Die Kraft des Dazugehörens

Wie können linke Parteien wieder mehr Arbeiter als Wähler gewinnen? Sicher nicht, indem sie eine ausschliessende Politik betreiben. Ein Gastbeitrag.

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Die Geschichte ist rasch erzählt: Die Demokraten haben die Anliegen der Arbeiter zu wenig ernst genommen, deshalb wurde Trump gewählt. Verantwortlich sei also die Linke, die zu wenig an den Stammtischen gesessen und sich als Elite in die Städte zurückgezogen habe.

Als eine, die aus diesem Arbeitermilieu stammt, macht mich diese Darstellung wütend. In herablassender Art wird das Bild von Arbeiterinnen und Arbeitern gezeichnet, mit denen man einfach etwas mehr reden oder ihnen ein paar leere Versprechen machen müsste, um ihre Stimmen wieder zu erhalten. Doch Arbeiterinnen und Arbeiter sind keine manipulierbare Masse, sondern individuelle Persönlichkeiten mit Haltungen und Meinungen. Und diese sind so verschieden wie bei allen anderen Menschen auch. Die Zeiten gleichgeschalteter Interessen einzelner Einkommensklassen sind nach fünfzig Jahren individueller Lebensgestaltung definitiv vorbei. Das hat Konsequenzen für die Politik.

Die Entmischung

Nicht Klassen bündeln heute Interessen, sondern Lebensmodelle. Die sind geprägt durch Milieus und Wohnorte. «Entmischung» heisst das Phänomen, dass Leute dorthin ziehen, wo sie Gleichgesinnte vermuten. Progressiv in den Städten, traditionell in den Dörfern, alles durch­einander in den Agglomerationen.

Und so nisten wir uns in unseren Echoräumen ein. Andersdenkende werden uns immer fremder. Es ist der vielgestaltige Sieg des «Wir gegen die anderen». Dieser Gegensatz, einst als Teil der kommunistischen Klassentheorie entworfen, wurde kurz darauf durch die Nation oder gar die Rasse ersetzt. Heute pflegen wir das «Wir gegen die anderen» als Teil der Identitätsbildung. Abgrenzung zur Selbstvergewisserung.

Der Sieg des «Wir gegen die anderen» ist gleichzeitig die Sackgasse der Linken. In dieser Logik gewinnt immer die politische Verführung schlechthin: die Nation. Sie bietet den Menschen etwas scheinbar gratis, das sie sich in einer offenen Gesellschaft immer neu erarbeiten müssten: eine eigene Haltung in der Vielfalt.

Das Gegenkonzept

Das Konzept der Linken im 21. Jahrhundert kann deshalb nur die Gegenerzählung sein: Nicht «Wir gegen die anderen», sondern «Es gehören alle dazu». Es ist das sozialdemokratische Modell der nordischen Staaten – die Mischung aus einer sehr individualisierten Gesellschaft mit einer stark integrativ ausgestalteten Politik. Es ist das Bekenntnis zu Offenheit, Toleranz und Vielfalt. Und es ist der feste Wille, unsere Werte des demokratischen Rechtsstaats dadurch zu verteidigen, dass wir sie leben.

Integrative Politik ist keine Versicherung gegen rechtsnationale Mehrheiten. Aber sie ist der beste Schutz dagegen. Sie zwingt gemässigte Bürgerliche zu einer Positionierung. Auf drei Baustellen sollte die Linke die Bürgerlichen herausfordern:

Die Schweiz muss sich radikal zu einer Gesellschaft der offenen Grenzen bekennen. Deshalb braucht sie eine viel stärkere Sozial- und Bildungspolitik. Wenn sich Stimmbürger am Arbeitsplatz ungenügend vor den Folgen der Globalisierung geschützt fühlen, werden sie gegen noch mehr Freihandel und Personenfreizügigkeit stimmen.

Der demokratische Rechtsstaat

Es braucht eine Versöhnung von Staat und Privat. Brot will ich nicht in einer staatlichen Bäckerei kaufen. Aber städtisches Wohnen ohne Genossenschaften würde die Sozialhilfe explodieren lassen. Und dass Volksschule, Sozialversicherungen oder der öffentliche Verkehr in die Verantwortung der öffentlichen Hand gehören, wussten schon die freisinnigen Gründerväter.

Die Schweiz muss ihre Leitkultur, den demokratischen Rechtsstaat, kompromisslos verteidigen. Der Blick nach Ungarn, Polen und in die Türkei zeigt: Gewaltenteilung, Verfahrensrechte, Unschuldsvermutung – Errungenschaften, für die Millionen von Menschen jahrhundertelang kämpften – lösen sich rasend schnell in Staub auf.

Eine solche Politik ist für die Linke kein Weg, um Arbeiterinnen und Arbeiter zurückzugewinnen, die sich dem «Wir gegen die anderen» verschrieben haben. Aber es ist ein Angebot für alle, die von der Kraft des Dazugehörens überzeugt sind.

Erstellt: 23.01.2017, 00:02 Uhr

Jacqueline Fehr
Die Zürcher Regierungsrätin war lange Vizepräsidentin der SP Schweiz und hat als solche den Kurs ihrer Partei mitgeprägt.

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