«Der Prozess brachte den Krieg in die Schweiz»

Mit der Anklage gegen die Tamil Tigers in Bellinzona wiederholt sich für die Tamilen in der Schweiz das Trauma des verlorenen Krieges.

Der Prozess mobilisiert die Diaspora: Demonstration vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Foto: Alessandro Crinari (Ti-Press, Keystone)

Der Prozess mobilisiert die Diaspora: Demonstration vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Foto: Alessandro Crinari (Ti-Press, Keystone)

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«Ich fühle mich von der Schweizer Justiz verraten.»

Lange hat Lathan Suntharalingam geredet. Bitteres Lachen. Drastische Gesten. Dass der 43-jährige Tamile überhaupt Worte findet – das unterscheidet ihn von den meisten seiner Landsleute. «Genau das ist das Problem. Nur weil fast alle Tamilen schweigen, getraut sich die Schweiz, sie so schlecht zu behandeln.»

Nie hätte der Spitex-Unternehmer gedacht, dass er je schlecht über seine neue Heimat sprechen würde. Sie hat ihm viele Chancen eröffnet, als er 1988 als 14-Jähriger hierherkam: Lehre, Studium, politische Mandate als SP-Vertreter im Luzerner Stadt- und Kantonsparlament. Doch der Prozess in Bellinzona – er hat alles verändert.

«Nur weil fast alle Tamilen schweigen, getraut sich die Schweiz, sie so schlecht zu behandeln.»Lathan Suntharalingam

Zwölf Tamilen mussten sich während der vergangenen zwei Monate vor dem Bundesstrafgericht verantworten. Sie werden beschuldigt, in der Schweiz Millionen für den Widerstand der Rebellenorganisation Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) in Sri Lanka eingetrieben zu haben. Damit haben sie gemäss Bundesanwaltschaft in Kauf genommen, dass auch Attentate gegen die Zivilbevölkerung mitfinanziert wurden.

Die Männer sollen gefälschte Lohnausweise ausgestellt und Dutzende Landsleute zur Aufnahme hoher Kredite animiert haben. Angeklagt sind sie unter anderem wegen Betrugs, Erpressung und Unterstützung einer kriminellen Organisation.

Für Suntharalingam sind es nicht nur die zwölf Männer, die in Bellinzona vor Gericht standen. Sondern die gesamte ­tamilische Diaspora: «Mit dieser Anklage stösst die Schweiz uns alle vor den Kopf.» Die erhobenen Vorwürfe erschüttern das Selbstverständnis der Tamilen in der Schweiz, denn die meisten haben die Tamil Tigers während des Kriegs unterstützt – ideell, finanziell, personell. Schliesslich kämpften die Rebellen knapp drei Jahrzehnte lang für den grossen Traum der Tamilen weltweit: für einen unabhängigen Staat im Norden und Osten Sri Lankas. Der Traum platzte 2009, als die LTTE eine letzte blutige Schlacht gegen die singhalesische Armee verloren. Tausende Tote allein in den letzten Kriegsmonaten. 26 Jahre Kampf ohne Sieg. Ein kollektives Trauma.

Dieses Trauma wiederhole sich nun für die rund 50'000 Tamilen in der Schweiz, sagt Viraj Mendis. Der Singhalese hat für einen Menschenrechtsverein den Prozess beobachtet. Jetzt sitzt er mit Vertretern der tamilischen Diaspora in einem schmucklosen, engen Büro in der Zürcher Innenstadt. Alle wollen über den Prozess sprechen, aber nicht alle wollen ihren Namen in der Zeitung lesen – zu heikel ist das Thema in vielen Familien und an manchem Arbeitsplatz.

«Das ist Siegerjustiz»

«Der Prozess brachte den Krieg in die Schweiz», sagt Mendis, die anderen nicken stumm. Der Menschenrechtsaktivist hält die Anklage für «politisch motiviert». Ausgerechnet die neutrale Schweiz ergreife Partei, indem sie die Tamil Tigers als kriminelle Organisation überführen wolle, die Terrorakte begangen habe. Die singhalesische Gegenseite untersuche sie nicht. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem es weder eine offizielle Aufarbeitung der Kriegsverbrechen noch eine Aussöhnung gebe, kritisiert Mendis. Wie auch viele Tamilen bezweifelt er, dass die Bundesanwaltschaft eine unabhängige Behörde sei; aus ihrer Sicht steht sie für den gesamten Schweizer Staat.

Mendis, der wegen seines Engagements für die Tamilen aus Sri Lanka fliehen musste, fügt an: Jahrzehntelang habe sich die Schweiz aus dem Konflikt in Sri Lanka herausgehalten, um dann direkt nach dem Krieg 2009 das Verfahren zu eröffnen. «Dabei hat sie sogar die singhalesische Regierung um Hilfe gebeten. Das ist Siegerjustiz.» Das sei umso bemerkenswerter, als die Schweiz – im Unterschied zu anderen Staaten – die LTTE während des Kriegs nie als Terrororganisation eingestuft hatte.

«Der Prozess hat den Krieg hierhergebracht. Und ausgerechnet die neutrale Schweiz ergreift Partei.»Viraj Mendis

Die Verteidiger der Angeklagten teilen Mendis’ Kritik. Die Bundesanwaltschaft habe ihren Fokus «mangels Beweisen» verlagert, sagt etwa Anwalt Jean-Pierre Garbade: von den Wirtschaftsdelikten hin zum Nachweis einer kriminellen Organisation, die Attentate gegen die Zivilbevölkerung verübt haben soll. Damit schliesse sie faktisch die Diaspora-Tamilen in den Vorwurf der Terrorfinanzierung ein. «Zudem bringt sich die Schweizer Justiz in die heikle Situation, kriegerische Handlungen in Sri Lanka aus der Ferne beurteilen und nachweisen zu müssen.» Eine Kritik, zu der die Bundesanwaltschaft keine Stellung nehmen will. Sie verweist auf die Anklageschrift.

Die Tamil Tigers – eine kriminelle Terrororganisation? Deren Unterstützung – ein Vergehen? Nivethan Thambiah schüttelt ungläubig den Kopf. Der 26-jährige Student engagiert sich in der tamilischen Jugendorganisation TYO. Er ist im Tessin aufgewachsen, der Krieg hat auch seine Familie berührt. «Mein Cousin kämpfte für die LTTE. Er wollte unser Land schützen. Deswegen ist er kein Terrorist», sagt Thambiah leise.

«Ich spüre es im Tram, auf der Strasse: Die Leute schauen mich an und denken, ich sei ein Terrorist.»Nivethan Thambiah

Mit dem Prozess setze die Bundesanwaltschaft die Tamilen unter Generalverdacht. «Ich spüre es im Tram, am Bahnhof, auf der Strasse: Die Leute schauen mich an und denken, ich sei ein Terrorist. So ist mein Schweizer Pass doch nichts mehr wert», sagt Thambiah, und jetzt drängen sich seine Fragen aneinander: «Ich dachte, ich kenne die Schweiz. Warum enttäuscht sie mich so? Warum nimmt sie mir die Würde, indem sie einen wichtigen Teil meines Selbstverständnisses nicht mehr anerkennt?»

Plötzlich ist es ganz still im Sitzungsraum. Thambiah hat ausgesprochen, was sie alle im Innersten bewegt: dass die neue Heimat mit diesem Prozess ihren identitätsstiftenden Unabhängigkeitskampf verurteilen will. «Wir haben hier so viel erreicht, sind angepasst, fleissig, anständig. Das alles ist der Schweiz offensichtlich nichts wert. Sie will uns kleinmachen», sagt Thambiah.

Kämpfer gegen Pragmatiker

Der Prozess entfremdet die Tamilen nicht nur von ihrer neuen Heimat. Er reisst auch Gräben innerhalb der Diaspora auf. Es geht um die Frage, wie viel Raum das Unabhängigkeitsstreben künftig noch einnehmen soll. Dazu tobt ein heftiger Streit in den sozialen Medien.

Verfechter eines autonomen Tamilengebiets wollen den Kampf der Tamil Tigers auf politischer Ebene fortsetzen. Sie fordern ein UNO-Referendum und sehen ihre Ziele durch die Vorwürfe der Schweizer Justiz gefährdet. Noch sind sie in der Mehrheit – und zudem besser organisiert als die kriegsmüden Pragmatiker, die häufig als «Verräter» verunglimpft werden, weil sie es wagen, mit den alten Denkmustern zu brechen.Für diese Stimmen sind eine föderale Lösung und Verhandlungen mit der singhalesischen Regierung kein Tabu. Sie hoffen, dass der Prozess heilend wirkt, indem er mit der Macht und Ideologie der Tamil Tigers aufräumt. «Die Bevölkerung vor Ort ist kriegsmüde. Wir müssen die Idee eines eigenen Staates und die Werte der Tamil Tigers aufgeben», sagt der Zürcher Kulturvermittler Rajan Rajakumar.

Unabhängigkeitskämpfer und Pragmatiker – beide Seiten beanspruchen für sich, die Stimme der schweigenden Mehrheit zu sein. In diesem Machtvakuum kommt dem Richterspruch aus Bellinzona eine delikate Bedeutung zu. Nur Ruhe – die wird das Urteil den Tamilen nicht bringen.

Erstellt: 30.03.2018, 09:44 Uhr

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367 Seiten Anklageschrift, 3250 Kilometer Akten, 56 Stunden Plädoyers, 8 Jahre Ermittlungen: Es ist ein Prozess der Superlative, der von Januar bis März am Bundesstrafgericht in Bellinzona verhandelt wurde. Angeklagt sind acht Tamilen des World Tamil Coordinating Committee (WTCC), zwei Finanzinter­mediäre, zwei Inhaber von Geldwechselbüros und ein deutscher Ex-Angestellter der Bank-Now. Sie sollen mit einem ausgeklügelten Kreditsystem Geld für die Tamil Tigers in Sri Lanka beschafft haben. Den Männern wird Betrug, Falschbeurkundung, Geldwäscherei und Beteiligung an bzw. Unterstützung einer kriminellen Organisation vorgeworfen. Folgt das Gericht dieser Argumentation, hätte das Urteil Präzedenzcharakter – in Bezug auf die Beurteilung der Tamil Tigers und auf die Finanzierung von Gewaltverbrechen. Das Urteil wird Mitte Juni erwartet. (rbi)

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