Wird der Mensch im Alter wie ein Auto betrachtet?

Ältere werden heute wenig geschätzt. Das kann sich die Schweiz bald nicht mehr leisten.

Die älteren Menschen sitzen nicht nur auf dem Bänkli wie hier am Zürcher Bürkliplatz, sondern leisten Freiwilligenarbeit, pflegen Angehörige und sparen der öffentlichen Hand so viel Geld. (Foto: Raisa Durandi)

Die älteren Menschen sitzen nicht nur auf dem Bänkli wie hier am Zürcher Bürkliplatz, sondern leisten Freiwilligenarbeit, pflegen Angehörige und sparen der öffentlichen Hand so viel Geld. (Foto: Raisa Durandi)

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Die Schweizerinnen und Schweizer werden in den nächsten Jahrzehnten grauer, ihre Haltung wird gebeugter, ihr Schritt langsamer. Gehstöcke, Rollatoren und elektrische Rollstühle werden vermehrt das Strassenbild prägen. Bereits haben sich die ersten Babyboomer in den Ruhestand verabschiedet, täglich folgen ihnen weitere, und in dreissig Jahren werden in der Schweiz 49 Rentnerinnen und Rentner auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen.

Heute sind es noch 30 Rentner. In Zentren wie Zürich sind sie wenig präsent – in den Trams sitzen kaum mehr ältere Fahrgäste, in den Büros sind Angestellte über 60 die Ausnahme, und in den Wohnblöcken sind die meisten Nachbarn jung. In Zentren mit grosser Anziehungskraft haben Vermieter und Arbeitgeber die Wahl – und entscheiden sich oft gegen die Älteren. Die Wertschätzung ihnen gegenüber ist gering: Sie gelten als unflexibel, langsam und – obwohl es bislang noch keine Studie nachweisen konnte – als weniger leistungsfähig als Junge. So diskutiert man bereits darüber, älteren Angestellten die Löhne zu kürzen; auf diese Weise will man Unternehmen dazu bringen, sie noch einzustellen.

Das Laboratorium Riehen

In 30 Jahren, wenn jeder dritte Erwachsene älter als 64 ist, wird es sich die Schweiz nicht mehr leisten können, einen so grossen Teil der Bevölkerung geringzuschätzen und vom Arbeitsmarkt auszuschliessen. In einer alternden Schweiz muss sich die Gesellschaft Gedanken machen, wie sie zum Alter steht. Kann sie ihm auch etwas Positives abgewinnen? Oder betrachtet sie den Menschen wie ein Fahrzeug, das mit jedem zurückgelegten Kilometer, mit jedem überdauerten Tag an Wert verliert und am Ende seiner Nutzungsdauer zum Kostenblock wird?

In Riehen, der reichen Vorortsgemeinde von Basel, hat die betagte Zukunft der Schweiz längst begonnen. Bereits heute ist dort jeder dritte Einwohner über 64 Jahre alt; die Gemeinde erfuhr den grossen Wachstumsschub bereits nach dem Zweiten Weltkrieg und musste sich früher als andere mit einer alternden Gesellschaft auseinandersetzen. Was die Riehener Gemeinderätin Annemarie Pfeifer sagt, klingt heute schon fast revolutionär: «Betagte sind wertvolle Menschen.» Die über 65-Jährigen hätten die Schweiz zu dem gemacht, was sie sei. Sie hätten das Recht, in Würde zu altern.

Senioren helfen sparen

In Riehen sieht man nicht nur, was die älteren Menschen kosten, sondern auch das, was sie für die Gemeinde tun: Sie leisten Freiwilligenarbeit, füllen etwa Steuererklärungen aus, machen Botengänge oder bringen anderen Senioren bei, sich im Internet zu bewegen. Viele Ältere pflegen Angehörige zu Hause. Mit jedem Monat, den ein Pflegebedürftiger zu Hause statt im Heim verbringt, spart die öffentliche Hand einige Tausend Franken.

Vor allem aber, so die Erkenntnis aus dem Versuchslabor Riehen, sollen sich Junge und Alte durchmischen. Ideen dafür gibt es viele: Senioren unterstützen in der Schule Lehrer; Schüler erklären Älteren, wie sie ihr Smartphone nutzen können. Studenten wohnen gratis bei Betagten und gehen ihnen dafür zur Hand.

Junge ziehen ins Altersheim

Noch einen Schritt weiter geht ein Altersheim in den Niederlanden: Dort sind sechs Studenten eingezogen und leben nun mit 160 Senioren zusammen. Sie bezahlen keine Miete für ihr Zimmer, dafür verbringen sie jeden Monat 30 Stunden mit den Senioren. Ein Student sagte gegenüber dem Fernsehmagazin «Weltspiegel», er habe anfangs Mitleid für die Alten empfunden. Nun hat er mit einer 92-Jährigen Freundschaft geschlossen und sagt von ihr: «Sie inspiriert mich. Trotz ihres Alters will sie noch alles lernen.»

Wie die Zukunft der älteren Menschen in der Schweiz aussieht, bestimmt die Generation, die heute regiert, forscht, verwaltet und Steuergeld ausgibt. Wenn ihre Vertreter schlau sind, suchen sie eine gute Lösung, denn sie sind die Alten von morgen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2017, 23:40 Uhr

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