Die Geschichte eines Sturzflugs

Das Nein zu den 22 Gripen-Jets hat eine Abstimmungsroutine zum Drama gemacht. Ein Dokumentarfilm zeigt nun, wie es zum denkwürdigen Entscheid kam.

Ex-Luftwaffenchef Markus Gygax bei der Präsentation des Gripen F im Oktober 2012 in Emmen. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Ex-Luftwaffenchef Markus Gygax bei der Präsentation des Gripen F im Oktober 2012 in Emmen. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

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Da steht er im Kapuzenpulli, der ehemalige oberste Soldat der Schweiz, jetzt ein engagierter Privatmann, und redet auf einen Passanten ein. Der Mann lehnt den Gripen ab, will aber die Armee gut finden? Geht nicht, findet Chris­tophe Keckeis. «Wenn Sie gegen dieses Flugzeug sind, sind Sie für die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee», poltert er auf Französisch (wir sind auf der Strasse in Payerne VD).

Da geniesst Christophe Keckeis als Tourist die Aussicht in den Bergen – und regt sich über Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP) auf. Der Kaspar Villiger, ja, der habe seinerzeit als Verteidigungsminister noch offensiv für die F/A-18-Flieger geworben. Und dann, ganz am Ende, flaniert Keckeis im angeregten Gespräch mit Armeegegner Josef Lang durch die Strassen von La Neuveville BE. Und regt sich auf, natürlich, diesmal in Schweizerdeutsch: «Das isch en fertige Luug, höret mol uuf mit dem!»

Video: «Ein Volk auf der Höhe» – Trailer

Der ehemalige Korpskommandant und Armeechef von 2004 bis 2007 (also noch vor der Ära Maurer) ist der heimliche Star des neuen Gripen-Films von Regisseur Frédéric Gonseth, sicher jedenfalls dessen lebendigster Protagonist. Wenn auch nur einer von sehr, sehr vielen, die in «Ein Volk auf der Höhe» auftreten. So lautet der deutsche Titel der Dokumentation, die um jenen denkwürdigen 18. Mai 2014 herum ein umfassendes Stimmungsbild der politischen Schweiz zu schaffen versucht.

Das Nein liefert das Drama

Zur Rekapitulation: Am besagten Maitag entschied das Schweizer Stimmvolk über die Anschaffung von 22 Gripen-Kampfjets. Das Ergebnis war ein Desaster für die Armeespitze, für Verteidigungsminister Maurer und für das militärfreundliche Parlament: 53,4 Prozent der Stimmenden lehnten das Spezialgesetz ab, das den Kauf der schwedischen Maschinen für rund 3 Milliarden Franken ermöglicht hätte. Das Resultat kam aufgrund der vorgängigen Umfragen zwar nicht gänzlich unerwartet – und überraschte doch irgendwie alle, da ein Votum «gegen die Armee» einfach nicht zur Schweiz zu passen schien.

Wie immer man sich inhaltlich zur Vorlage stellen mag: Dass das Nein einem Dokumentarfilm über die Gripen-Story zugutekommen musste, dürfte sich von selber verstehen. Es war das Nein, das aus der Abstimmungsroutine erst ein Drama machte. Es ist das Nein, das Szenen wie diese im Rückblick so sinnfällig erscheinen lässt: Luftwaffenchef Aldo Schellenberg erklärt seiner Mannschaft in einer Ansprache, sie dürften sich aus taktischen Gründen im Abstimmungskampf nicht engagieren – und löst bei den Piloten Konsternation aus.

Den Einblicken in die Milieus der Offiziere und Kampfpiloten verdankt der Film seine stärksten Momente. Das Ausmass der Unzufriedenheit mit Ueli Maurer, das Gefühl, durch ihn nicht angemessen vertreten zu werden – das drang zur fraglichen Zeit so nicht an die Öffentlichkeit. Diese Szenen sorgen für das erleuchtende Moment in Gonseths Werk, das grundsätzlich nicht enthüllen, sondern malen will.

Flirrende Collage

Gonseth tut das zuweilen im Stil einer flirrenden Collage. Der Film setzt einige Monate vor der Abstimmung ein und arbeitet sich dann bis zum 18. Mai vor, mit einem kleinen Epilog – so weit, so linear-konventionell. Schauplätze und Handlungsträger wechseln dafür rasant. Zu Wort kommen unter anderem PR-Fachmann Hans-Peter Wüthrich, Armeegegner Nikolai Prawdzic, SP-Ständerätin Géraldine Savary, GLP-Politiker Roland Fischer, CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann, Ex-Luftwaffenchef Markus Gygax, die Erwähnten Keckeis, Lang und Schellenberg, und zahlreiche mehr. Da gibt es aber auch Aufzeichnungen auf der Strasse, am Stammtisch, in der Rüstungsfirma, Gespräche mit der «einfachen» Frau, dem «einfachen» Mann (die darum auch ohne Namen erscheinen) – und alles in allen Landesteilen.

Die Intention ist spürbar: In möglichst vollständiger Zeichnung soll hier sichtbar werden, wie die Akteure einer direkten Demokratie um einen Entscheid ringen. Ein Anspruch, der schwerlich zu erfüllen ist, und die Frage, ob etwas weniger Hektik und weniger Protagonisten dem Film gutgetan hätten, bleibt offen. Man wird ihn aber mit Gewinn sehen, wenn man sich aus dem ganzen Kunterbunt an jene Szenen erinnert, die es verdienen.

Kinostart am 14. September. Am Sonntag, 3. September, veranstaltet der TA um 11 Uhr (Türöffnung 10.30 Uhr) im Kino Riffraff in Zürich eine Vorführung des Films mit anschliessender Podiumsdiskussion. Teilnehmen werden die Nationalräte Balthasar Glättli (Grüne) und Thomas Hurter (SVP). Eintritt: 5 Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2017, 00:43 Uhr

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