Die Lehrer wollen durchlüften

Laut einer Studie des Bundes ist die Luftqualität in zwei Dritteln der Schulzimmer ungenügend. Der Lehrerverband fordert jetzt Umbauten.

Nur gerade 33 Prozent der Schulzimmer sind laut einer BAG-Studie ausreichend gut gelüftet. Bild: Nathalie Guinand

Nur gerade 33 Prozent der Schulzimmer sind laut einer BAG-Studie ausreichend gut gelüftet. Bild: Nathalie Guinand

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Je schlechter die Luft im Schulzimmer, desto mehr Kopfweh und Müdigkeit – und desto schlechter auch die Leistungen der Schulkinder: Diese Zusammenhänge gelten als wissenschaftlich erwiesen, und sie erhalten jetzt neue Brisanz. Wie nämlich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in einer Studie aufzeigt, atmet eine klare Mehrzahl der Schweizer Schulklassen Luft von buchstäblich inakzeptabler Qualität.

In exakt 100 Schulzimmern hat das BAG während zweier Jahre regelmässig den Anteil CO2 gemessen. Das durch den Atemvorgang entstehende Gas ist laut den Studienautoren ein verlässlicher Indikator für die Luftqualität: Seine Konzentration nimmt parallel zur Verunreinigung mit weiteren Substanzen zu, die dann teilweise auch unangenehm riechen. Das Ergebnis der gestern veröffentlichten Untersuchung:

  • Nur gerade 33 Prozent der Schulzimmer waren ausreichend gut gelüftet. In diesen Räumen sank die Lufthygiene während weniger als 10 Prozent der Unterrichtszeit auf «inakzeptable» Werte (über 2 Promille CO2). In 67 Prozent der Schulzimmer besteht laut BAG dagegen «Handlungsbedarf».
  • In 30 Prozent der Schulzimmer war die Luftqualität während mindestens 30 Prozent der Unterrichtszeit inakzeptabel. Bei einer Schulklasse war dies sogar während 92 Prozent des Unterrichts der Fall.
  • In nur gerade 2 der 100 Schulzimmer war die Durchlüftung durchwegs sehr gut (weniger als 1,4 Promille CO2).

Die untersuchten Schulhäuser befinden sich in den Kantonen Bern, Graubünden, Waadt und Zürich. Die Resultate enthalten laut den Autoren allerdings keine regionalen Auffälligkeiten. Ein Unterschied zeigte sich dagegen zwischen Zimmern mit mechanischer Lüftung und solchen mit normalen Fenstern, die von Hand bedient werden. Letztere waren klar in der Überzahl (94 von 100). Die sechs automatisch belüfteten Räume schnitten prozentual gesehen freilich besser ab: In dreien lag der CO2-Pegel während fast 90 Prozent der massgeblichen Zeit unter 1,4 Promille.

Klassengrössen beschränken

Für den Schweizer Lehrerdachverband (LCH) ist dieser Befund ein Fingerzeig. «Mit einer guten Lüftungsstrategie kann man zwar die Situation in manchen Räumen verbessern. In rund einem Drittel der Schulzimmer braucht es aber technische Massnahmen», sagt LCH-Zentralpräsident Beat W. Zemp. Der LCH beschäftigt sich schon länger mit dem Thema; immerhin beeinträchtige schlechte Luft auch die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer. «Leider merkt man es oft nicht, wenn die Luft während des Unterrichts schlechter wird», sagt Zemp. Die Bauherren und Bildungspolitiker müssten das Problem «endlich ernst nehmen». Gemeinden und Kantone sieht Zemp in der Pflicht, für die erforderlichen technischen Upgrades in den Schulhäusern zu sorgen.

Angezeigt sind für den LCH auch eine Beschränkung der Klassengrössen, kontinuierliche Messungen, ein institutionalisiertes Gesundheitsmanagement – und regelmässige Besuche kantonaler Gesundheitsinspektoren. Für Letzteres braucht es laut Zemp Gesetzesänderungen. «Dass heute niemand dafür zuständig ist, den Gesundheitsschutz in den Schulzimmern zu kontrollieren, ist unbefriedigend.»

Lüftungsplan wirkt

Mit einer Erfolgsmeldung kann dafür das BAG bereits aufwarten: Im Nachgang zur Studie führte es mit 23 Schulklassen einen Pilotversuch für frischere Luft durch. Zum Einsatz kam dabei ein neues Simulationsmodell namens Simaria, das einen optimalen Lüftungsplan erzeugen soll. Laut BAG konnten dadurch die Phasen mit inakzeptabler Luft bei den betroffenen Klassen markant reduziert werden: von 31 auf 9 Prozent.

Das BAG stellt seinen Lüftungssimulator online unter www.simaria.ch zur Verfügung. Ergänzend dazu hat das Amt eine umfangreiche Dokumentation für Lehrkräfte, Bauherren und sonstige Interessierte erarbeitet.

Erstellt: 04.03.2019, 18:43 Uhr

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