Die grosse Angst vor einem Digitalunfall

Wie soll digitales Filmmaterial aufbewahrt werden, damit es für künftige Generationen erhalten bleibt? Das Schweizer Filmarchiv setzt auf analoge Technik.

Filmrollen halten bis zu 300 Jahren: Das Schweizer Filmarchiv in Penthaz setzt trotz Digitalisierung auf analoge Technologien. Foto: Roger Frei

Filmrollen halten bis zu 300 Jahren: Das Schweizer Filmarchiv in Penthaz setzt trotz Digitalisierung auf analoge Technologien. Foto: Roger Frei

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Das Schweizer Filmarchiv in der Waadtländer Landgemeinde Penthaz ist gut versteckt. Der langgezogene, 50,6 Millionen Franken teure Bau mit seiner rostbraunen Fassade wirkt farblich sanft in die Umgebung eingepasst. Doch das Gebäudeinnere birgt Kontraste: Boden, Wände und Decke sind strahlend weiss und gut ausgeleuchtet. Auf der ersten Etage, wo vor kurzem noch ein riesiger Leerraum war, herrscht reges Leben. Hier hat die Cinémathèque im Spätsommer ihr Atelier für den digitalen Film eröffnet. Der Bund zögerte lange, bis er die 6 Millionen Franken zur Einrichtung eines Digitalateliers genehmigte.

Der Grund war eine Intervention der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK). Die EFK monierte, Aufträge seien ohne Ausschreibung vergeben worden und die Buchführung des Archivs sei undurchsichtig. Vor allem aber habe Penthaz «keine Digitalisierungs- und Archivierungsstrategie».

Um Grundsätzliches zu klären und Dinge zu deblockieren, wurde der ehemalige Neuenburger SP-Regierungsrat Jean Studer als Präsident des Stiftungsrats eingesetzt. Studer sorgte dafür, dass die Cinémathèque ein Controlling und eine moderne Personalführung bekam. Es galt mitunter, Fälle zu lösen, in denen Mitarbeiter seit langer Zeit krankheitsbedingt abwesend waren. Unter Studers Führung bekam das Filmarchiv schliesslich seine erste eigene Digitalabteilung und die von der EFK geforderte digitale Archivierungsstrategie.

Der Neuenburger sagt: «Heute wissen wir, wie wir in den kommenden 20 bis 30 Jahren bei der Aufbewahrung digitaler Filme und bei der Digitalisierung analog gedrehter Filme vorgehen wollen.» Grundsätzlich gilt: Die nationalen und internationalen Filme, die das Archiv sammelt, erhält, erschliesst und vermittelt, müssen zwingend einen Bezug zur Schweiz haben. Das einheimische Filmschaffen hat oberste Priorität.

«Das digitale Kino ist fragil»

2020 wird die Cinémathèque ihren digitalen Bestand zum ersten Mal auf neue Datenträger migrieren. Die Nervosität ist gross. Es besteht das Risiko von Datenverlusten. Wenn etwas schiefgeht, sind ganze Filme auf einmal und für immer vernichtet, sofern keine weiteren Kopien bestehen. Es droht also ein archivarischer Super-GAU. «Bei Restaurationen von Filmrollen kann uns das nicht passieren», betont Frédéric Maire, der Direktor des Filmarchivs. Darum will ervon digital gedrehten Filmen künftig Filmrollen herstellen, das Neue quasi dank des Alten bewahren. Wenn einer Filmdatei etwas passieren würde, kann das Archiv auf die analoge Kopie zurückgreifen und diese erneut digitalisieren.

Doch auch Frédéric Maire weiss: Parallel zwei Archivsysteme zu führen, ist kostspielig. Die Cinémathèque hat ein jährliches Betriebsbudget von rund 11 Millionen Franken. Davon fliessen rund 2 Millionen Franken in den Betrieb des Digitalateliers. Doch für das sogenannte Ausbelichten digitaler Filme auf Filmrollen reicht dieser Betrag nicht aus. Gemäss Recherchen hat das Bundesamt für Kultur (BAK) für Ausbelichtungen im kommenden Jahr 700'000 Franken bereitgestellt. BAK-Sprecher Daniel Menna hält fest, dass der Hauptteil des Betrags nicht direkt der Cinémathèque, sondern Filmlabors zugutekomme. Noch ist offen, ob und wie viel Geld das BAK in den kommenden Jahren für Ausbelichtungen bereitstellt.

Farblich an die Umgebung angepasst: Die Cinémathèque suisse in Penthaz. Foto: Keystone

Das Zürcher Filmlabor Cinegrell ist eines der letzten seiner Gattung, das in seinem Nasslabor heute noch Filmrollen produzieren kann. Zu ihm wird ein Teil des BAK-Geldes fliessen. «Das Ausbelichten eines digitalen Films kostet pro Filmminute 285 Franken», sagt Geschäftsführer Richard Grell. Für einen Spielfilm werden also 25'000 bis 40'000 Franken verrechnet. Dieses Geld sei aber gut investiert, zumal eine Spielfilmproduktion sowieso rasch über 2 Millionen Franken betrage. «Das Aufbewahren digitaler Dateien ist generell extrem schwierig», sagt auch Grell. «Moderne Filmrollen aus Polyester halten hingegen 200 bis 300 Jahre.» Hat er nicht in erster Linie ein geschäftliches Interesse am Fortbestehen der Filmrollenproduktion? Der Zürcher dementiert. Er sagt: «Das dafür notwendige Labor können wir heute nicht kostendeckend betreiben, sondern müssen es querfinanzieren. Ist es einmal geschlossen, kostet es bis zu 1 Million Franken, um es wieder aufzubauen.»

Eine Kette von 150'000 Bildern

Nicht überall setzen Filmarchive weiter auf analoges Material, um sich gegen digitale Unfälle abzusichern. In Frankreich und den USA produziert man nach wie vor Filmrollen als Back-up. Anders in Deutschland. Dort setzen Filmarchive ausschliesslich auf die Digitaltechnik. Das tut auch das Schweizer Bundesarchiv in Bern, das alle staatspolitisch wichtigen Informationen – Daten, Unterlagen und Dokumente – sammelt. Gemäss Sprecher Simon Meyerverzichtet das Bundesarchiv darauf, von digitalen Originalen analoge Kopien herzustellen. Meyer sagt: «Wir haben ein digitales Archiv und speichern alle digitalen Unterlagen in diesem Archiv. In unserem Fall sind das zu grossen Teilen Textdateien und nur wenige audiovisuelle Unterlagen.»

Ein Textarchiv könne man mit Filmen nicht vergleichen, wirft Frédéric Maire ein. «Ein Film ist eine Kette von 150'000 Einzelbildern, die mit Tönen und Geräuschen verbunden sind. Es gibt keine genügend leistungsfähige automatische Kontrolle, um zu garantieren, dass das gespeicherte Material nicht beschädigt ist.» Maire bleibt dabei: «Idealerweise sollten wir von jedem digital produzierten Schweizer Film eine Filmrolle herstellen. Doch das würde erhebliche Investitionen erfordern.» Darum müsse man Filme auswählen. Dafür wird eine Kommission verantwortlich sein. Da kommt das nächste Problem. Nach welchen Kriterien werden die Filme ausgewählt? Gemäss Maire werden es wohl Filme sein, die Preise gewinnen, an Wettbewerben laufen und Kinosäle füllen.

Erstellt: 21.11.2019, 13:16 Uhr

So wird ein Film archiviert

Wenn ein Schweizer Regisseur bei der Cinémathèque in Penthaz die Datei seines digital gedrehten Films einreicht, prüft ein Archivar die Vollständigkeit und die Qualität der Bilder und des Tons. Dann bereitet er das Material für die Archivierung vor. Die Archivräume sind tief ins Erdreich eingelassen, in Atomschutzbunkern. Natürlich nehmen dort die teils jahrzehntealten Filmrollen aus Nitratzellulose am meisten Platz ein. Sie werden in riesigen Räumen, bei tiefen Temperaturen und konstanter Luftfeuchtigkeit aufbewahrt. Die digitalen Filme haben hingegen auf kleinen Kassetten Platz. Sie stecken vertikal aufgeschichtet in brusthohen, abgeschlossenen und dauerdurchlüfteten Serverkästen. Der Archivar greift über einen Roboter auf sie zu, um ihren Inhalt abzuspielen. Regelmässig überprüft ein Algorithmus den Zustand der Dateien.

Das Atelier, in dem das digitale Filmgut bearbeitet, geprüft und schliesslich abgelegt wird, wo aber auch von analogen Filmen digitale Kopien hergestellt werden, ist ein Zeitensprung. Und doch hat die Cinémathèque Sorgen. Weltweit fehlen die Erfahrungen mit der digitalen Langzeitarchivierung. Direktor Frédéric Maire sagt: «Das digitale Kino ist fragil. Speichertechnologien und die Software entwickeln sich.» Wegen des technologischen Fortschritts müsse man Dateien immer wieder auf neue, höher entwickelte Datenträger migrieren. Auch Dateiformate würden angepasst und die Software erneuert, so Maire.

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