Die mächtigste Politikerin der Schweiz

Einflussreiche Stimme in der Rentenreform, bald Ständeratspräsidentin und vielleicht Bundesrätin: Wer Karin Keller-Sutter versteht, versteht die Schweizer Politik.

Tough, ehrgeizig, charmant: Karin Keller-Sutter hat das Zeug zur Bundesrätin. Foto: Franziska Rothenbuehler

Tough, ehrgeizig, charmant: Karin Keller-Sutter hat das Zeug zur Bundesrätin. Foto: Franziska Rothenbuehler

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Wenn es etwas gibt, das erklärungsbedürftiger ist als eine steile Karriere, dann sind es zwei steile Karrieren. Da war einmal eine St. Galler Regierungsrätin namens Karin Keller-Sutter, die mit eiserner Migrations- und Sicherheitspolitik nationale Bekanntheit erlangte, mehrfach Spitzenresultate bei Wahlen erzielte, zur Präsidentin der Justizdirektorenkonferenz aufstieg, zur Bundesratskandidatin ihrer FDP gekürt wurde. Das war die Bundesratswahl des Jahres 2010, die der Erfolgsverwöhnten eine schmerzliche Niederlage gegen ­den Parteikollegen Johann Schneider-Ammann einbrachte.

Und dann war da dieser Reset-­Moment im Winter 2011, als Karin Keller-Sutter in den Ständerat nach Bern wechselte. Der Moment, als sie ihre Vergangenheit abstreifte wie einen alten Chitinpanzer: keine Beschäftigung mehr mit Asylbewerbern und Hooligans, selbst auf Medienanfragen zu diesen Themen gab es nur noch ausnahmsweise eine Antwort. Was es stattdessen gab: einen Neustart bei quasi null, mit Themen aus der Wirtschafts-, Sozial- und Aussenpolitik. Einen Neustart, der aber wiederum in diese bestimmte eine Richtung führte: nach oben.

Die Wichtigste am Tisch

Dort ist Keller-Sutter inzwischen erneut angekommen. Von ihrem Wort und Wirken wird die Zukunft der Schweizer Altersvorsorge abhängen: Wenn Bundesrat Alain Berset (SP) heute Freitag zu seinem sozialpolitischen runden Tisch lädt, ist Keller-Sutter unter den zahlreichen Teilnehmenden die einflussreichste – neben FDP-Präsidentin Petra Gössi, die mit ihr gemeinsam die freisinnige Position einbringen wird. Keller-Sutter war es, der im erfolgreichen Kampf gegen die Abstimmungsvorlage vom 24. September die prominentesten Auftritte zufielen («Arena» des Schweizer Fernsehens). Die von ihr bereits skizzierte Alternative – Frauenrentenalter 65, etwas mehr Mehrwertsteuer, ein wenig soziale Kompensation – ist es, die der bürgerlichen Mehrheitsachse als Schablone für eine neue AHV-Reform dienen wird. Und Keller-Sutter selber ist es, die diese Achse massgeblich mitzimmern wird.

Die 53-Jährige steht aber auch vor institutionellen Weihen. Am Beginn der anstehenden Wintersession wird sie für ein Jahr zur Präsidentin des Ständerats gewählt. Welches Ziel kann man in einem Politikerinnenleben noch erreichen? Die Antwort liegt auf der Hand, und dass sie es erreichen wird, steht für viele ausser Zweifel. Schneider-Ammanns Rücktritt aus dem Bundesrat ist nicht mehr fern. Noch hält sich die Favoritin bedeckt. Doch schon die äusserlichen Faktoren lassen sie als zwingenden Posten für ein Ticket erscheinen: Ostschweizer Herkunft, Frau, Regierungserfahrung. Und anders als 2010 ist sie nun eine Grande im Bundeshaus, im Moment vielleicht: die Grande.

Glänzende Kommunikatorin

Den beiden Karrieren Keller-Sutters gemeinsam ist, dass es politische Karrieren sind. Keller-Sutter verstehen heisst damit auch, die Mechanismen der Politik zu verstehen. Das Verständnis muss bei ihrem Willen, ihrem Ehrgeiz und ihrer Zielstrebigkeit ansetzen. Diese Eigenschaften stellt kein Beobachter in Abrede, auch wenn ihre Ausbildung als Konferenzdolmetscherin zunächst nicht auf das Juristenbiotop der politischen Gremien ausgerichtet scheint. Ihre sprachliche Gewandtheit allerdings kam ihr bei der Vernetzung in Bundesbern leidlich zupass. Ihr Kommunikations­talent vor allem ist es, das sie weit über den Durchschnitt des Schweizer Politpersonals hinaushebt. Mit einer ihr ganz eigenen Mischung aus Sprödheit, Toughness und Sachlichkeit schafft sie es an Podien, die Menschen für sich einzunehmen. Im direkten Gespräch erleben sie die meisten als zugänglich und charmant. Dabei hält sie als fast einzige Parlamentarierin ihre Handynummer immer noch strikt geheim («eine Abmachung mit meinem Mann», wie sie sagt). Und als eine von wenigen in Bern verzichtet sie auch gänzlich auf die Kommunikation via Twitter oder Facebook.

Mit den herkömmlichen Medien weiss sie dafür umso gekonnter umzugehen. «Sie hatte immer guten medialen Support», sagt die sozialdemokratische Nationalrätin Barbara Gysi, die wie Keller-Sutter aus Wil SG stammt. «Das begann auf lokaler Ebene mit den Wiler Nachrichten, wo ihr Bruder langjähriger Redaktor war: Beiträge über seine Schwester waren dort in hoher Kadenz zu lesen, ohne dass die Verbindung wirklich transparent gemacht wurde.» Früh verstand es die Lokalpolitikerin auch, die Aufmerksamkeit einflussreicher Förderer auf sich zu ziehen. Sie selber will sich nicht als Eleve eines Mentors verstanden wissen. Dass aber freisinnige Honoratioren wie der frühere Nationalrat Peter Weigelt an ihrem Vorankommen nicht unbeteiligt waren, gilt in St. Gallen als ausgemacht.

Als taktisch geschickt erweist sich im Nachhinein auch die thematische Metamorphose bei der Wahl in den Ständerat. Keller-Sutter macht keinen Hehl daraus, dass ihr das Etikett der Asylhardlinerin missfiel und immer noch missfällt – Mario Fehr, der Zürcher SP-Sicherheitsdirektor, «hat mich in der Asylpolitik längst rechts überholt». Dank der Umstellung auf Sozial- und Wirtschaftspolitik ist Keller-Sutter in die zentralen Geschäfte der laufenden Legislatur nun führend involviert. Und sie ist nicht mehr ein Feindbild der Linken, obwohl das Verhältnis unter dem Kampf um die Altersvorsorge 2020 wieder ein wenig gelitten hat. Tatsache bleibt, dass sie zu ihrem St. Galler Mitständerat Paul Rechsteiner (SP), der in Bern am linken Rand politisiert, ein ausnehmend gutes Verhältnis pflegt. Im letzten Wahlkampf unterliess sie jede Attacke auf ihn, zum Ärger mancher bürgerlicher Aspiranten.

Hart attackiert zu werden, schätzt sie selber im Übrigen wenig. Kontrahenten beklagen bei ihr zuweilen eine gewisse Dünnhäutigkeit. Nationalrätin Gysi erinnert an eine Aktion der Juso zu Keller-Sutters Regierungszeiten: «Sie setzten in einer Fotomontage Karin Kellers Kopf auf den Körper eines Clochards, um damit gegen ein Sparpaket zu protestieren. Das fand sie überhaupt nicht lustig.»

Eine gewisse Verletzlichkeit mag die kinderlos Verheiratete auch zögern lassen, mit erneuten Bundesratsambitionen hervorzutreten. «Ich weiss nicht, ob ich das alles noch einmal durchmachen möchte», sagte sie 2010. Sie wird es nur tun, wenn sie sich ihrer Sache diesmal sicher sein kann. Daran zweifelt niemand, den man fragt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2017, 22:59 Uhr

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