Die Leiden der jungen Männer

Viele junge Männer fühlen sich im Schweizer Bildungssystem benachteiligt. Und es lohnt sich, ihnen zuzuhören.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es braucht nur eine Frage, und in der fast leeren Bibliothek in einem Basler Gymnasium ist es plötzlich nicht mehr so still. Zwei Gymnasiasten sitzen an einem der Tische, beide im Maturjahr, und beide haben eine klare Meinung. Die Frage war: Wird man heute in der Schule als junger Mann gegenüber den Mädchen benachteiligt? Die Antwort: Ja, definitiv. «Feminismus hiess einmal Gleichstellung. Jetzt wollen die Frauen einfach so viel für sich herausholen, wie es nur geht», sagen sie.

Bildungsexperten warnen schon seit längerem vor einem Bildungssystem, das sich zunehmend auf Frauen ausrichtet und bei dem die jungen Männer auf der Strecke zu bleiben drohen. Die Zahlen deuten ebenfalls in diese Richtung: Die gymnasiale Maturitätsquote von Frauen liegt bei 24 Prozent, jene der Männer bei 16 Prozent. In der Primarschule gibt es über 90 Prozent Lehrerinnen, an den Mittelschulen und auf der Oberstufe werden es ebenfalls ­immer mehr. Kritik gibt es auch an der hohen Gewichtung von Sprachen, sozialen und emotionalen Kompetenzen, insbesondere an den Gymnasien. Dies ­bevorteile die Mädchen, die in der Schule ­fleissiger und angepasster auftreten. Doch stimmt die Analyse? Leiden die jungen Männer unter einer Feminisierung des Bildungssystems, vergällen die vielen ­Lehrerinnen ihnen den Schulerfolg?

«Wir werden damit bombardiert, dass man sich als Mann schuldig fühlen muss.»Gymnasiasten aus Basel

Fragt man Betroffene direkt, haben sie viel zu erzählen. Über die Art und ­Weise, wie «der Feminismus» in den letzten paar Jahren an ihrer Schule Einzug gehalten hat. Es zeige sich etwa in immer strengeren Sprachregelungen. «Wie wir in offiziellen Schreiben angesprochen werden, hat sich in den letzten Jahren extrem verändert.» Es wimmle von Binnen-I und Gender-Sternchen, und man werde dazu angehalten, auch so zu schreiben.

Beide Buben betonen, dass sie für Gleichstellung sind, beide haben Schwestern und Mütter, die arbeiten. Sie wurden erzogen, dass man Frauen ehren und wertschätzen soll. Umgekehrt scheine dies aber nicht der Fall zu sein. Zumindest nicht in der Schule. «Wir werden damit bombardiert, dass man sich als Mann schuldig fühlen muss», sagen sie. Der Druck komme von Lehrerinnen und Mitschülerinnen. «Dauernd wird man in ein schlechtes Licht gerückt.» Und besonders die feministisch orientierten Lehrerinnen würden die Buben strenger bewerten. Als junger Mann ecke man an, schon rein durch das Auftreten. «Wir haben einen grösseren Bewegungsdrang, eine tiefere Stimme. Manche Lehrerinnen scheint das zu überfordern.»

Den Befund, dass die Buben im gegenwärtigen Bildungssystem Nachteile haben, teilen Lehrer in Bern, Basel, Luzern und Zürich. Der Basler Schulleiter Dani Morf bringt es so auf den Punkt: «Manche Lehrerinnen kommen sehr gut mit Buben zurecht, andere weniger. Aber tatsächlich gelten provozierende Buben schnell als sozial inkompetent – was sie deswegen natürlich keineswegs sein müssen. Und wenn sie rangeln, legt man es als Gewalttätigkeit aus.» Tatsache ist, dass ADHS bei Buben zwei- bis viermal häufiger diagnostiziert wird als bei Mädchen.

Schlechte Erfahrungen

Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu betonen, ist unpopulär, auf die gesellschaftlichen Nachteile der Männer hinzuweisen ebenfalls. Pädagoginnen kontern die Frage nach der Feminisierung der Schule deshalb gern mit dem Hinweis, dass die Diskussion nicht sachlich geführt werde. Denn Studien zeigen, dass der Lernerfolg nicht vom Geschlecht der Lehrpersonen abhängt. Unwidersprochen ist aber auch, dass es einen sozialen Unterschied macht, ob eine Gruppe vor allem männlich oder weiblich ist – oder eben gemischt. Gerade in der Diskussion um die geringere Vertretung von Frauen in Führungspositionen wird das gern betont.

Tatsächlich fühlen sich viele junge Männer überfordert – und lehnen zunehmend ab, was sie als «radikalen Feminismus» wahrnehmen. Wenn man sie fragt, erzählen sie von Lehrerinnen, die es sich nach schlechten Erfahrungen mit Männern zur Aufgabe gemacht hätten, ihren Schülern solches Verhalten auszutreiben. Von einem Artikel über Alkoholsucht, den sie lesen mussten und aus dem im Unterricht ein männliches Vergewaltigersyndrom hergeleitet wurde. Als wäre jeder Mann ein Vergewaltiger. «Wenn ein Lehrer einen Witz über Feminismus macht, rennen die Mädchen sofort zum Rektor, weil das sexistisch sei. Aber bei solchen Aussagen über Männer wehrt sich niemand.»

«Viele sitzen die Schule einfach ab wie eine Gefängnis­strafe.»Gymnasiasten aus Basel

Gerade in den sprachlich orientierten Fächern gehe es immer wieder um die gesellschaftliche Stellung der Frau. «Es ist, als wäre Sexismus ein eigenes Schulfach geworden.» Männliche Lehrper­sonen könnten immerhin ein bisschen nachvollziehen, wie es ihnen als jungen Männern gehe, und hätten mehr Verständnis. Wobei die Mädchen auch dort den Vorteil hätten, sich besser «einschleimen» zu können.

Marc Eyer, Leiter der Sekundarstufe II an der Pädagogischen Hochschule Bern (PHB), räumt zwar ein, dass die Gymnasien in der Tendenz weiblicher werden. «Das sollte man nicht dramatisieren, aber es lohnt sich sicher, die Sache systematisch zu untersuchen», sagt er. In der Primarschule sei das Problem erkannt, dort versuche man aktiv, wieder mehr Männer für den Beruf zu begeistern. Auf der Gymi-Stufe fehle diese Einsicht noch. Zwar gebe es einzelne Initiativen, aber keine koordinierten Vorstösse.

Caroline Bühler, die in einem Forschungsprojekt Gendergerechtigkeit in der Informatikdidaktik untersucht, betont ebenfalls, die Feminisierung des Lehrkörpers sei keine hinreichende Erklärung für den geringeren schulischen Erfolg der Buben. Andere Faktoren spielen eine mindestens so grosse Rolle. Immer wieder genannt wird der Selektionsdruck, vor allem in der ­Mittelschule.

Dazu kommt Druck von den Eltern, die sich über das Projekt Kind verwirklichen und auf eine gymnasiale Matur ­drängen. Und die Lehrplangestaltung, die noch zu sehr auf Auswendiglernen ausgelegt ist, wie der Luzerner Autor und Sek-Lehrer David Mugglin erläutert: «Wenn es um Allgemeinwissen geht, sind die Buben oft sehr stark, auch wenn es schwierig ist, sie zum Wörtlibüffeln zu motivieren. Sie reagieren auch besser auf Frontalunterricht als auf selbst organisiertes Lernen. Man müsste kreativer werden, was Leistungsnachweise ­betrifft. Zum Beispiel weniger testen, aber wenn, dann ausführlicheres Feedback geben.» Das sehen auch die Betroffenen so. Sie sagen: «Es wäre toll, wenn der Stoff anders vermittelt würde. Jetzt sitzen viele die Schule einfach ab wie eine Gefängnis­strafe.»

Wertschätzung wünschen sich alle

An pädagogischen Hochschulen ist die Botschaft bereits angekommen. So gibt es Tendenzen weg vom lernzielorientierten hin zum kompetenzorientierten Lernen, was eher den Buben zugutekomme. Und auch was den Selektionsdruck angeht, hat man mit Berufs- und Fachmatur Ausweichmöglichkeiten. Doch letztlich wird auch die beste Bildungsreform das grundlegende Problem nicht beheben können, sagt Psychologe und Lerncoach Fabian Grolimund. Nämlich dass die Männer die Erziehungsarbeit weit­gehend den Frauen überlassen. «Heute wachsen Buben in eine Frauenwelt hinein. Und auch wenn sie den Stoff von einem Mann nicht unbedingt besser lernen würden, können sie von einer Frau nicht lernen, ein Mann zu sein.»

Wie ein richtiger Mann zu sein hat, scheint heute niemand zu wissen. Auch die Männer nicht. «Es gibt zwar die aggressiven Jammeri, die im Feminismus alles Übel sehen, dann die, die mit den Frauen mitschwimmen», sagt Grolimund. Souveräne männliche Positionen seien rar. Mehr Erziehungsverantwortung für Männer heisst aber auch, dass die Frauen dort Platz freiräumen müssen. «Man spricht immer von Mansplaining», sagt Grolimund, «aber in der ­Erziehung betreiben auch sehr viele Frauen Womansplaining.» Frauen, die ihren Männern nicht zugestehen können, dass sie es anders machen, aber nicht unbedingt schlechter. Dieses Womansplaining kennen auch die beiden Gymnasiasten. Und sie haben genug davon. «Echt, wir haben keinen Bock mehr, wenn wir so behandelt werden.»

In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Geschlechter nämlich ­überhaupt nicht. Beide wünschen sich Wertschätzung für das, was sie sind. Auch wenn sie manche Dinge vielleicht ein klein wenig anders machen.

Erstellt: 15.09.2019, 18:46 Uhr

In Zahlen

90 Prozent
aller Lehrpersonen auf der Primarstufe sind Frauen.

43 Prozent
beträgt die Maturitätsquote inklusive Berufs- und Fachmaturität bei jungen Frauen. Bei jungen Männern sind es 33 Prozent. Die gymnasiale Maturitätsquote für Frauen liegt bei 24 Prozent, jene der Männer bei 16.

Artikel zum Thema

«Viele Eltern überschätzen die Intelligenz ihrer Kinder»

Interview ETH-Lernforscherin Elsbeth Stern über Gymiprüfungen, schlechte Lehrer und den IQ von Buben und Mädchen. Mehr...

«20 Prozent Maturanden an Gymnasien sind die richtige Quote»

Interview Deutsche Expats üben Kritik am «Gymi-Graben». Ist unser Schulsystem zu selektiv? Ein Bildungsexperte verneint scharf. Mehr...

So lernt man besser büffeln

Wie prägt man sich Vokabeln ein? Paukt man besser mit Musik? Die Antworten zum Schulbeginn. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...