«Die Geschichte dieses Tunnels ist europäisch»

Wie funktioniert der Mythos Gotthard? Und wofür steht der durchbohrte Berg? Dazu Literaturwissenschaftler Boris Previšic.

Die Schweiz zwischen Öffnung und Abkapselung: Gotthardwächter bei Göschenen (1937). Foto: Eugen Suter (Keystone, Photopress)

Die Schweiz zwischen Öffnung und Abkapselung: Gotthardwächter bei Göschenen (1937). Foto: Eugen Suter (Keystone, Photopress)

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Für Schweizer Verhältnisse drehen wir ziemlich im roten Bereich, was die Gottharderöffnung angeht. Warum fasziniert dieser Tunnel so?
Ich frag mich eher: Warum fasziniert dieser Tunnel erst jetzt so stark? Als ich vor zwei Jahren mit den Arbeiten an meinem Buch «Gotthardfantasien» begann, da wurde ich immer gefragt: Wen interessiert das? Selbst in der Innerschweiz war das die Standardfrage! Kurz vor der Eröffnung hat sich das Blatt gewendet: Politik und Medien inszenieren eine Aufregung, die ihresgleichen sucht. Trotzdem finde ich diesen Hype wichtig: Denn es geht um die Verlagerung von den Gütern auf die Schiene und um die direkteste Verbindung zwischen Süd- und Nordeuropa. Schade finde ich, dass der Tunnel hauptsächlich als Schweizer Projekt verkauft wird, obwohl er ein europäisches ist.

Ohne das Schweizer Geld gäbe es heute keinen Basistunnel.
Das ist richtig. Auch floss viel Schweizer Ingenieur-, Planungs- und vor allem auch politische Überzeugungsleistung in den Bau des Tunnels. Aber eben nicht nur: Der Tunnel ist nicht nur ein zentrales Element in einem grösseren europäischen Zusammenhang, er wurde auch weitgehend von Europäern – und nicht von Schweizern – gebaut. Das ist historisch stimmig. Zwischen 1872 und 1880 wurde der Gotthard-Scheiteltunnel für die Eisenbahn von Arbeitern aus dem Piemont und der Lombardei erstellt. Finanziert wurde das Bauwerk damals in erster Linie von Italien und vom Deutschen Reich. Für die Schweiz selber war der Bau des ersten Gotthardtunnels ein Wendepunkt. Im neuen Transitraum des Landes begann eine neue nationale Geschichte: Aus der Schweiz, einem Emigrationsland, wurde beim Bau des Tunnels ein Immigrationsland.

Der europäische Beitrag an den Basistunnel ist eher bescheiden.
Ja, der Basistunnel wird zu 100 Prozent von der Schweiz finanziert, und das ist in der Geschichte solch riesiger Infrastrukturprojekte einmalig. Doch die ganze Entstehungsgeschichte des Basistunnels ist eine europäische. Aus dem Bauwerk spricht die Schweizer Angst, von Europa links liegen gelassen zu werden. Nun wird er eröffnet und ist ein zentraler Bestandteil des Schienengüterverkehrskorridors Rotterdam–Genua. Die Schweiz hat vorgelegt, jetzt ist es an Deutschland und Italien, die Linie zu vervollständigen. Dass es sich beim Gotthard um ein europäisches Projekt handelt, sieht man auch beim Nutzen des Tunnels für die Schweiz: Man ist etwas schneller im Tessin, ja. Aber sonst ist der nationale im Vergleich zum europäischen Nutzen eher bescheiden.

Was fasziniert Sie so am Tunnel?
Der historisch-kulturelle Aspekt. Wir reden bis heute relativ unbedacht noch vom Gotthardmythos, dabei war dieser nur zu einer bestimmten Zeit aktuell. Die nationalkonservative neue Rechte versucht seit ein paar Jahren, den Mythos zu reaktiveren. Ohne grossen Erfolg. Denn der Gotthard ist in erster Linie ein Ort des Austausches, ein Transitort par excellence. Das hat nichts mehr mit dem Gotthardmythos der Geistigen Landesverteidigung zu tun. Den gibt es nicht mehr. Heute ist allen klar, dass eine selbst versorgende Reduit-Schweiz nicht überlebensfähig wäre.

«Der Berg und der Tunnel durch den Berg stehen für eine ganz andere Schweiz, als sich das die Nationalkonservativen vorstellen.»

Erstaunlich ist ja, dass ausgerechnet ein Deutscher den ursprünglichen Gotthardmythos geschaffen hat.
Das wäre zu verkürzt. Es gab bereits Carl Spitteler, den Schweizer Nobelpreisträger für Literatur, der Ende des 19. Jahrhunderts den Wunsch an die Historiker geäussert hatte, einen Zusammenhang zwischen der Gründung der Eidgenossenschaft und der relativ späten Erschliessung des Gotthardpasses herzustellen. Es war dann tatsächlich ein Deutscher, der das machte. Der Archivrat und begeisterte Bahnfahrer Aloys Schulte aus Karlsruhe erklärte den Schmied aus Urseren, der sich die stiebende Brücke durch die Schöllenenschlucht erdacht hatte, zum Schweizer Staatsgründer – und eben nicht Wilhelm Tell. Das liessen die Schweizer nicht auf sich sitzen und brachten den schillerschen Gründungsmythos mit dem Gotthard zusammen, um den neuen Nationalmythos zu bilden.

Kohärent dünkt einen dieser Mythos nicht. Man feiert sich als Bergvolk, indem man sich durch Technik von den Bergen entfernt?
Die stärksten Mythen sind immer solche, die sich widersprechen. Sie funktionieren wie biblische Wundergeschichten, an die man glauben muss. Ein Mythos besteht aus verstreuten Bruchstücken, die nicht immer logisch zueinander in Bezug gebracht werden können. Im Gegenteil: Ein Mythos bildet viel mehr Anschlussstellen und ‹Glaubenssätze›, je paradoxer er ist. Der Mythos Gotthard funktionierte darum so gut: Zum einen steht er für die Durchlässigkeit, für den Transitraum Schweiz, zum anderen für den Homo alpinus, den Urschweizer, der – zurückgezogen im Reduit – nicht vom Fleck zu bringen ist und in seiner Wehrhaftigkeit erstarrt.

Wann endete der Gotthardmythos?
Der Mythos Gotthard verblasste erst allmählich gegen Ende des Kalten Kriegs. Seine Inszenierung an der Landesausstellung 1939, mitten in der Geistigen Landesverteidigung, war fulminant. Die Schweiz der technischen Errungenschaften trifft auf eine noch weitgehend intakte Alpenschweiz. Mit dem Generationenwechsel der Historiker wurde die mythische Gemengelage der Schweiz weitgehend analysiert und dekonstruiert. Im Moment aber, als die Historiker wichtige Arbeiten zu Gründungserzählungen und zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg publiziert hatten, traten die Nationalkonservativen auf den Plan – und versuchen seither den Mythos wiederzubeleben.

So wie sie es immer machen.
Ja, aber gerade beim Gotthard zeigt sich, wie sehr der Mythos nicht funktioniert. Der Berg und der Tunnel durch den Berg stehen für eine ganz andere Schweiz, als sich das die Nationalkonservativen vorstellen.

Sie betonen den europäischen Aspekt. Ist es nicht verwunderlich, dass die EU-Spitzenpolitiker nicht an der Eröffnung waren?
Da müssen wir uns selber an der Nase nehmen. Zu welchem Zeitpunkt haben die Verantwortlichen den Leuten in Europa die Wichtigkeit des Projekts aufgezeigt? Wenn man den Tunnel so gegen innen als Schweizer Errungenschaft zelebriert, muss man sich nicht wundern, wenn er nicht als europäisches Projekt wahrgenommen wird. Es gibt jetzt Versuche auf dem internationalen Parkett, dieser Einseitigkeit entgegenzuwirken. Aber das kommt zu spät. Hätte man schon vor zwei Jahren damit begonnen, die infrastrukturelle Leistung in Europa bekannt zu machen, hätten sich Juncker, Schulz und Tusk kaum abgemeldet.

Ist das nicht etwas miesepetrig? Es ist doch ein faszinierendes Bauwerk, das nun eröffnet ist. Ein bisschen Nationalstolz ist da doch angebracht, finden Sie nicht?
Nein, miesepetrig ist das nicht. Das kurzfristige Handeln auf kulturell-kommunikativer Ebene steht in einem zu krassen Gegensatz zum extrem langen Entscheidungs-, Finanzierungs- und Bauprozess, der notwendig war. Doch der Gotthard-Basistunnel ist der beste Beweis dafür, dass die Schweiz für ein offenes Europa integrativ wirken kann und auch den politischen Willen dazu hat. Und darauf bin ich stolz – als Schweizer, als Europäer, als Weltenbürger.

Erstellt: 01.06.2016, 20:33 Uhr

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Boris Previšic
Der Wissenschaftler ist Förderprofessor für Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Herausgeber des kürzlich erschienenen Buchs «Gotthardfantasien».

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