Die Kanone schiesst irgendwohin – Harte Kritik am F-35

Die Schweiz evaluiert den Tarnkappen-Jet F-35. Ein Fachorgan listet gravierende Mängel auf. Der Hersteller widerspricht.

Neuste Berichte der renommierten Fachzeitschrift «Defense News» nehmen die F-35 von Lockheed Martin ins Visier. Foto: Raphael Moser

Neuste Berichte der renommierten Fachzeitschrift «Defense News» nehmen die F-35 von Lockheed Martin ins Visier. Foto: Raphael Moser

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Der F-35-Jet ist als Kandidat um die Nachfolge des F/A-18 der Schweizer Luftwaffe im Rennen. Der Tarnkappenjet des US-Herstellers Lockheed Martin ist ein Jet der fünften Generation und damit das modernste Flugzeug, das die Schweiz evaluiert. Trotzdem wird in den USA seit Jahren Kritik am F-35 laut. Neuste Berichte in der renommierten Fachzeitschrift «Defense News» beschreiben gravierende Mängel.

Aufgeführt wird dort und in der Folge in der internationalen Presse etwa die Ungenauigkeit der Maschinenkanone. Diese schiesse irgendwohin, nur nicht dorthin, wo sie sollte. Der Hintergrund: Kontrolleure im US-Verteidigungsdepartement hatten den Mangel seit Jahren festgehalten – geschehen aber ist nichts. Dieses Jahr forderten die Kontrolleure Lockheed Martin ultimativ auf, das Problem zu lösen.

Video – Armee testet F-35

Bis sich der F-35 in einem sogenannten Dogfight wiederfinde, also in einem Kurvenkampf gegen attackierende Kampfflugzeuge, müsse einiges schiefgelaufen sein, entgegnen F-35-Verteidiger. Nur fragt sich dann, weshalb überhaupt Kanonen in den Jet eingebaut werden, wenn diese – aufgrund der Überlegenheit des F-35 – gar nie zum Einsatz gelangen.

Angst vor Datenabfluss

Gravierender nimmt sich die Kritik von «Defense News» im Bereich Software aus. An vorderster Stelle erwähnt die Fachzeitschrift das «Autonomic Logistics Information System» (Alis). Es handelt sich um ein Computersystem, das der Logistik dienen soll und dazu laufend technische Daten generiert. Diese werden via Internet an den Hersteller übermittelt. Die Idee: Automatisiert sollen Ersatzteile nachbestellt und Wartungsarbeiten angeordnet werden.

Alis wird auch nach dem Kauf der Jets durch Lockheed Martin betrieben. Und zwar weltweit. Das Computersystem, das eine Vielzahl Unterprogramme beinhaltet, bleibt im Besitz des US-Unternehmens. Was bei einem Verbindungsunterbruch Europa–USA passiert, etwa nach bösartigem Kappen von Unterseekabeln, ist simpel: Die Jets sind früher oder später nicht mehr operabel, sie bleiben im Extremfall am Boden.

Die Frage der technischen Abhängigkeit wird politisch beantwortet werden müssen.

Darüber hinaus drohten zuletzt zwei nicht namentlich genannte Teilnehmerländer des F-35-Programms mit einem Ausstieg aus der Kooperation, sollte nicht gewährleistet werden, dass der Abfluss klassifizierter Informationen kontrolliert werden kann. Der Knall blieb aus, weil die beiden Abnehmerländer Zusagen erhielten. Ihnen wurde eine Lösung mit einem neuen Tool versprochen.

Auf dieses Tool verweist Mike Kelley, Managing Direktor der F-35-Kampagne in der Schweiz: «Das F-35-Unternehmen schützt alle vertraulichen Informationen nach strengen Kundenstandards.» Darüber hinaus könnten seit Anfang Jahr internationale Kunden ihre Daten vor der Übermittlung selbst verwalten.

Erhebliche Mehrkosten

Die ersten Abnehmer des F-35 haben laut «Defense News» zudem mit erheblichen Mehrkosten zu kämpfen – besonders beim Unterhalt. Dazu Kelley: «Die hohe Zuverlässigkeit des F-35 in Verbindung mit der flottenweiten Analyse des Unternehmens senkt die Kosten erheblich.» Ziel sei es, die Gesamtkosten für die Instandhaltung so zu senken, dass diese mit älteren Jets mithalten könnten und gleichzeitig einen Generationensprung bei der Leistungsfähigkeit erzielten.

Für Diskussionen sorgte auch die Leistungsfähigkeit des F-35. Die Kampfkraft, so ein Befund, liege gerade einmal bei 30 Prozent der versprochenen Leistung. Auch hier winkt Kelley ab: «Die heutigen F-35 erfüllen oder übertreffen die Leistungsspezifikationen. Sie bieten im Vergleich zu älteren Kampfflugzeugen eine beispiellose Leistungsfähigkeit und Sicherheit.» Die Rückmeldungen der Piloten seien aussergewöhnlich positiv.

«Aggressive Massnahmen»

Der jüngste Bericht zum F-35 an den US-Kongress beinhaltet auch massive Kritik am Logistik-Management. Ersatzteile seien nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort, notwendige Reparatur- und Wartungsarbeiten würden so oft unmöglich. Zudem sei das globale Netzwerk zum Verschieben und Managen von Ersatzkomponenten untauglich. Hier sagt Kelly, «Lockheed Martin ergreift aggressive Massnahmen, um Kapazitäten in der Lieferkette aufzubauen und die Kosten zu senken».

Fazit: Die Schweiz evaluiert mit dem F-35 einen Jet, der noch nicht ganz fertig entwickelt, aber hochmodern ist. Auf das Urteil der Schweizer Ingenieure und Testpiloten von Armasuisse und Luftwaffe darf mit Spannung gewartet werden. Die Frage der technischen Abhängigkeit von den USA oder einem anderen Anbieterland wird indes politisch beantwortet werden müssen.

Erstellt: 24.06.2019, 06:38 Uhr

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