Die Menschen bestrahlen sich vor allem selber

Jahr für Jahr verdoppelt sich die via Mobilfunk übertragene Datenmenge. Der Schutz vor Antennenstrahlung ist deshalb wieder ein Politikum. Zehn wissenswerte Punkte.

Ein Mast mit Mobilfunkantennen in Bern.

Ein Mast mit Mobilfunkantennen in Bern. Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Nur ganz knapp hat der Ständerat einen Vorstoss abgelehnt, der eine Erhöhung der Strahlungsgrenzwerte für Mobilfunkantennen forderte. Dieser sollte den Telecomanbietern den Ausbau des Mobilfunknetzes erleichtern. Wieder zum Politikum geworden ist der Schutz vor Mobilfunkstrahlung, weil die via Mobilfunk übertragene Datenmenge von Jahr zu Jahr steigt, der Widerstand gegen neue Antennen aber nach wie vor gross ist. Gleichzeitig liegen noch immer keine schlüssigen Erkenntnisse über die Auswirkungen der Strahlung auf Mensch und Umwelt vor.

Zehn wissenswerte Punkte zur Belastung durch Mobilfunkstrahlung:

  • Der grösste Teil der Strahlenbelastung ist selbstverursacht. 90 Prozent der elektromagnetischen Strahlung, der eine durchschnittliche Person ausgesetzt ist, gehen auf die Nutzung von mobilen Geräten zurück. Davon wiederum entfällt der grösste Teil auf die Nutzung von Mobilfunknetzen. WLAN und schnurlose Telefone steuern vergleichsweise wenig zur durchschnittlichen Strahlenbelastung bei.

  • Auch wer gesundheitliche Risiken befürchtet, nutzt ein Mobiltelefon. Im Jahr 2014 nutzten gemäss einer Umfrage 97 Prozent aller Schweizer ein Handy oder ein Smartphone. Rasant angestiegen ist die Nutzung zuletzt unter den über 64-Jährigen. Gleichzeitig glaubten 61 Prozent der Befragten daran, dass sich der Mobilfunk auf die Gesundheit auswirkt. Trotzdem gingen 79 Prozent aber davon aus, dass der Nutzen die Risiken des Mobilfunks sicher oder eher überwiegt.

  • Möglichst wenige und gleichzeitig möglichst schwache Antennen führen nicht zu geringerer Belastung. Im Gegenteil: Die Strahlung von Mobiltelefonen ist am höchsten, wenn die Verbindung am schlechtesten ist. Je mehr Nutzer sich in schlecht abgedeckten Gebieten befinden, desto stärker fällt also die gesamte Strahlenbelastung aus.
  • Mit dichteren Antennennetzen liesse sich laut Forschern gleichzeitig die Übertragungskapazität erhöhen und die Strahlenbelastung der Mobiltelefonnutzer verringern. Allerdings brächte eine höhere Zahl von Antennen auch eine höhere Zahl betroffener Anwohner mit sich.

  • Ausbauen wollen die Mobilfunkbetreiber ihre Kapazitäten, weil der Datenverkehr via Mobilfunknetz exponentiell zunimmt. Nach Angaben des Bundes verdoppelt er sich derzeit von Jahr zu Jahr. Zudem sind auch politische Forderungen für den steten Ausbau verantwortlich: Gerade Politiker fordern eine gute Abdeckung auch in Randgebieten.

  • Das Verfahren zur Bewilligung einer neuen Mobilfunkantenne kann schon einmal zehn Jahre dauern, wenn Anwohner bis vor Bundesgericht gehen. Entsprechend langsam kann das bestehende Antennennetz ausgebaut werden, weshalb die Mobilfunkbetreiber gerne auch die bestehenden Antennen mit einer stärkeren Leistung ausstatten würden.

  • Reduzieren lässt sich die Belastung auch durch die Verwendung neuer Technologie. So ist die Belastung durch Verbindungen über das UMTS-Netzwerk (3G) deutlich geringer als jene via GSM-Netz (2G).

  • Nicht immer bringen neue Geräte allerdings auch geringere Belastungen mit sich. So empfiehlt der Smartphone-Hersteller Apple gleich selber, das iPhone 7 nicht ans Ohr zu halten. Die Strahlung, die das Gerät emittiert, ist weit höher als jene seiner Vorgängermodelle und jene der Konkurrenz.

  • Die Schweizer Grenzwerte für elektromagnetische Strahlung liegen unter den von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen. Sie folgen dem im Umweltgesetz festgeschriebenen Vorsorgeprinzip. Dieses besagt, dass bereits möglicherweise schädigende Einwirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen zu beschränken sind und nicht erst solche, deren Schädlichkeit zweifelsfrei nachgewiesen wurde.

  • Die wichtigste Frage ist nicht nach wie vor nicht geklärt: Wie gefährlich ist Mobilfunkstrahlung? Elektromagnetische Strahlung kann Gehirnwellen beeinflussen und chemische Reaktionen in Zellen auslösen. Unklar ist aber, inwieweit dies Schädigungen zur Folge hat. Forscher der Universität Zürich fanden Indizien dafür, dass Mobilfunkantennen Kälber blind zur Welt kommen lassen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft eine innerhalb der Grenzwerte liegende Strahlenbelastung aber als unbedenklich ein.

  • Nach wie vor diskutiert wird auch, ob Mobilfunkstrahlung krebserregend ist. Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft Mobilfunkstrahlung als «möglicherweise krebserregend» ein. Eine deutsche und eine brasilianische Studie kamen zum Schluss, dass die Krebserkrankungsrate bzw. -mortalitätsrate in der Nähe von Mobilfunkantennen höher sei. Beide Studien werden aber als methodisch unzulänglich eingestuft. Eine neue Untersuchung aus den USA wies eine erhöhte Tumorrate bei männlichen Ratten nach, die über ihre gesamte (?) Lebensdauer hinweg elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt wurden. Auch diese Studie wirft aber Fragen nach ihrer Aussagekraft auf.

Erstellt: 08.12.2016, 19:44 Uhr

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