Die Fruchtbarkeitskrise der Männer als Weckruf

Die Gefahren hormonaktiver Chemikalien in Alltagsprodukten und der Landwirtschaft müssen endlich aktiver untersucht werden.

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Nein, die Schweizer Bevölkerung wird nicht aussterben. Trotz stetig sinkender Spermienqualität werden die hiesigen Männer bis auf weiteres Kinder zeugen können, wenn auch zunehmend Geduld nötig sein wird.

Die soeben veröffentlichte Studie der Universität Genf zum schlechten Zustand der Schweizer Spermien sollte aber dennoch wachrütteln. Seit den 90er-Jahren hat sich die stetig abnehmende Fruchtbarkeit der Männer bestätigt. Seit den 2000er-Jahren ist der Verdacht erheblich, dass hormonaktive Chemikalien in kosmetischen Produkten, Kunststoffen und in der Landwirtschaft dafür mitverantwortlich sind. Nicht nur für die sinkende Fruchtbarkeit der Männer. Die Verdachtsliste reicht von Brust- und Prostatakrebs über Diabetes bis hin zu Übergewicht und Autismus. In der Tierwelt sind negative Folgen dieser Chemikalien ebenfalls dokumentiert.

Die Verdachtsliste reicht von Brust- und Prostatakrebs über Diabetes bis hin zu Übergewicht und Autismus.

Die Schweizer Politik und die Behörden lassen das Thema hingegen seit Jahren vor sich hin plätschern. Es ist bezeichnend, dass die Genfer Unter­suchung zur Spermienqualität wegen knapper Finanzen dreizehn Jahre gedauert hat, obwohl sie eigentlich in kurzer Zeit hätte durchgezogen werden können. Auch die Hochschulen interessieren sich wenig für das Thema. Die Universität Zürich beispielsweise, an der in den Nullerjahren noch nach hormonaktiven UV-Filtersubstanzen in der Muttermilch gefahndet wurde, lässt sich heute stattdessen lieber gleich zwei Muttermilchprofessuren sponsern, die in erster Linie das Stillen promoten sollen.

Bei der Fruchtbarkeitskrise der Männer und generell den unklaren Risiken von hormonaktiven Chemikalien steht die Schweiz im europäischen Vergleich schlecht da. Beides wird hier­zulande so stiefmütterlich behandelt, dass inzwischen selbst kompromiss­lose Initiativen, die ein Pestizidverbot fordern, reale Chancen haben.

Darin gleichen sie den Themen Bio­diversität und Klimawandel, denen nach jahrelangem Dornröschenschlaf endlich wieder Aufmerksamkeit geschenkt wird. Nicht durch Einsicht, sondern durch öffentlichen Druck.

Erstellt: 22.05.2019, 07:17 Uhr

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