«Die Gefahr, dass der Mann erneut eine Frau tötet, ist gross»

Der erste Gewalttäter, der in der Schweiz lebenslang verwahrt werden soll, steht bald vor Obergericht. Gerichtspsychiater Thomas Knecht glaubt, der Prostituierten-Mörder von Märstetten TG würde rückfällig.

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Im Oktober 2008 ordneten Schweizer Richter zum ersten Mal nach dem Ja zur Verwahrungsinitiative im Jahr 2004 eine lebenslängliche Massnahme an. Mike A., der 2008 in Märstetten TG ein Call-Girl umgebracht hat, muss lebenslang hinter Gitter. Das Weinfelder Bezirksgericht verurteilte den 43-Jährigen zu einer 20- jährigen Gefängnissstrafe mit anschliessender lebenslänglicher Verwahrung.

Der Verteidiger des 43-Jährigen akzeptiert das Urteil nicht. Der Berufungs-Prozess vor dem Thurgauer Obergericht findet am 30. Mai statt. Zwar gibt der Verteidiger vor dem Gerichtstermin keine Auskunft über seine Anträge, es ist aber anzunehmen, dass er eine Verwahrung nach altem Recht verlangt, wie bereits vor der ersten Instanz.

Können Sie das nachvollziehen, Herr Gerichtspsychiater Knecht?
Nein, absolut nicht. Die Gefahr, dass der Angeklagte nochmals eine Frau umbringt, ist sehr hoch. Das Gericht hat meiner Meinung nach das einzig mögliche Urteil gefällt.

Warum sind Sie so sicher, dass der Angeklagte rückfällig werden könnte?
Ich habe ihn bereits vor 19 Jahren begutachtet. Es ging um ein Tötungsdelikt von 1989. Der damals 21-jährige Angeklagte gestand zuerst, dass er eine 27-jährige Frau umgebracht habe. Allerdings widerrief er das Geständnis später. Da die Leiche der Frau bei einem Brand völlig verkohlt war, konnte ihm das Gericht das Tötungsdelikt nicht beweisen.

Zog man damals auch eine Verwahrung in Erwägung?
Ja. Das Gericht sah aber davon ab.

Waren Sie erstaunt, als Sie den «Fall» erneut auf dem Tisch hatten?
Knecht: Nein.

Können Sie nochmals ausführen, weshalb der Angeklagte nun lebenslänglich verwahrt werden soll?
Der Mann ist hochgradig rückfallgefährdet. Er ist ein sexueller Sadist, der Lust am Leiden seiner Sexpartnerinnen hat. Dazu kommt eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Der Täter ist nicht einsichtig. Eine Bestrafung nützt nichts. Eine Therapie gibt es nicht.

Könnte man den Mann nicht unschädlich machen, zum Beispiel mit einer medikamentösen Kastration?
Nein. Dazu ist er zu gefährlich. Eine solche Behandlung funktioniert nur auf Vertrauensbasis. Bei der Medikamenteneinnahme können die Patienten tricksen.

Wenn das Thurgauer Obergericht das Urteil der Vorinstanz bestätigt, muss der Angeklagte für 20 Jahre ins Gefängnis. Dann beginnt die lebenslängliche Verwahrung. Laut dem Verteidiger weiss niemand, was für ein Mensch der Angeklagte nach 20 Jahren ist. Ändert sich der Mann nicht?
Er wird sich sicher verändern. Aber er wird eine Gefahr bleiben.

SDA: Ist die lebenslängliche Verwahrung sicher? Kommt der Mann nie mehr in die Nähe einer Frau?
Unmöglich ist das nicht. Beim Vollzug gibt es zwar hohe Sicherheitsmassnahmen. Doch es steht nirgends im Strafgesetzbuch, dass ein lebenslänglich Verwahrter keinen Ausgang bekommt. Darüber entscheidet eine externe Fachkommission. Ausserdem kann ein Verwahrter auch im Gefängnis Beziehungen zu Frauen pflegen, zum Beispiel im Besuchszimmer.

Der Angeklagte hat den Mord an der Prostituierten kategorisch abgestritten und dem Gericht die unmöglichsten Geschichten aufgetischt, obwohl die Indizienlage dank DNA-Analysen glasklar war. Verdrängt er die Tat oder ist er ein Lügner?
Der Mann lügt. Er hat kein Gerechtigkeitsempfinden wie ein normaler Mensch.

Erstellt: 22.04.2011, 11:10 Uhr

Gerichtspsychiater Thomas Knecht. (Bild: knowhow-transfer.ch)

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