Die letzten Tage der alten Männer

Toni Brunner, Philipp Müller und Christophe Darbellay erleben ihre letzte ordentliche Session als Parteipräsidenten. Episoden dreier sehr unterschiedlicher Abschiede.

Sie haben viel zusammen erlebt. Die Parteipräsidenten von SVP, FDP und CVP treten nach acht, vier und zehn Jahren ab. Foto: Büttner-Meienberg (Pixil)

Sie haben viel zusammen erlebt. Die Parteipräsidenten von SVP, FDP und CVP treten nach acht, vier und zehn Jahren ab. Foto: Büttner-Meienberg (Pixil)

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Es ist jene Sorte von Geschichte, die bei jedem Erzählen noch etwas grösser und wilder und legendärer wird. Der rennende Darbellay auf dem Zürcher Hauptbahnhof, die Überredungskünste von Levrat beim Suchen eines Flaschenöffners, Müllers trockene Guetsli. Good Old Times. Die Geschichte geht folgendermassen: Philipp Müller, Christophe Darbellay und Christian Levrat waren gemeinsam an einer Veranstaltung im fernen St. Gallen. Bei der Rückfahrt, das Zugrestaurant war längst geschlossen, bereiteten sich die drei Präsidenten im dunklen Bistro-Wagen ihr eigenes Mitternachtsplättli. Darbellay brachte eine Flasche Weisswein, Levrat die Chips und später den ausgeliehenen Flaschenöffner, Müller ein paar Guetsli (und bestätigte damit sämtliche Vorurteile der Romands über uns Deutschschweizer).

Es war eine lustige Fahrt, so erzählt man sich, die Flasche in Zürich leer. Dort verliess Müller die beiden Romands und sah beim Umsteigen Darbellay dabei zu, wie dieser rennend eine zweite Flasche für sich und Levrat organisierte. Das mit dem Flaschenöffner war da ja zum Glück schon geregelt, die Fahrt nach Hause noch lang.

Levrat wird in Zukunft alleine Zug fahren, ­alleine trinken müssen. Eine Ära geht zu Ende. Zehn Jahre haben die Parteipräsidenten Christian Levrat (SP), Christophe Darbellay (CVP), Philipp Müller (FDP, er stiess etwas später dazu) und Toni Brunner (SVP) die Schweizer Politik massgeblich geprägt. Nun treten Darbellay, Müller und Brunner zurück, und wer in diesen Tagen mit den bald ­ehemaligen Präsidenten redet, hört einige dieser fast schon rührseligen Geschichten. Da war offensichtlich etwas. Eine gemeinsame Geschichte, die über die eigene Person hinausreicht. Eine Geschichte, die nun zu Ende geht. Es ist die letzte ordentliche Session der bürgerlichen Präsidenten, und wer die drei in Bern beobachtet (so sie denn da sind) merkt schnell, dass die drei ganz unterschiedliche Strategien gewählt haben, um mit ihrem Amt abzuschliessen.

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Der Anfang vom Ende: die letzte gemeinsame Elefantenrunde im Schweizer Fernsehen. Nach der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative fand sie statt, hitzig wie oft, aber mit einem unterschwellig melancholischen Ton. Die Moderatorin spielte auf dieser Note, wollte zum Schluss wissen, wer sich zum Abschied von wem welche Krawatte wünscht. Das führte zu einer etwas umständlichen Pointe, die sich nur schwer nacherzählen lässt. Was wohl als Einziges von der Sendung in Erinnerung bleiben wird: die neue Brille von Toni Brunner. Gross und etwas «gstabig», aber bar jeglichen Hipstertums. So eine Brille muss man zuerst finden. Und sich dann auch noch getrauen, sie im Fernsehen zu tragen.

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Es ist schon sein Stammplatz, und trotzdem scheint Philipp Müller nicht glücklich. Ganz vorne im rechten Vorzimmer des Ständerats, mit Aussicht auf den Bärenplatz, sitzt der abtretende FDP-Präsident oft. Oft alleine. Seine Nachfolgerin Petra Gössi steckt derweil in der Wandelhalle des Nationalrats den Kopf mit dem Parteigeneralsekretär zusammen (fast buchstäblich) und plant in einer Körperhaltung, die man nur verschwörerisch nennen kann, wahrscheinlich die nächste grosse freisinnige Revolution. Reden will sie allerdings nicht darüber, Medienschaffenden begegnet Gössi in diesen Tagen skeptisch. Müller dagegen sprüht nur so, trotz seines einsamen Platzes – oder vielleicht auch deswegen. «Da ist richtig was passiert!» Es sind die Tage nach dem Nein zur Durchsetzungsinitiative, und Müller hat bei diesem Nein eine Rolle gespielt, die man ihm so nicht zugetraut hätte. Selbst SP-Präsident Christian Levrat sagt: «Er hat es richtig gut gemacht.» Nun geht Müller in lauten Gedanken noch einmal durch die Kampagne, nennt Entwicklungen und Wendepunkte und unterbricht nur einmal, um ein Blatt Papier aus dem Kopierer zu holen.

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Wen er von den abtretenden Präsidenten vermissen werde? Levrat zuckt mit den Schultern, macht ein Geräusch, wie es nur Romands machen können: «oh bas». Bis vor ein paar Monaten hätte er gesagt: niemanden. «Schau ich mir heute die Nachfolger an, bin ich mir nicht mehr so sicher.» Persönlich hatte es der SP-Präsident am besten mit Chris­tophe Darbellay. Gute Streitkultur, gleiche Sozialisierung, zwei katholische Welsche. Das hat gepasst.

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Christophe Darbellay retweetet einen Sinnspruch des ehemaligen Einsiedler Abts Martin Werlen: «Den Tag phantasiereich gestalten! An Vorbildern fehlt es nicht. Ein Blick hinaus genügt.»

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Toni Brunner trägt nun auch im Parlament Brille. «Nach dem Auftritt im Fernsehen sollten sich ja alle dran gewöhnt haben», sagt Brunner und … ja. Er gluckst. Und wie er gluckst, den ganzen Tag lang. Eben wurde seine Freundin Esther Friedli in St. Gallen als offizielle SVP-Regierungsratskandidatin vorgestellt, er macht ein paar flotte Sprüche darüber mit den «Boys von der Sonntagszeitung» – so häufig hatten die Parteipräsidenten den Sonntagsblättern die Schlagzeilen geliefert. Dann platziert Brunner einen Hinweis auf zwei verkaufte Kühe (warum auch immer) und widmet sich wieder seiner eigentlichen Aufgabe: Die Dankesbriefe an die frisch gewählten Grossräte in seinem Heimatkanton müssen endlich unterschrieben werden. Roger Köppel schaut schnell vorbei, ein nächstes Spässchen. «Das sind viele, sag ich dir. Nur hat niemand drüber geschrieben!»

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Ein nächster Tweet von Darbellay aus dem Wallis: «Super @Laragut wird Weltcupsiegerin». Hashtag FreudeHerrscht, Hashtag Great.

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Eine Schicksalsgemeinschaft sei man gewesen, sagt Toni Brunner. Man habe immer gewusst, was das Gegenüber für ein Pensum leisten müsse, und sei sich entsprechend respektvoll begegnet. Aber mehr? Früher, als das Schweizer Fernsehen noch einen Sendeschluss hatte und die SVP eine Minderheitenpartei war, da gingen die Parteipräsidenten manchmal miteinander wandern. «Das würde sich heute nicht mehr richtig anfühlen.» Brunner will sich auch gar nicht so viele Gedanken über die anderen machen. Die Abwicklung seiner eigenen Rolle ist wichtiger. Die Leitung sauber übergeben, die Strukturen richtig aufstellen.

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Die SVP ist die grösste Partei des Landes, aber sie funktioniert wie jeder beliebige Turnverein im Mittelland. Der alte Präsident findet den neuen Präsidenten – der alte Präsident schaut zum Schluss, dass alles seine Ordnung hat. Im Fall der SVP bedeutet das: eine neue Leitungsstruktur, in der sich alte Bekannte und neue Bekannte versammeln. Walter Frey macht jetzt interne Kommunikation, Christoph Blocher irgendwie alles, Andreas Glarner Asyl, Banker Thomas Matter die Finanzen, Roger Köppel das Ausland. Und wie in jedem Verein ist nachher jemand wütend. Judith Uebersax, bis vor kurzem Vizepräsidentin, hat keinen Platz mehr in der Parteileitung. Erfahren musste sie das aus den Medien. Man darf sich nicht zu stark vom glucksenden Lachen beirren lassen. Wenn Brunner will, kann er streng sein. Loslassen gilt erst im April.

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Die «Neue Zürcher Zeitung» würde in blumigem Deutsch titeln: «Philipp Müller spürt den zweiten Frühling». Zuerst die DSI-Abstimmung, jetzt Europa. Er will es vor dem Rücktritt offensichtlich noch einmal wissen. Wegen Müllers Penetranz verlässt Professor Dieter Freiburghaus wutentbrannt und für kurze Zeit das «Arena»-Studio, alle reden plötzlich über Müllers Inländervorrang, und in den Sonntagszeitungen ist er zu Gast, als ob er noch Jahre Präsident wäre. Apropos: Wie wird sich das in Zukunft wohl anfühlen, so ein Sonntag ganz ohne Müller-Interview?

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Eine Facebook-Meldung auf der Seite von Chris­tophe Darbellay, immerhin 2450 Abonnenten: Marie-­Hélène Fauchère Bonvin wird die erste weibliche Wildhüterin im Kanton Wallis. Ist ja auch schwer, als Parteipräsident ohne Mandat in Bern. Darbellay konzentriert sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben eines Wallisers: auf das Wallis. Unbedingt will er im Herbst in den Staatsrat, sein Wahlkampf dafür dauert schon Jahre.

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Frischmilch hebt die Moral der Truppe, ganz ähnlich wie Koks oder Marihuana. Ersteres lässt sich staatlich fördern, Letzteres per Drogentest verbieten. Das sind die Themen unseres Parlaments in dieser Frühlingssession. Für Toni Brunner ein letzter (wir meinen: grosser) Erfolg als Parteipräsident. Trotz Bedenken von Verteidigungsminister Guy Parmelin überweist der Nationalrat Brunners Frischmilchmotion. Am Rednerpult macht Brunner, man ahnt es, ein paar Spässe über Milch.

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Nicht einmal am Medienapéro der CVP ist Darbellay dabei. An einem Apéro. Mit Weisswein! Stattdessen hält Fraktionschef Filippo Lombardi eine Ansprache. Eine würdige Apéro-Vertretung. Tags darauf vor dem Bundeshaus. Da steht er plötzlich. Auf SMS von Deutschschweizer Journalisten antwortet er nur noch sporadisch, das Telefon geht auf die Combox. Es war genug, es ist genug. Aus dem Bundeshaus stürmt Christian Levrat, macht einen nicht sehr netten (aber lustigen) Spruch über den designierten Nachfolger von Darbellay. Darbellay muss lächeln, aber es scheint nicht aus vollem Herzen zu kommen. «Es geht alles so schnell vorbei.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2016, 23:48 Uhr

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