehe die Furcht vor sexuellen Reizen der Frau. «Nach dieser Leseart ist die als aggressiv verstandene weibliche Sexualität bedrohlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft.»

«Fundamentalistische» Lehre

Der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze beschreibt die Lehre, wie sie die Sekschüler aus Therwil erfahren haben, als «fundamentalistisch». «Der Versuch, so zu leben wie Prophet Mohammed, entspringt einer sehr konservativen Vorstellungswelt.» Die Einstellung sei harmlos, solange sie sich auf die eigene Lebenswelt beschränke und keine Machtansprüche entwickle. «Sie repräsentiert einen wahabitischen Islam, der in Saudiarabien gepflegt wird», sagt Schulze.

Ein Blick auf die Hintergründe der Stiftung unterstreicht, dass ihre Lehre auf der saudischen Kultur und Islampolitik basiert. Auf der Website gibt sie bekannt, dass sie durch einen «anonymen Gönner» der Organisation Muslim World League (Islamische Weltliga) in Saudiarabien finanziert worden sei. 1998 rettete er das islamische Zentrum mit einer Spende von 1,5 Millionen Franken vor der Zwangsversteigerung. Zuvor wurde die ursprünglich türkisch geprägte Stiftung durch den saudischen Staat unterstützt, der die Änderung zum heutigen Namen verlangte und Einsitz in den Stiftungsrat nahm. Seit einigen Jahren bekäme die Stiftung jedoch laut Arab keine Gelder mehr aus Saudiarabien. Banken und Post hätten die Eröffnung eines Kontos verweigert.

Angeblicher Vorfall im Jahr 2013

Aus dem Zentrum sind im Raum Basel bis heute acht Moscheen hervorgegangen. Zum Freitagsgebet kommen jeweils 200 bis 300 Männer aus rund 20 Ländern, die Mehrheit mit arabischer Muttersprache. Im Dezember 2013 kam es gemäss «Basler Zeitung» in der Faysal-Moschee zu Predigten gegen «Ungläubige». Diese seien mit Texten an den Wänden beleidigt und verunglimpft worden. Unter anderem sollen Koranverse und Bücher zitiert worden sein, die Kirchenglocken als Ding des Teufels verurteilten.

Erstellt: 06.04.2016, 15:24 Uhr

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Wie der «Blick» nun berichtet, hat einer der beiden Schüler auf seiner Facebookseite Propaganda der Terror Miliz Islamischer Staat gepostet. Dies bestätigt Saïda Keller-Messahli, Gründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. «Das ist ganz klar eine IS-Flagge», sagt sie zum «Blick».

Im publizierten Video soll auch eine vermummte Person mit einer Kalaschnikow zu sehen sein, wie es im Bericht weiter heisst. Die Aufforderung des Schülers im Kommentar: «Jeder Muslim soll liken.»

Nach Einschätzung von Saïda Keller-Messahli haben die Lehrpersonen falsch reagiert, als sie den Schülern die Pflicht zum Handgruss erlassen haben. Die Lehrerinnen fühlten sich durch die Handschlag-Verweigerung diskriminiert. «Sie hätten sich ein Bild machen sollen, dann wären sie auf die IS-Videos gestossen», sagt sie zum «Blick». (kat)

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