«Die ’Ndrangheta kann sich in der Schweiz nicht mehr sicher fühlen»

Der italienische Staatsanwalt Antonio De Bernardo hat die Frauenfelder Zelle der kalabresischen Mafia zerschlagen. Ein Gespräch über den Kampf gegen die ’Ndrangheta.

«Die Schweiz ist im Vergleich zu Italien immuner gegen die ’Ndrangheta»: Antonio De Bernardo. Foto: Claudio Bader

«Die Schweiz ist im Vergleich zu Italien immuner gegen die ’Ndrangheta»: Antonio De Bernardo. Foto: Claudio Bader

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Mit der italienisch-schweizerischen Operation «Helvetia» hat die Justiz eine Zelle der ’Ndrangheta im Thurgau zerschlagen. Inwiefern hat dies die kalabrische Mafia in der Schweiz geschwächt?
Wenn der Feind nicht sichtbar ist, ist er stärker. Wenn man ihn zu erkennen beginnt, ist er weniger stark. Die ’Ndran­ghetisti in der Schweiz wissen mittlerweile, dass sie sich der italienischen Justiz nicht entziehen können. Die Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden der Schweiz und Italiens hat deutliche Fortschritte gemacht. Die ’Ndrangheta kann sich in der Schweiz nicht mehr sicher fühlen.

Können Sie sagen, wieviele Mitglieder die 'Ndrangheta in der Schweiz hat?
Gemäss unseren Kenntnissen gibt es mehrere Zellen. Wenn man davon ausgeht, dass eine Zelle mindestens 40 Mitglieder hat, dürften es in der Schweiz mehrere Hundert ’Ndranghetisti sein. Genaue Zahlen kann ich nicht nennen, das wäre nicht seriös.

Seit 2010 häufen sich die Anti-’Ndrangheta-Operationen in der Schweiz. Bedeutet dies, dass die 'Ndrangheta in der Schweiz mächtiger und bedrohlicher geworden ist?
Das ist eine mögliche Interpretation. Eine andere Interpretation ist, dass wir erst in den letzten Jahren die bedeutende Präsenz der ’Ndrangheta in der Schweiz bemerkt haben. Ich tendiere zu dieser Sichtweise. Entscheidend für den neuen Kenntnisstand war die im Jahr 2006 angelaufene Operation «Crimine» der Staatsanwaltschaft von Reggio Calabria. Wie nie zuvor gelang es, die Struktur und die Funktionsweise der ’Ndrangheta sowie ihre Verbindungen ins Ausland sehr detailliert zu rekonstruieren.

Können Sie das erläutern?
Die ’Ndrangheta ist eine globale Organisation mit einheitlichen Strukturen und Kommunikationsweisen. Hierarchien und Funktionen ihrer Ableger sind in ­allen Ländern gleich. Beispielsweise konnten wir feststellen, dass die Zelle im Kanton Thurgau starke Beziehungen zu einer höheren ’Ndrangheta-Einheit in Kalabrien unterhielt. Dank Gesprächsaufzeichnungen lernten wir viel über die Redeweisen der ’Ndranghetisti, etwa über typische Wörter und Formeln. Wir konnten nun Aussagen verstehen, die frühere Ermittler nicht verstanden hätten. Zudem stellten wir fest, dass die Frauenfelder Zelle personelle und organisatorische Verbindungen zur ’Ndrangheta-Zelle im süddeutschen Singen hatte. Unser Fazit: Wer Teil einer Zelle ist, ist auch Teil des Ganzen – und damit Mitglied einer kriminellen Organisation.

Die Frauenfelder Zelle machte ihre Geschäfte hauptsächlich mit Drogen- und Waffenhandel sowie Erpressung. Können Sie das bestätigen?
Das haben die Medien berichtet. Ich kann nur sagen, dass das klassische Geschäftsfelder der ’Ndrangheta sind.

Die ’Ndrangheta im Kanton Thurgau war seit knapp 40 Jahren aktiv. Seit wann gibt es die Organisation in der Schweiz?
Man kann davon ausgehen, dass die ’Ndrangheta schon viel früher kriminelle Aktivitäten in der Schweiz verfolgt hat. Mit der Emigration nach dem Zweiten Weltkrieg waren nicht nur viele ehrliche Arbeiter aus Kalabrien in die Schweiz gekommen, sondern auch Angehörige der ’Ndrangheta. Dieses Phänomen gibt es auch in Norditalien und Einwanderungsländern wie Deutschland oder Kanada mit grosser Präsenz von Kalabresen. So wie aus einem Samen eine Pflanze entsteht, kann sich aus der Anwesenheit einzelner ’Ndranghetisti eine Zelle entwickeln. Die Frauenfelder Zelle war schon ziemlich weit fortgeschritten in ihrer Entwicklung. In der nächsten Stufe wäre sie in die Lage gekommen, andere Zellen zu steuern.

Die ’Ndrangheta gilt als mächtigste Mafiaorganisation der Welt. Sie ist in Dutzenden Ländern auf allen Kontinenten aktiv. Gibt es einen Masterplan zur Eroberung ausländischer Territorien?
Nein. Die internationale Ausbreitung der ’Ndrangheta ist vielmehr eine Begleiterscheinung der Auswanderung von Kalabresen. ’Ndranghetista wird man, weil man einer Familie angehört, die Teil der ’Ndrangheta ist. Wenn sich solche Leute im Ausland niedergelassen ­haben, beginnen sie dann, kriminelle Geschäfte zu tätigen, wenn sich ihnen die Chance bietet. In ihrem Jargon sprechen sie von «Arbeitsmöglichkeiten». Das kann Drogen- oder Waffenhandel sein, Erpressung oder Geldwäscherei und einiges mehr. Sobald eine Zelle entsteht, tendiert sie dazu, ihr Territorium zu kontrollieren. Dabei achten die ’Ndranghetisti sehr darauf, nicht aufzufallen. Sie führen ein bescheidenes Leben, Reichtum zeigen sie nicht. Und sie verüben keine sichtbaren Verbrechen, die die Gesellschaft alarmieren könnten.

Zu den Beschuldigten in der Schweiz gehören auch Leute, gegen die kaum Beweise vorliegen. Ist man schon ein Mafioso, weil man bei einigen Treffen im berüchtigten Boccia-Club in Wängi anwesend war?
Zu den laufenden Verfahren kann ich mich nicht äussern. Grundsätzlich kann ich sagen, dass eine solche Vorhaltung allein nicht genügt – das ist völlig klar. Es handelt sich vielmehr um ein Element, das wir mit anderen Elementen kombinieren, um ein Gesamtbild zu erhalten. Unsere Anklagen sind sehr ausführlich, ebenso ausführlich sind die Anhänge mit Erklärungen, ohne die die Anklagen nicht nachvollziehbar sind.

Wie viel Erfolg haben Sie mit Ihren Anklagen vor Gericht?
Unser Strafrecht ist leider nicht geschaffen für die Komplexität der ’Ndrangheta-Fälle. In Kalabrien habe ich immer noch Mühe, die Gerichte über bestimmte Aspekte des ’Ndrangheta-Phänomens zu überzeugen. Man braucht Durchhaltevermögen. Manchmal hat man auch Misserfolge. Aber das bedeutet nicht, dass die geleistete Arbeit vergebens war. Mit vertiefteren Kenntnissen über die Mafia und zunehmender Erfahrung und nicht zuletzt dank definitiven Schuldsprüchen kommen wir Schritt für Schritt weiter. So dass wir Licht am Ende des Tunnels sehen können.

Im Tessin befürchten Polizeikreise, dass die ’Ndrangheta die Wirtschaft infiltriert. Die Mafia soll vor allem bei öffentlichen Bauaufträgen sehr aktiv sein. Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen?
Öffentliche Bauaufträge sind sehr weit oben auf der Agenda der ’Ndrangheta. Dabei geht es nicht nur um viel Geld, sondern auch darum, die Kontrolle über Unternehmen in vitalen Branchen sowie über den Arbeitsmarkt zu erlangen. Wer Arbeit vergeben kann, sichert sich Akzeptanz in der Bevölkerung und wird zu einem Machtfaktor bei künftigen Bauvergaben. Dieses Phänomen ist in Kalabrien sehr ausgeprägt. Die ’Ndrangheta strebt nach wirtschaftlicher und politischer Macht. Letztlich geht es ihr um die totale Kontrolle eines Territoriums.

Ist das Geschäft der öffentlichen Bauaufträge ein Exportmodell für die Schweiz?
Wo die ’Ndrangheta ist, wird sie immer versuchen, die Wirtschaft zu infiltrieren – eben auch über das öffentliche Beschaffungswesen. Aber: Die Einflussnahme gelingt der Mafia umso weniger, je stärker und pluralistischer eine Wirtschaft aufgestellt ist und je besser die staatlichen Institutionen funktionieren. Die Schweiz ist – im Vergleich zu Italien – immuner gegen die ’Ndrangheta. Dennoch sollte sie sehr wachsam sein.

Kriminelle Gelder werden oft in Immobilien und in die Gastronomie investiert. Wie steht es um den Kampf gegen die Geldwäscherei?
Die finanzielle Seite ist die unsichtbarste dieser Kriminalität. In diesem Bereich wird das entscheidende Spiel gespielt. Wir kennen die Mechanismen der Geldwäscherei. In der Realität gibt es allerdings unzählige Varianten. Geldwäscherei im konkreten Fall nachzuweisen ist sehr schwierig. Wir kennen Fälle von Unternehmen mit gutem Namen, die aber in Wahrheit mafiös unterwandert sind. Die Geldwäscherei erfordert stärkere internationale Anstrengungen. Es braucht endlich transnational geltende Strafnormen. Bei den Ermittlungen sind wir leider immer im Rückstand.

Zu unserem Interview in Lugano sind Sie mit einer Polizeieskorte gekommen. Ist für einen Anti-Mafia-Staatsanwalt ein Leben ohne Personenschutz gar nicht möglich?
In Italien und insbesondere in Kalabrien gehört dies leider zum Alltag. Wenn ich ins Ausland reise, hängt es von den Umständen ab. In der Schweiz ist es inzwischen auch üblich, dass ich mit Personenschutz unterwegs bin. Die Tätigkeit als Anti-Mafia-Staatsanwalt – das ist eine Art, schlecht zu leben (lacht). Aber man gewöhnt sich daran.

Hat die ’Ndrangheta schon Attentate auf Sie versucht?
Nein. Es gab aber Drohungen.

Haben Sie manchmal Angst?
Nein. Wenn ich Angst hätte, müsste ich einen anderen Beruf ausüben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.08.2016, 23:30 Uhr

«Operation Helvetia»

Frauenfelder Mafioso soll an Italien ausgeliefert werden

Vincenzo Capodici

Die kalabrische Staatsanwaltschaft wartet auf die Auslieferung von 13 mutmasslichen Mitgliedern der Frauenfelder ’Ndrangheta-Zelle. Ein erster Verdächtiger kann nun an die italienische Justiz übergeben werden, wie das Bundesamt für Justiz (BJ) am Freitag bekannt gab. Der Betroffene, der den Auslieferungsentscheid innert 30 Tagen beim Bundesstrafgericht anfechten kann, soll seit Jahren Mitglied der kalabrischen Mafia gewesen sein und in der Frauenfelder Zelle besondere Aufgaben wahrgenommen haben. Italiens Justizbehörden hatten in ihrem Auslieferungsbegehren dargelegt, wie der verdächtige Italiener in die ’Ndrangheta eingegliedert gewesen war. Der Beschuldigte habe die typischen Riten, Strukturen und Hierarchien der ’Ndrangheta akzeptiert. Und er soll an Treffen der Frauenfelder Zelle mitgewirkt haben.

Mutmassliche Mafiosi können nur ausgeliefert werden, wenn sie auch nach schweizerischem Recht strafbare Taten begangen haben. Es gilt das Prinzip der doppelten Strafbarkeit. In Italien ist schon die reine Mitgliedschaft bei einer kriminellen Organisation strafbar. «Im Kampf gegen die ’Ndrangheta wäre eine internationale Angleichung des Strafrechts notwendig», sagt der kalabrische Staatsanwalt Antonio De Bernardo, der für die «Operation Helvetia» gegen die Frauenfelder Zelle verantwortlich war (siehe Interview). Mit Genugtuung stellt er aber fest, dass «wir trotz unveränderter Gesetzgebung eine Annäherung mit der Schweiz erreicht haben». Ansonsten hätte es die Festnahmen mutmasslicher Mafiosi im letzten März nicht gegeben. «Vieles ist eine Frage der Interpretation und des Verständnisses», erklärt De Bernardo. «Früher waren wir Italiener nicht in der Lage, das Phänomen der ’Ndrangheta ausreichend zu erklären.» Dies habe sich geändert, «seit wir die Struktur und die Funktionsweise der ’Ndrangheta besser verstehen und mit Beweisen dokumentieren können.» Was Kalabriens Staatsanwaltschaft in Zusammenarbeit mit den Schweizer Behörden erreicht habe, sei ausserordentlich, sagt De Bernardo.

Zwei Mafiosi aus dem Kanton Wallis, die ebenfalls im vergangenen März festgenommen worden waren, wurden inzwischen an Italien ausgeliefert. Sie waren bereits vom Gericht in Reggio Calabria zu Freiheitsstrafen von sechs und neun Jahren verurteilt worden. Im Fall der Frauenfelder ’Ndrangheta-Zelle sind noch ein Dutzend Auslieferungsgesuche hängig. Das Bundesamt für Justiz entscheidet darüber in den kommenden Wochen.

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Er jagt die Mafia

Staatsanwalt aus Kalabrien

Antonio De Bernardo ist seit zehn Jahren Anti-Mafia-Staatsanwalt im italienischen Reggio Calabria. Der 34-jährige Staatsanwalt war verantwortlich für die Operation «Helvetia», die im August 2014 zur Zerschlagung der Frauenfelder ’Ndrangheta-Zelle führte. De Bernardo leitet über zehn Mafia-Verfahren mit Bezug zur Schweiz. Er weilte aufgrund einer Tagung des Vereins investigativ.ch in der Schweiz. (vin)

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