Die konservative Konsenspolitikerin

Sie sorgt für die Überraschung des Tages: Die Urner Regierungsrätin Heidi Z’graggen ist auf dem CVP-Ticket.

Politisch nicht so einfach einzuschätzen: Die Urner CVP-Politikerin Heidi Z'graggen. (Archivbild) Bild: Geri Holdener/Keystone

Politisch nicht so einfach einzuschätzen: Die Urner CVP-Politikerin Heidi Z'graggen. (Archivbild) Bild: Geri Holdener/Keystone

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Und dann rutschte ihr dieser ominöse Satz über die Lippen: «Dä isch en Depp», sagte Heidi Z'graggen Ende Oktober an einem Podium der vier CVP-Kandidaten, als ein Mann aus dem Publikum eine langfädige Frage stellte.

Seither klebte der Ausrutscher wie ein Stigma an der Urner Justizdirektorin. «Niveau hinteres Schächental zu vorgerückter Stunde», schrieb der frühere SP-Parteipräsident Peter Bodenmann in der «Weltwoche».

In der eigenen Partei schien man die Sache nicht so eng zu sehen. Spätestens seit sich CVP-Chef Gerhard Pfister am Mittwochabend in der «Rundschau» für Z'graggen ins Zeug legte, wusste man, dass die Urnerin intakte Chancen für einen Platz auf dem Ticket hat. Seit heute Abend ist die 52-Jährige offizielle CVP-Bundesratskandidatin neben Viola Amherd.

Zur Natur schauen

«Ich werde nun mein Netzwerk aktivieren, ins Gespräch kommen mit den Parlamentariern und Visionen aufzeigen für die Schweiz», sagte Z'graggen nach ihrer Nomination zu den Medienvertretern.

Sie sei sehr wirtschaftsfreundlich, stehe ein für gute Rahmenbedingungen, aber auch für das Wohl der Schwachen, und - was «ganz, ganz wichtig ist» - für den Natur- und Umweltschutz.

So präsidiert Z'graggen seit Anfang Jahr die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission. Als Bewohnerin eines Bergkantons wisse sie, was geschehen könne, wenn man nicht zur Natur schaue.

Z'graggen erklärte, sie werde keinen Wahlkampf gegen Amherd führen, sondern ihre eigenen Vorstellungen für die Zukunft des Landes präsentieren. Konkordanz und Konsensdenken seien ihr sehr wichtig, die zunehmende Polarisierung eine grosse Herausforderung.

Vorbild Emilie Lieberherr

«Wo es um Einfluss, Macht und Karriere geht, kommen auch heute noch vorwiegend Männer zum Zug», sagte Z'graggen im Jahr 2000, als Studentin an einem Podium in Altdorf.

Die Politikwissenschaftlerin mit Doktortitel beliess es nicht beim Studium der Staatsführung und der anklagenden Analyse. Sie schaffte es in die Regierung des Bergkantons, wo sie seit 14 Jahren als Justizdirektorin tätig ist.

Die Zürcher Frauenpionierin Emilie Lieberherr, die sie für ein Buchprojekt porträtierte, habe sie stark zu diesem Weg inspiriert. Auch bei der Ankündigung ihrer Kandidatur vor knapp einem Monat räumte sie dem Frauenaspekt grosses Gewicht ein: «Nur wenn Frauen sich zur Wahl stellen, können sie nominiert und gewählt werden.»

Wer sich so exponiert, muss auch mit Niederlagen rechnen. Das erfuhr Z’graggen 2010: Obwohl als Regierungsrätin wohlbekannt, unterlag sie dem parteilosen Markus Stadler bei den Ständeratswahlen deutlich.

Mut, nicht Wagemut

Klar brauche es Mut, als Aussenseiterin für den Bundesrat zu kandidieren, räumt Z’graggen ein, aber es sei nicht Wagemut. Schliesslich sei sie mit bundespolitischen Themen vertraut. Z'graggen sass von 2007 bis 2016 im Parteipräsidium der CVP Schweiz und präsidierte 2016 und 2017 die Zentralschweizer Regierungskonferenz.

Nicht im nationalen Parlament zu sein, sei ein gewichtiges Handicap, sagt der Urner FDP-Ständerat Josef Dittli. Er sass mit Z’graggen zwölf Jahre in der Urner Regierung und ist überzeugt: «Je nach Konstellation sind ihr als Zentralschweizerin und als teamfähiger und zielorientierter Politikerin Wahlchancen einzuräumen.»

Wegbereiterin von Sawiris

Politisch ist die Urnerin nicht so einfach einzuschätzen. Sie ist eher dem konservativen CVP-Flügel zuzuordnen. Das habe nichts mit ihrem langjährigen Partner, dem Unternehmer und ehemaligen Zürcher SVP-Kantonsrat Bruno Dobler, zu tun, ­betont Z’graggen: Sie sei eine Politikerin aus den CVP-Stammlanden, und deren Wertvorstellungen fühle sie sich verpflichtet.

Ansonsten beschreiben Leute aus ihrem Umfeld Z’graggen als solide Konsenspolitikerin mit einem wachen Gespür für strategische Fragen und einem guten Umgang mit ihren Mitarbeitenden.

Z'graggens grösster Erfolg im Kanton Uri ist die Wiederbelebung des Tourimusortes Andermatt. Sie erreichte dies dank grossem Einsatz - und dem guten, bisweilen als anbiedernd taxierten Einvernehmen mit dem ägyptischen Grossinvestor Samih Sawiris.

Erstellt: 16.11.2018, 18:32 Uhr

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