Die grosse Müller-Show (und Gössi war auch da)

Der Freisinn hat eine neue Präsidentin. Die Wahl von Petra Gössi, als Höhepunkt der Veranstaltung gedacht, ging ob der opulenten Verabschiedung ihres Vorgängers etwas unter.

Es ging vor allem um ihn, nicht um sie: Philipp Müller mit Blumenstrauss, Petra Gössi am Rand. (16.04.2016)

Es ging vor allem um ihn, nicht um sie: Philipp Müller mit Blumenstrauss, Petra Gössi am Rand. (16.04.2016) Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Etwas Farbe ins Gesicht, eine lustige Perücke noch, und Philipp Müller hätte auch an einem Turnerabend auftreten können. Als humoristischer Höhepunkt versteht sich. Als jene Nummer, die so gut läuft, dass die Leute gar nicht genug davon haben können. Und weil der da oben auf der Bühne das auch merkt, haut er noch einen raus. Und noch einen. Und noch einen. Müller wollte an seiner letzten Delegiertenversammlung als Präsident des Freisinns gar nicht mehr aufhören. FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger, der als Moderator durch die DV führte, sagte danach ganz ernsthaft: «Das war die beste Rede, die ich in den vergangenen zehn Jahren in der FDP gehört habe.»

Rede? Nun gut. Es war eher eine Nummernrevue. Über nächtliche Autofahrten mit Nationalrätin Isabelle Moret («Nid so schnäll!», habe sie ganz aufgeregt und immer wieder gerufen. Verrückt, diese ängstlichen Frauen). Über den sturen Grind von Christian Wasserfallen. Über Didier Burkhalter, der immer parat sei jeden Krieg auf der Welt per sofort zu beenden. Über die Unterschiede zwischen den Bundesräten Burkhalter und Johann Schneider-Ammann, auf die er leider nicht näher eingehen könne (nie hat jemand aus der Partei so öffentlich bestätigt, dass sich die beiden FDP-Bundesräte nicht ausstehen können).

Die «Sonne aus dem Tessin»

Über seine abtretende Vizepräsidentin Carla Speziali, die er dermassen oft und inbrünstig als «Sonne aus dem Tessin» bezeichnete, dass einem auch ein öffentlicher Antrag nicht mehr gewundert hätte. Und dann noch einmal über Isabelle Moret – «Sie heisst Isa-BELLE. Verstehen Sie? Isa-B-E-L-L-E!» Und natürlich über die politischen Gegner: Er möge alle Sozialdemokraten, habe er Levrat einmal gesagt, «aber bitte vermehrt euch nicht» (der Spruch ist schon älter). Und über die etwas dummen SVPler: «Bei der FDP gibt es keinen Konjunktiv. Bei uns gibt es nur den Indikativ und den Imparativ (sic!). Wären wir jetzt bei der SVP, müsste ich diese Worte erklären.»

Uff. Und da waren kaum zehn Minuten vorbei dieser Delegiertenversammlung, an der doch eigentlich die Wahl der neuen Präsidentin im Zentrum hätte stehen sollen.

Tat sie nicht. Im Hotel National in Bern ging es an diesem Samstag nur um einen Mann: Philipp Müller. Müller, den Chrampfer, den Zahlenmensch, den Engagierten. Müller, der in seiner vier Jahre dauernden Präsidentschaft dem Freisinn wieder das Siegen gelernt habe. Zum ersten Mal seit 1979! «Philipp hat uns die Lust auf mehr Erfolg ins Herz gepflanzt», wie es Johann Schneider-Ammann an der Grenze zur Poesie formulierte. Überhaupt, die Rede des Bundespräsidenten: die war gut. Immer wenn er über ernste Themen rede, wechsle er in Zukunft ins Französische, sagte Schneider-Ammann unter erwartbarem Gelächter (diese Pointe werden wir wohl noch öfter hören) und machte sich dann ein paar Gedanken zur Zahl 18. Über den 18-Prozent-Müller, wie er wegen seiner Ausländerinitiative früher gerne genannt wurde. Über Müller den Cowboy, den «Lucky Luke» der Schweizer Politik, der schneller redet als sein Schatten schiesst. Oder so.

Der Affen-Schüblig

Folgerichtig schenkte der Bundespräsident dem abtretenden Parteipräsidenten ein «Lucky-Luke»-Heft und einen Caipirinha-Likör (18 Prozent!). Daneben erhielt er noch eine Kiste Bananen («Die nennen wir Affen-Schüblig!, rief Alleinunterhalter Müller ins Publikum), eine Flasche Olivenöl ohne weitere Bedeutung und einen Eintritt ans nächste «AC/DC»-Konzert. Fraktionschef Ignazio Cassis, euphorisch: «Zuerst war er Politstar. Jetzt beginnt er seine Karriere als Rockstar!».

Und damit, die Zeit war bereits etwas fortgeschritten, weil man auch noch den Film mit den besten Zitaten der Parteikollegen über den «lieben Philipp» zeigen musste, ja damit ging es dann plötzlich doch noch um Petra Gössi.

Die Stimmung war nicht mehr ganz so spritzig, als Gössi ihre Rede halten durfte. «Spinne ich eigentlich, dass ich die einzige bin, die das machen will?», sagte Gössi und kam zum Schluss: wahrscheinlich nicht. Sie wolle sich für die Freiheit einsetzen, für die Eigenverantwortung. Sie freue sich auf die Arbeit mit den Medien, auf Fragen wie: «Bügeln Sie Ihre Hemden selbst? Sind Sie spröde?» (das gab die ersten Lacher). Sie wolle eine Präsidentin sein, die ihrer Partei zuhöre, die das Gespräch suche. Die auch Themen der jungen Generation bearbeite.

Sie werde als Präsidentin das Rad nicht neu erfinden, aber «das Rad vorwärts drehen». Die FDP, und damit wiederholte sie einen Satz aus ihren Interviews vor der Wahl, die FDP sei im bürgerlichen Lager die einzige liberale Kraft, die reformorientiert sei und das Erfolgsmodell Schweiz verteidige, das von «sozialistischen» und «konservativen» Kräften bedroht werde. «Wir werden kämpfen und wir werden gewinnen. Auf eine erfolgreiche liberale Zukunft!»

Freundlicher Applaus, 337 Stimmen (alle) für Gössi, die FDP hat: eine neue Präsidentin. Später stand Gössi umringt von Medienschaffenden vor der grossen Bühne und musste Fragen beantworten (nicht zum Bügeln). Sie wolle zweitstärkste Kraft in der Schweiz werden, stärker als die SP, sagte sie. Das wollte auch ihr Vorgänger. Der war zu dieser Zeit schon nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich beim Apéro, Witze reissen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2016, 15:08 Uhr

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