«Die Jungen sollen wissen, wie wichtig ihre Stimme ist»

Mit der alternden Gesellschaft werden auch die Wähler älter. Soll das Stimmrechtsalter auf 16 gesenkt werden? Oder gleich ab Geburt vergeben werden? Dazu Lukas Rühli von Avenir Suisse.

Wie bringt man sie dazu, sich für Politik zu interessieren? Eine Gruppe Gymnasiasten in Zug. (9. Juni 2015)

Wie bringt man sie dazu, sich für Politik zu interessieren? Eine Gruppe Gymnasiasten in Zug. (9. Juni 2015) Bild: Christof Schürpf/Keystone

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Lukas Rühli, Avenir Suisse rechnet uns vor, dass bis ins Jahr 2035 das Alter des statistischen Durchschnittswählers bis 2035 auf über 60 Jahre klettert. Sie warnen vor einer «Gerontokratie», einer Herrschaft der Alten. Was ist daran schlecht?
Grundsätzlich ist es erfreulich, wenn wir immer älter werden ...

... aber?
Würden alle Menschen 90 Jahre alt und auch länger arbeiten, würde sich nicht viel ändern. Finanzpolitisch schwierig wird es, wenn wir wie heute Mitte 60 in Pension gehen und gleichzeitig die verbleibende Lebenszeit immer länger wird. Darüber hinaus geht es um die grundsätzliche Frage, wie Innovations- und Pioniergeist in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft erhalten werden können. Ich denke hier an jene politischen Bereiche, in denen es um langfristige Investitionen geht.

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Auch ältere Menschen denken an die Zukunft: Sie haben vielleicht Enkel, die sie aufwachsen sehen und denen sie eine gute Zukunft ermöglichen wollen.
Genau, und in diese Kerbe schlägt unsere Idee eines Stimm- und Wahlrechts ab Geburt, wenn man noch eine Generation weiter zurückgeht. Man könnte Eltern – stellvertretend für ihre Kinder – mehr Stimm- und Wahlkompetenzen zugestehen. Damit würden wir jenen Anliegen ein grösseres Gewicht beimessen, welche die Zukunft betreffen. Denn man kann davon ausgehen, dass Eltern diese Themen eher berücksichtigen. Kommt hinzu, dass Eltern minderjähriger Kinder durchschnittlich jünger sind als der Durchschnitt der stimmberechtigten Bevölkerung.

«Es fehlt den Jungen bei vielen Themen an persönlicher Betroffenheit.»

Das ist ein illusorischer Vorschlag, der keine Mehrheit finden wird.
Die demografischen Herausforderungen verlangen nach unkonventionellen Ansätzen. Zugegeben, eine solch radikale Reform müsste auch demokratiepolitisch diskutiert werden. Ausserdem ist es nicht auszuschliessen, dass damit die Interessen der Familienpolitik überproportional gestärkt werden. Es wäre aber mit Blick auf das Problem der alternden Gesellschaft ein wirkungsvoller Ansatz.

Eine weitere Massnahme wäre die Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre. Wäre das sinnvoll?
Ein Stimmrechtsalter 16 wäre meines Erachtens vertretbar, auch im Hinblick auf die Erfahrungen in Österreich, wo dieses bereits gilt. Allerdings dürfte die Wirksamkeit eher gering sein: Mit Stimmrechtsalter 16 würde das Durchschnittsalter der Stimmenden lediglich um 0,6 bis 0,7 Jahre sinken, weil Junge weniger oft an die Urne gehen.

Weshalb stimmen Junge nicht häufiger ab? Ist ihnen die Unternehmenssteuerreform III einfach zu kompliziert?
Es liegt nicht daran, dass die Themen zu kompliziert sind. Ein 20-Jähriger hat die gleiche intellektuelle Kapazität wie ein 70-Jähriger. Er kann einen Sachverhalt und dessen Konsequenzen ebenso gut abschätzen. Doch einerseits fehlt es den Jungen bei vielen Themen an persönlicher Betroffenheit: Wenn man mit 20 noch zu Hause wohnt und kein eigenes Geld verdient, ist man weniger empfindlich dafür, was mit Steuergeldern geschieht, als mit 40. Kommt dazu, dass die Jungen heute später von zu Hause ausziehen und Eigenverantwortung übernehmen. Andererseits liegt es an der ungenügenden politischen Bildung der Jungen.

Inwiefern?
Avenir Suisse fordert, dass die politische Bildung auf allen Schulstufen gestärkt wird, über einen praktischen Zugang wie etwa in Projektwochen. Die Jungen sollen wissen, wie wichtig ihre Stimme ist. Sie müssen wissen, dass sie Teil des Clubs sind und wie das System funktioniert. Es ist zwar erfreulich, wenn Maturanden top sind in Mathematik und Physik, aber gleichzeitig sollten sie den Unterschied zwischen einem Regierungsrat und einem Kantonsrat kennen.

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Eines der dringendsten Dossiers ist die Reform der Altersvorsorge. Wie könnte ein überaltertes Stimmvolk dieses beeinflussen?
Bei Abstimmungen sehen wir zwar immer wieder, dass die Schweizer nicht naiv und vor allem nicht nach reinem Eigennutz abstimmen. Sie orientieren sich auch an ihren Idealen wie Links-rechts-Schemata etc. Trotzdem wird es schwieriger, eine Altersvorsorge auf eine – aus Sicht der Jungen – nachhaltige Basis zu stellen mit der aktuellen Bevölkerungsdynamik, wo die Babyboomer ihre Pensionierung im Blick haben.

Wird es in 20 Jahren noch ein fixes Rentenalter geben?
Wir sind klar der Meinung, dass es gut wäre, wenn es bis dann kein fixes Rentenalter mehr gäbe. Festzulegen wäre eine Referenzzahl von Beitragsjahren. Wer früher zu arbeiten beginnt, kann sich bei gleicher Rente früher pensionieren lassen; wer länger arbeitet, dessen Rentenzahlungen erhöhen sich etc. Generell sollten wir die Dreiteilung des Lebens überdenken. Lernen, arbeiten, pensioniert sein: Diese drei Etappen müssen wir flexibler gestalten. Vielleicht während des Erwerbslebens nicht ganz so verbissen arbeiten – dafür etwas länger.

Erstellt: 20.06.2016, 16:43 Uhr

Der Ökonom Lukas Rühli ist Senior Fellow bei Avenir Suisse und beschäftigt sich unter anderem mit direkter Demokratie, AHV und Föderalismus.

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