Biel und sein schlechter Ruf – wow, da passiert plötzlich was!

«Armenhaus der Schweiz», «Sozialhilfehochburg» – das sind Schlagzeilen zu Biel. Schluss damit jetzt, denn die Erfolgsmeldungen häufen sich.

Der neue Hauptsitz der Swatch Group  in Biel. Foto: Adrian Moser

Der neue Hauptsitz der Swatch Group  in Biel. Foto: Adrian Moser

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Das spektakulärste Gebäude der Stadt Biel wird Anfang Oktober ganz unspektakulär eröffnet: mit dem üblichen Durchschneiden des Bandes. Doch Nick Hayek, Chef des Uhrenkonzerns Swatch Group, hält sich nicht an den Zeitplan. Er schneidet das Band zusammen mit seiner Schwester Nayla Hayek und dem japanischen Stararchitekten Shigeru Ban früher als vorgesehen durch. Die anwesenden Fotografen werden überrumpelt. Es wirkt fast, als sei Biel etwas zu langsam für die offizielle Eröffnung von neuen Firmengebäuden der Swatch Group. Oder Hayeks zu schnell für die Stadt mit ihren über 56’000 Einwohnern.

Die riesige Holzkonstruktion im Osten von Biel steht für das Wachstum, auf das sich der weltweit grösste Uhrenkonzern einstellt. Das Gebäude, das den Hinterteil eines Drachens darstellen soll, erstreckt sich über 240 Meter Länge und 35 Meter Breite. Der halb durchsichtige «Drache» bietet Platz für 400 Mitarbeitende. Am gleichen Standort hat die Swatch Group aber auch eine neue Manufaktur für ihre Luxusuhrenmarke Omega und zwei Museen eröffnet. Dafür investierte das Unternehmen insgesamt 220 Millionen Franken. Es ist ein Bekenntnis zur Uhrenstadt.

Die Zeiten in Biel waren nicht immer so glamourös. Die wichtige Uhrenindustrie stand Anfang der 1980er-Jahre kurz vor dem Kollaps. Nick Hayeks Vater Nicolas Hayek hatte zusammen mit anderen Industriellen die Marke Swatch ins Leben gerufen und damit den Grundstein gelegt für die Rettung der Schweizer Uhrenbranche.

Unschönes Image

Freilich sind die Nachwehen der Uhrenkrise bis heute zu spüren. Noch immer sind in Biel 11 von 100 Einwohnern von der Sozialhilfe abhängig, was schweizweit ein Rekord ist. Das hat mit dem Wesen Biels als Arbeiterstadt zu tun. In der Industrie ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch.

Das Image von Biel ist deshalb seit je wenig schmeichelhaft: «Fürsorge-Stadt», «Armenhaus der Schweiz», «Sozialhilfehochburg» lauten die Schlagzeilen, mit denen die Zeitungen aus Zürich die Stadt am Jurasüdfuss beschreiben.

Die Bielerinnen und Bieler sind sich bewusst, dass ihre Stadt in der Schweiz einen schlechten Ruf hat. Nörglern und Kritikern werfen sie ein trotziges «ici c’est Bienne» entgegen. Selbst die Deutschschweizer, die mit einem Anteil von zwei Dritteln die Mehrheit in der zweisprachigen Stadt stellen, sprechen den Slogan nur auf Französisch aus.

Der Eishockeyclub steht für den Aufschwung

Entstanden ist der Ausspruch in der Eishockey-Fanszene, nachdem der EHC Biel nach 13 bitteren Jahren in der damaligen Nationalliga B in der Saison 2007/2008 den Wiederaufstieg schaffte. Der Club und das neue Stadion im Industriegebiet stehen heute für den wirtschaftlichen Aufschwung und ein neues Selbstbewusstsein der Stadt. Der EHC Biel grüsst derzeit von Platz sechs der Tabelle und liegt immerhin vor den kantonalen Erzrivalen Bern und Langnau.

In der Tissot-Arena, im Jahr 2015 für 77 Millionen Franken fertiggestellt, feuern die Fans ihre Mannschaft mit «ici c’est Bienne» an. Tissot ist eine Uhrenmarke der Swatch Group. Selbst die Stadtverwaltung nutzt den Spruch für ihre externe Kommunikation. SP-Stadtpräsident Erich Fehr betont, dass die Investitionen in das neue Eishockeystadium für die öffentliche Hand «an der oberen Grenze der Möglichkeiten» gewesen seien. Umso erfreulicher sei es, dass der EHC Biel diese finanzielle Anstrengung nun mit Erfolgen auf dem Eis zurückzahle.

Erfreulicher Trend

Die träge Sozialhilfehochburg macht sich – und dies nicht nur in sportlicher Hinsicht. Sie putzt sich heraus, beginnt zu glänzen. Die Zahlen spiegeln einen erfreulichen Trend. Im Vergleich zu 2010 ist die Arbeitslosenquote um 2,2 Prozentpunkte auf zuletzt 3,7 Prozent gesunken. Die Unternehmen in der Stadt haben seit dem Jahr 1995 über 3200 zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen.

Und die Anziehungskraft auf die Wirtschaft scheint nicht nachzulassen. Im Stadtzentrum in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs hat sich ein Unternehmen niedergelassen, das die wenigsten Bieler in ihrer Arbeiterstadt erwartet hätten: die UBS. Auf rund 7700 Quadratmeter verteilt arbeiten dort auf drei Stockwerken bis zu 600 Mitarbeiter für die Grossbank. Es handelt sich um Abteilungen, die aus regulatorischen Gründen in der Schweiz bleiben müssen – wie etwa die Bearbeitung von Hypotheken. Das Kalkül ist einfach. Die Grossbank spart Kosten, weil die Mieten ausserhalb des Finanzstandorts Zürich günstiger sind.

Der Schaffhauser Industriekonzern Georg Fischer glaubt ebenfalls an Biel. Das Unternehmen hat im Industriegebiet ein neues Innovations- und Produktionszentrum für Werkzeugmaschinen eröffnet. Das Zentrum bietet Platz für bis zu 450 Arbeitsplätze. Georg Fischer investierte rund 100 Millionen Franken und ersetzt mit dem Neubau drei Werke in der Umgebung. Das neue Gebäude ist auch Hauptsitz der GF-Division Machining Solutions. Die Division GF Machining Solutions bietet Dienstleistungen und Werkzeuge für die Produktion von Formen, Werkzeugen und hochwertigen Metallteilen. 13’000 Quadratmeter stehen in Biel für Produktion und Montage bereit.

Biel konnte die Unternehmen unter anderem mit seiner Bodenpolitik überzeugen. «Unternehmen können sich bei uns weiterentwickeln», sagt Stadtpräsident Fehr. Ausserdem könne die Wirtschaft auf Fachkräfte aus der Präzisionsindustrie und dem Hightechbereich zurückgreifen.

Hoffnung auf Gutverdiener

Die Vorreiterrolle von Biel in diesen Branchen zeigt sich auch darin, dass die Stadt Bildungsstätten anzieht. Die Berner Fachhochschule siedelt einen neuen Campus an, die Aushubarbeiten haben im Sommer begonnen. Im Mai wurde zudem der Grundstein für den Innovation Park gelegt, dessen Spezialisten sich mit der Digitalisierung in der Industrie beschäftigen werden.

Die Hoffnung ist, dass die neuen Stellen gut verdienende Arbeitnehmer anlocken und somit der Mittelstand gestärkt wird. Wichtige Impulse für den Aufschwung kamen mit der Landesausstellung Expo.02. Das Stadtbild – lange Zeit sichtbares Zeichen des Niedergangs – hat sich seither massiv verändert. Die Einkaufsmeile, die Nidaugasse, wurde verkehrsfrei gemacht und besser an die Altstadt angebunden. Die Stadt eröffnete die Bahnhofpassage, welche die Innenstadt mit dem Seeufer verbindet. Noch vor der Expo.02 hatte es die Stadt innerhalb kurzer Zeit geschafft, den Bielerhof, das Hotel Touring de la Gare und die Fabrikhallen der Vereinigten Drahtwerke abzureissen und im Falle des Bielerhofs wieder neu aufzubauen. Sie alle waren seit Jahren leer gestanden. Es waren Symbole für den schleichenden Zerfall der Stadt.

Angst vor Gentrifizierung

Die neue, positive Entwicklung in Biel ruft aber auch Kritiker auf den Plan. Sie gehören ausgerechnet der gleichen Partei an wie der Stadtpräsident. «Biel ist eine lebendige Stadt», sagt Levin Koller, Stadtparlamentarier der Jungsozialisten. «Ich sehe eine Gefahr der Gentrifizierung, welche diese Vielfalt verdrängt. Schon jetzt steigen in einigen Stadtteilen die Mieten.» Im städtischen Parlament fordert der Jungpolitiker deshalb, dass Biel den gemeinnützigen Wohnungsbau fördert.

Wie auch immer die Debatte ausgeht: Die neue Dynamik, die Biel erfasst hat und die sich symbolisch im Swatch-«Drachen» manifestiert, wird so schnell nicht wieder verschwinden. Im chinesischen Horoskop gilt der Drache als intelligent und selbstbewusst. Das neue Produktionszentrum von Georg Fischer steht an der Roger-Federer-Allee. Wenn das keine guten Omen sind.

Erstellt: 31.12.2019, 11:25 Uhr

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