Die luxuriöse Sommerresidenz des Berner Stapi

Im Wahlkampf gab sich Alec von Graffenried als Mittelstandskind. Dass er Miteigentümer an einem Schloss ist, liess er unerwähnt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt schlichtere Arbeitsplätze als den Berner Erlacherhof. Der Eingang zum Palais führt durch ein elegantes Gittertor und über den Ehrenhof, laut Website der Stadt der eindrücklichste ehemals private Hofraum Berns. Von der Gartenterrasse mit Springbrunnen geht der Blick über das Mattequartier und die Aare zu den Alpen.

Von hier aus lenkt Alec von Graffenried (GFL) seit 2,5 Jahren als Stadtpräsident die Geschicke der Bundesstadt. Natürlich weiss dies jedes Kind. Kaum bekannt ist dagegen, dass von Graffenried Mitbesitzer von Schloss Burgi­­stein ist. Laut Grundbuchamt teilt er sich das Anwesen mit fünf Verwandten, wobei ihm ein Achtel davon gehört.

Laut mehreren Quellen pflegt er im Wechsel mit den anderen Eigentümern regelmässig einen Sommermonat mit seiner Familie auf Schloss Burgistein zu residieren. Gerade jetzt, im laufenden Juli, sei dies wieder der Fall. Weil von Graffenried sich nicht dazu äussern wollte, bleibt offen, ob er dort ­­Ferien macht oder ob er ­­tageweise zwischen Land- und Stadtpalast zur Arbeit pendelt.

Als diese Zeitung vor gut zwei Wochen bei Regierungs- und Gemeinderatsmitgliedern fragte, wie sie die Sommerferien verbringen, hiess es bei ihm, er bleibe meist in Bern und plane bloss ein paar Wanderungen.

Als 16-Jähriger erhielt er einen Anteil am Schloss

Schloss Burgistein thront hoch über dem Gürbetal. Eine Allee führt zum Anwesen, das auch das angrenzende Schlossgut sowie grössere Ländereien – hauptsächlich Wald – im benachbarten Riggisberg umfasst. Im Buch «Notabeln, Patrizier, Bürger» über die Geschichte der Familie von Graffenried zeigen Innenaufnahmen historische Öfen, Möbel und Tapeten, Kassettendecken und die Ahnengalerie im grossen Saal.

Das Schloss ging 1714/15 dank einer Heirat von der Familie von Wattenwyl in den Besitz der von Graffenrieds über. Alec von Graffenrieds Grossvater hatte laut dem Buch «Bernische Wohnschlösser» einst die Hälfte des Anwesens geerbt. Alec von Graffenried habe sein Achtel 1978 als 16-Jähriger erhalten.

Es ist eine Binsenweisheit: Man kann nichts für seine Herkunft. Der junge Alec von Graffenried jedenfalls haderte als junger Mann mit seiner, wie er vor drei Jahren allen Journalistinnen und Journalisten erzählte, die ihn vor den Wahlen in der Stadt Bern porträtieren wollten.

Um nicht immer auf den 2012 verstorbenen, nur entfernt verwandten Medienunternehmer und Bau­­löwen Charles von Graffenried angesprochen zu werden, habe er als junger Mann gar das «von» in seinem Namen weggelassen – auch dies stand überall.

«Ganz normaler Mittelstand»

Erst mit 30 Jahren habe er sich mit seiner Abstammung versöhnt und sich in das Buch der Familienkiste eingetragen. Dabei handelt es sich um einen 1723 zur Unterstützung notleidender Familienmitglieder gegründeten Fonds. Heute werden daraus laut Familienbuch «nur noch die immer beliebter werdenden Familienanlässe und die Pflege des Archivs» finanziert.

Das Bild, das Stapi-Wahlkämpfer von Graffenried von sich zeichnen liess, ging indes weit über jenes des Adelssprösslings hinaus, der sich vorübergehend an seiner Herkunft gerieben hatte. In der Berner Länggasse sei er in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Mit 9 Jahren verlor er den Vater, mit 21 die Mutter – und das Jusstudium habe er sich mit Nebenjobs finanziert: als Regalauffüller, Kellner, Chauffeur. Alec von Graffenried? «Ganz normaler Mittelstand», fasste die «Weltwoche» zusammen.

Nun gut: Die fast verzweifelten Versuche des Kantons, einige seiner Schlösser loszuwerden, zeigen, dass Würde auch im Fall des Schlossbesitzers Bürde mit sich bringt.

Die Frage, was es bedeute, ein Schlossgut zu pflegen, blieb vom Stadtpräsidenten ebenso unbeantwortet wie jene, ob der Unterhalt aus der Familienkiste finanziert werde. Er wolle nicht über Schloss Burgi­­stein reden, liess er bloss ausrichten.

Ausgewählten Kreisen gegenüber tut er sich mit der Rolle des Schlossherrn weniger schwer: 2012 empfing der damalige ­­Nationalrat den Ständerats­­ausflug auf Schloss Burgistein, vor zwei Jahren die Jungbürger der umliegenden Gemeinden, und kürzlich landete eine Promi-E-Bike-Tour im Schloss.

Erstellt: 26.07.2019, 14:16 Uhr

Artikel zum Thema

«Fehlende Kommunikation ist das Hauptproblem»

Der Stadtpräsident Alec von Graffenried bestreitet die Vorwürfe der Polizei am Berner Stadtparlament. Mehr...

«Mit Gewalt hatte ich immer Mühe»

Interview Der neue Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried verteidigt nach den wiederholten Krawallen das Vorgehen der Polizei – und nimmt die Reitschule in Schutz. Mehr...

Grüne entreissen der SP das Berner Stadtpräsidium

Herbe Schlappe für SP-Frau Ursula Wyss: Der Grüne Alec von Graffenried wird überraschend Stapi von Bern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...