Die Macht der Ohnmächtigen

Dem einzelnen Bürger wird im Schweizer Rechtssystem viel zugestanden – manchmal zu viel. Etwa bei Lärmklagen.

Tempo 30 solls richten: Eine nach Vorgaben der Lärmschutzverordnung sanierte Strasse in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Tempo 30 solls richten: Eine nach Vorgaben der Lärmschutzverordnung sanierte Strasse in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nachbarschaftliche Fehden sind tief in der Schweizer Seele verankert. Friedrich von Schiller erwähnte sie schon in seinem Stück über Wilhelm Tell: «Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.» Auch heute wird gestritten, oft um Lärm. Laute Rasenmäher, leidenschaftliche Paare oder feiernde Junggesellen – es verhält sich immer gleich: Wer sich einmal auf den Lärmquell fixiert hat, der bringt ihn nicht mehr aus dem Kopf. Der Lärm wird zum lebensbeherrschenden Thema, der Kampf dagegen zur existenziellen Aufgabe.

Im Zürcher Seefeld kämpfen zwei Frauen gegen das Restaurant Razzia. Sie berichten von Zuständen «wie in Sodom und Gomorrha». Zur Beweissicherung observieren sie das Lokal allabendlich mit ihrer Handykamera.

Das mag für Aussenstehende lächerlich wirken, provinziell, kleinbürgerlich. Doch das wird der Sache nicht gerecht. Den Gepeinigten kann es an die Psyche gehen – selbst dann, wenn der Lärm zu einem Teil eingebildet ist. Das Problem muss ernst genommen werden. Von Architekten, die Lärmklagen mit umsichtiger Planung verhindern. Von Psychiatern, die das innere Gleichgewicht wiederherstellen. Im besten Fall führt schon das klärende Gespräch zwischen den Parteien zur Seelenruh.

Versiegt Lärm, wird er durch den nächsten ersetzt.

Allerdings beschreiten die Lärmgeplagten allzu oft den rechtlichen Weg – mit dem Staat als Helfer. Im Fall Razzia filmte die Polizei «zur verdeckten Ermittlung» unbescholtene Gäste mit einer versteckten Kamera. Eine Maschinerie von kafkaeskem Ausmass wird in Gang gesetzt. Mit dem Resultat, dass jeder jedem misstraut. In der Schweiz wird das Recht des Einzelnen hochgehalten. Das ist wunderbar – sofern die Verhältnismässigkeit nicht verloren geht.

Lärmsensible haben ein Problem, gegen das kein Gericht ankommt: Versiegt Lärm, wird er durch den nächsten ersetzt. Das nachfolgende Restaurant ist vielleicht noch lauter als das vertriebene. Oder die Nachbarin bekommt ein Kind, das immerzu schreit. Lärm ist in einer Grossstadt niemals totzukriegen. Ausser man zieht weg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 18:45 Uhr

Artikel zum Thema

Zoff um Restaurant Razzia im Seefeld

Versteckte Kameras und störrische Nachbarn im Zürcher Stadtquartier: Das Edelrestaurant Razzia kämpft zurzeit mit viel Gegenwind. Die Betreiber beklagen Einbussen in Millionenhöhe. Mehr...

Ruhe im Bad, bitte!

Serie Unterdessen in St. Gallen: Das leiseste Openair der Schweiz ist nicht leise genug. Wegen Lärmklagen wird nun indoor gespielt. Mehr...

Lärmklagen, Machtspiele, Geheimnisse – Leupi übernimmt

Für Polizeivorsteher Richard Wolff wurde das Dossier Koch-Areal zu heiss. Heute informiert sein Stadtratskollege über das weitere Vorgehen. Was bisher geschah. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Mamablog Warum kaufen wir keine fairen Spielsachen?

Nachspielzeit Für einen Leonardo kriegt man zwei Neymars

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Affentheater: Ein Kapuzineraffe begutachtet das neue Primatengehege im Zoo Servion (VD). (13. Dezember 2017)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...