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«Die Kollision erinnert mich an Döttingen»

In Granges-près-Marnand kollidierten zwei Züge. ETH-Verkehrsplaner Dirk Bruckmann über veraltete Sicherungssysteme und Wahrnehmungspsychologie.

8. August 2011: Im Bahnhof von Döttingen AG kommt es zu einer Streifkollision zwischen einem Güterzug und einer S-Bahn.
8. August 2011: Im Bahnhof von Döttingen AG kommt es zu einer Streifkollision zwischen einem Güterzug und einer S-Bahn.
Keystone
Acht Personen werden bei dem Aufprall verletzt.
Acht Personen werden bei dem Aufprall verletzt.
Keystone
SBB-Mitarbeiter versuchen, einen zerstörten Wagen aus den Schienen zu heben.
SBB-Mitarbeiter versuchen, einen zerstörten Wagen aus den Schienen zu heben.
Keystone
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Herr Bruckmann, die Zugkollision im Waadtland ereignete sich auf einer wenig befahrenen Strecke. Ein untypischer Unfall? Nein, das Risiko einer Kollision nimmt mit der Streckenbelastung nicht unbedingt zu. Vielmehr ist das Sicherungssystem ausschlaggebend.

Nicht alle Sicherungssysteme der SBB befinden sich auf dem neuesten Stand. Wie sieht es in Granges-près-Marnand aus? An diesem Bahnhof ist das alte Sicherungssystem Integra-Signum im Einsatz. Falls ein Zug ein geschlossenes Signal überfährt, wird er abgebremst. Das System löst den Halt zwar aus, doch je nach Geschwindigkeit des Zuges ist der Bremsweg länger.

Der Zug rutscht weiter? Ja, je nachdem noch für eine weite Strecke. Zu stehen kommt er dann erst im sogenannten Profil des entgegenkommenden Zuges. Eine Kollision lässt sich so praktisch nicht mehr vermeiden.

Zwischen dem Bahnhof Granges-près-Marnand und dem Ausfahrsignal sollen es knapp 350 Meter sein. Kann dies für die Lokführer gefährlich sein? Durchaus. Bei normaler Sicht ist die Signalfarbe zwar gut zu erkennen, aber häufig spielen andere Faktoren eine Rolle, die mehr in den Bereich der Wahrnehmungspsychologie gehören. Man verwechselt zum Beispiel die Farbe oder das Signal. Dies darf zwar eigentlich nicht passieren, kommt aber vor. Eine so weite Entfernung zwischen Signal und Halteposition ist da problematisch.

Warum war auf der Strecke noch keine permanente Geschwindigkeitsüberwachung eingebaut? Die allerneueste Technologie ist erst auf wenigen Strecken installiert, beispielsweise im Lötschbergtunnel. Der Bund plant aber die flächendeckende Einführung des europäischen Sicherungssystems (ETCS, European Train Control System) in den nächsten Jahren.

Warum dauert die Übernahme des ETCS so lange? Das ist vor allem eine Frage des Geldes. Es ist noch viel alte Systemtechnik vorhanden, die noch nicht abgeschrieben ist. Da wartet man noch zu. Bei einer Umstellung müssen zudem auch die Fahrzeuge neu eingestellt und umgebaut werden. Deshalb führt man das ETCS regionenweise ein. Die Region rund um Granges-près-Marnand soll erst 2017 erneuert werden.

Neben der weiten Entfernung zum Signal fällt auch auf, dass in Granges-près-Marnand ein sogenanntes Gruppenausfahrsignal für mehrere Züge im Einsatz war. Gibt es ein Beispiel, wo ein solches Signal zu Problemen führte? Ja, beim Zugunglück im aargauischen Döttingen 2011. Die Kollision von gestern erinnert mich allgemein stark an Döttingen. Ein sogenannter Durchrutschweg war in beiden Fällen wohl nicht ausreichend vorhanden.

Parallelen werden auch zum Zugunfall in Neuhausen vom Januar gezogen. Natürlich gibt es auch da viele Gemeinsamkeiten. Bei beiden fuhr ein Zug offenbar zu früh aus dem Bahnhof auf eine eingleisige Strecke, es kam zu einer Kollision mit eher geringer Geschwindigkeit. Doch eigentlich ähneln sich alle vier grösseren Zugunglücke der letzten beiden Jahre stark. Neben Granges-près-Marnand, Neuhausen und Döttingen auch der Zusammenstoss zweier S-Bahn-Züge in Olten im Jahr 2011.

Inwiefern? Bei allen ist das Grundproblem offenbar das gleiche: Ein Zug fährt gegen ein Halt zeigendes Signal und kollidiert mit einem anderen Zug.

Was schliessen Sie aus diesen Ähnlichkeiten? Man müsste sich wohl einmal ernsthaft Gedanken über die Sicherungssysteme machen, zudem wären wohl auf Seiten des Personals Massnahmen erforderlich. Denn es war eigentlich nur Glück, dass es bis gestern Abend zu keinen Todesopfern kam. Glücklicherweise stiessen die Züge jeweils mit geringen Geschwindigkeiten aufeinander.

Gibt es das Problem auch in den Nachbarländern der Schweiz? Ja, in den 80er-Jahren gab es in Deutschland ähnliche Fälle.

Wie hat man das Problem in den Griff bekommen? Das eine war die Einführung einer neuen Zugsicherung, die die Geschwindigkeit bis zum Signal begrenzt. Ausserdem überarbeitete man die Sicherheitskonzepte an Ort und Stelle und schaffte es so, dass sich solche Vorfälle an Stellen, die mit der neuen Sicherungstechnik ausgerüstet wurden, nicht mehr wiederholten.

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