Die Jungen müssen mehr bezahlen, Rentner werden kaum belastet

Der Ständerat hat die Altersrentenreform zu Ende beraten. Deren finanzielle Lasten sind ungleich verteilt.

Karikatur: Felix Schaad

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In den letzten Jahren ist ein Loch in der Rechnung der beruflichen Vorsorge (BVG) entstanden in der Höhe von mehreren Milliarden Franken pro Jahr. Die Politiker versuchen es mit der Altersvorsorgereform 2020 zu stopfen. Das erklärte Ziel der Mehrheit des Ständerats ist, die Rente insgesamt (besteht aus der AHV- und der BVG-Rente) nicht zu kürzen. So müssen neue Einnahmen her.

Noch nie gezeigt wurde, was die Reformvariante des Ständerats die Angestellten jährlich kosten wird, sollte sie ab 2018 so umgesetzt werden. Der TA hat sie berechnet. Die Mehrbelastungen entstehen wegen eines höheren AHV-Lohnabzuges, eines höheren BVG-Abzugs und einer höheren Mehrwertsteuer, sofern man den Lohn ausgibt. Der Rat hat diese Mehrbelastungen wie folgt festgelegt:

  • Für die AHV: Von den Löhnen sollen künftig 0,3 Prozent mehr abgezogen werden.
  • Für die 2. Säule: Die Lohnabzüge für gewisse Altersklassen sollen steigen. Neu müssen 21- bis 24-Jährige 5 Prozent akzeptieren. Sie waren bisher nicht beitragspflichtig. Die 35- bis 54-Jährigen zahlen ein Prozent mehr, die übrigen Altersklassen nichts zusätzlich.
  • Für die Mehrwertsteuer: Diese soll in drei Stufen erhöht werden. Von zusätzlichen 0,3 Prozent auf 1 Prozent mehr. Die Last tragen alle Arbeitnehmer gleich, auch Rentner und unter 21-Jährige.

Wer wie zusätzlich belastet wird

Die TA-Berechnungen stützen sich auf die Ständeratsbeschlüsse und Angaben des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV). Letzteres hält die Berechnungen auf Anfrage für «plausibel». Für die Belastung durch die Mehrwertsteuer kommen Schätzungen des Bundesrates zum Zuge. Die wichtigen Befunde sind:

  • Junge Arbeitnehmer: 21- bis 24-Jährige erfahren die grösste Mehrbelastung. Sie bezahlen mehr AHV, mehr BVG-Abzüge und mehr Mehrwehrsteuer. Ein solch junger Angestellter mit 4200 Franken Bruttolohn bezahlt jährlich 1243 Franken mehr an die Reform.
  • Ältere Arbeitnehmer: Der Beitrag der 55- bis 64-Jährigen ist bescheiden. Er beträgt bei einem Lohn von 5500 Franken brutto 779 Franken jährlich. Diese Altersgruppe wird – so wie die 17- bis 20-Jährigen – nur mit mehr AHV und Mehrwehrsteuer belastet. Dies ist politisch beabsichtigt, da diese Altersgruppe für Firmen verhältnismässig «teuer» ist: Arbeitgeber entrichten für die 55- bis 64-Jährigen 9 Lohnprozente an die 2. Säule.
  • Rentner: Die Rentner, die heute die finanzielle Hypothek der 2. Säule sind und dies noch lange bleiben, werden kaum zur Kasse gebeten. Sie sollen bloss halb so viel Mehrkosten tragen wie die 17- bis 20-Jährigen. Ein Rentner, der zuvor 4200 Franken bekam, trägt jährlich 197 Franken zur Sanierung bei – ein 20-Jähriger 407 Franken.

Fazit: Am meisten werden Arbeitnehmer zwischen 21 und 24 Jahren zur Kasse gebeten. Mit einem Lohn von 4200 Franken brutto zahlen sie 1200 Franken jährlich an die Reform. Am wenigsten trifft es die über 55-Jährigen und die Rentner. Letztere tragen die Mehrkosten je nach Rente mit jährlich ein paar Hundert Franken. Kritiker der Berechnung sagen, die Mehrwertsteuer erhöhe sich «für Arbeitnehmer gar nicht». Sie werde bloss durch die bestehende Erhöhung von 0,4 Prozent für die Invalidenversicherung 2018 abgelöst. Tatsächlich aber hatten die Politiker damals die 0,4 Zusatzprozent für die IV als befristet erklärt.

Harte Kritik aller Jungpolitiker

Der TA hat die Präsidenten der vier grossen Jungparteien um Einschätzung gebeten. Sie sind sehr besorgt. Jean-Pascal Ammann, der 24-jährige Präsident der Jungen CVP, sagt, es sei eine mutlose Reform, die durch Neubelastungen für die Jungen zur Farce werde und neue Probleme schaffe: «Die Reform zeigt deutlich, dass die Politik bloss Kompromisse zwischen links und rechts, nicht aber zwischen den Generationen sucht.»

Der 25-jährige Präsident der Jungfreisinnigen Maurus Zeier sagt, die TA-Berechnungen zeigten, dass das System so nicht mehr funktioniere. «Die Finanzierungslasten sind sehr ungleich verteilt». Ihn stört vor allem die «systemfremde» Mehrwertsteuer. Sie komme immer dann zur Anwendung, «wenn die Politik finanziell nicht weiter weiss». Für jeden Jungen sei klar: «Wenn wir länger leben und nicht länger arbeiten wollen, dann müssen wir mit weniger auskommen. Dies führt logischerweise zu einer tieferen Rente.» Oder aber die Leute arbeiten länger.

Anian Liebrand (26), Präsident der Jungen SVP, fordert, dass das Pensionsalter erhöht und die BVG-Renten so weit gesenkt werden, dass sich das Loch in der 2. Säule schliesse. «Ansonsten geht die Umverteilung in Milliardenhöhe unbeschränkt weiter, und die Zahler – hauptsächlich Junge und Erwerbstätige– werden laufend überstimmt.» Auch er lehnt eine Mehrwehrsteuer-Erhöhung ab. Dass eine Mehrheit in Bundesbern zuerst an ihre Wiederwahl statt an die Zukunft der Jungen denke, sei «ein Grundproblem».

Juso-Chef Fabian Molina sticht vor allem die Mehrbelastung der 21- bis 24-Jährigen ins Auge. «Mit der Vorverlagerung des Sparprozesses beim BVG auf 21 Jahre und der Schaffung einer neuen Alterskategorie hat sich der Ständerat offensichtlich krass verrechnet», sagt der 25-Jährige. Diese Diskriminierung junger Arbeitnehmenden sei «inakzeptabel» und müsse «unbedingt korrigiert werden». Es sei nicht einsichtig, weshalb sie überproportional zur Kasse gebeten würden.

Die Politik begründet die Reform mit Sachzwängen: Länger leben heisst, mehr Rente aus der 2.  Säule zu beziehen. Gleichzeitig fliesst ihr wegen der tiefen Zinsen immer weniger Geld aus dem angelegten Vermögen zu. Erschwerend kommt hinzu, dass die Rentenversprechen für Pensionäre überhöht sind. Sie erhalten heute mehr, als ihr Kapital an Zinsen hergibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2015, 23:36 Uhr

Auch Arbeitgeber sind entsetzt

Da in der Schweiz alle Sozialbeiträge von den Arbeitgebern zur Hälfte finanziert werden, treffen die Mehrbelastungen zu einem grossen Teil Firmen. Ein Beispiel: Für jeden 21- bis 24-Jährigen, der 918 Franken mehr an AHV und BVG zahlt, blättert der Arbeitgeber ebenso viel hin. Die Jungen werden für die Unternehmen also deutlich teurer.

Der Arbeitgeberverband gibt sich entsetzt. Allein die geplanten höheren AHV-Beiträge werden laut dem Dossierverantwortlichen Martin Kaiser ab 2030 die Firmen rund 700 Millionen Franken pro Jahr kosten und wegen der wachsenden Zahl Rentner ab 2035 gar «über 1 Milliarde». Hinzu kommen höhere BVG-Beiträge. Durch sie werden die Patrons jährlich mit rund 1,5 Milliarden stärker belastet. Und schliesslich die Mehrwertsteuer: Kaiser rechnet ab 2025 mit einer Verteuerung der Produkte und Dienstleistungen von 4 Milliarden Franken. Dieser Effekt werde «das Wachstum bremsen und Arbeits­plätze kosten». Ein Teil dieser Erhöhung bleibt direkt an den Firmen hängen. (val/br)

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