Die neue Billag

Was die Serafe AG beim Eintreiben der Radio- und TV-Gebühren besser machen will als ihre Vorgängerin.

«Bis auf weiteres läuft die Kommunikation über mich»: Mediensprecher Erich Heynen im noch leeren Büro der Serafe AG. Foto: Doris Fanconi

«Bis auf weiteres läuft die Kommunikation über mich»: Mediensprecher Erich Heynen im noch leeren Büro der Serafe AG. Foto: Doris Fanconi

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Wer die Firma kennen lernen will, die künftig in jedem Haushalt die Radio- und Fernsehgebühr einziehen soll, wer den Mann kennen lernen will, der diese Firma und die 3,6 Millionen Gebührenrechnungen unter Kontrolle halten wird, wer irgendetwas über diese geheimnisumwitterte Serafe AG erfahren will, die noch nicht einmal über einen Internetauftritt verfügt – wer hierzu Fragen stellt, begibt sich für die Antworten in eine Welt der Gegensätze. Da ist auf der einen Seite das Bedürfnis nach Diskretion, Datenschutz und Geschäftsgeheimnis spürbar. Und auf der anderen Seite das Bewusstsein, dass eine kritische Öffentlichkeit schon bald fortwährend Rechenschaft einfordern wird.

Ein Gesprächstermin am Firmensitz in Fehraltorf ZH ist schnell und unkompliziert vereinbart. Mit Firmenchef Werner Krauer? Nein, «die Kommunikation läuft bis auf weiteres über mich», sagt Erich Heynen, der Kommunikationschef, am Telefon. Fotografien? Ja, aber bitte nicht ausserhalb des Sitzungszimmers, vor allem nicht die Druckanlagen im Erdgeschoss. Den noch leeren Dachstock fotografieren, wo dereinst die Serafe-Angestellten arbeiten werden? Doch, das geht. Werner Krauer, der Chef, taucht schliesslich doch zum Gespräch auf, gibt Antworten, posiert aber nicht fürs Foto in der Zeitung. Hierfür steht wiederum Erich Heynen hin, der Kommunikationschef. Beim Medien­gespräch mit dabei ist dafür auch der Chef des hausinternen Rechtsdienstes. Man kann ja nie wissen.

Der Versuch eines Neuanfangs

Man kann nie wissen – und weiss doch, dass man bald politischen Stürmen ausgesetzt sein wird. Die Serafe AG schickt sich an, den wohl heikelsten Spagat zu bewältigen, der einem Schweizer Unternehmen derzeit bevorsteht. Die Serafe, das ist auch der Versuch eines Neu­anfangs, der Versuch, die ruinierte Marke Billag durch etwas Neues, Akzeptierteres zu ersetzen. No Billag heisst die Abstimmungsvorlage vom 4. März, die ein Gebührenverbot für die SRG fordert – doch über die Billag wird schon lange nicht mehr gesprochen, nur noch über die SRG.

Firmenchef Werner Krauer erscheint als typischer Gewerbler – nicht als SRG-Fan oder Medien-Idealist.

Noch vor ein paar Jahren war es umgekehrt. Gewerbler und rechtsbürgerliche Politiker geisselten als Volkes Stimme das Gebaren der Billag, warfen ihr Arroganz, Intransparenz und überzogenen Profit vor. Dass die SRG Gebührengeld erhalten soll, war noch kaum bestritten, dass die Billag das Inkasso besorgte, galt als das eigentliche Problem. Die flächendeckende Unbeliebtheit der Firma mit Sitz in Freiburg war ausgemachte Tatsache.

Der neue Gebührenkönig

Dabei schienen die Voraussetzungen gut, dass es anders hätte kommen können. Die Billag ist als Tochtergesellschaft in den Schoss der Swisscom eingebettet, wo Profis aller Disziplinen arbeiten, nicht zuletzt des Marketings. Ein Marketingcoup schien es unter anderem, als die Eigentümer im Jahr 2009 den Glarner Anwalt Werner Marti zum Verwaltungsratspräsidenten ernannten. Die früheren Billag-Chefs hatten Namen wie Jürg Rötheli und Dieter Bernauer; niemand wusste, wer sie waren und wofür sie standen. Werner Marti hingegen: Ex-Nationalrat der SP, Ex-Regierungsrat, Ex-Preisüberwacher, beinahe Parteipräsident, beinahe Bundesrat – ein Prominenter der A-Klasse, vernetzt bis in höchste Kreise, mediengewandt. Er kenne «die Anliegen der Konsumentinnen und Konsumenten und verfügt über eine breite Akzeptanz in der Öffentlichkeit», teilte die Billag damals voller Zuversicht mit. Wer, wenn nicht dieser Mann, sollte es schaffen, die Billag zu rehabilitieren – sie zu retten?

Marti schaffte es nicht. Weder ging unter ihm die Kritik an der Billag zurück, noch gelang es ihm, das befristete Inkasso-Mandat für die SRG zu verlängern. Am 10. März 2017 gab der Bundesrat bekannt, dass die Medienabgabe künftig von der Serafe AG erhoben werde, die das beste Angebot gemacht habe. Die Billag wird nun Ende 2018 verschwinden, so oder so. Und die Schweiz erhält einen neuen Gebührenkönig, der ebenfalls Werner heisst. Doch ist dieser Werner II. in praktisch allem das Gegenteil seines Vorgängers.

«Ich bin in keiner Partei und in keinem Serviceclub dabei. Ich bin generell kein Vereinsmeier.»Werner Krauer

Er trägt Jeans mit Löchern, als er zum eingangs geschilderten Treffen erscheint – nicht an exklusiv-urbaner Lage wie beim Bahnhof Freiburg, wo die Billag residiert, sondern in seinem grauen Gewerbebau an einer grauen Gewerbestrasse in Fehraltorf. «Ich achte darauf, dass es über mich möglichst wenig Informationen im Internet gibt», sagt Werner Krauer. «Ich bin in keiner Partei und in keinem Serviceclub dabei. Ich bin generell kein Vereinsmeier.» Einige Aussagen macht er im Gespräch, die ihn politisch am ehesten als typischen Gewerbler ausweisen, bestimmt jedenfalls nicht als SRG-Fan oder Service-public-Idealisten. Mit seinem Betrieb zahle er keine Billag-Gebühr, erzählt er ungefragt. Dessen Gebührenpflicht empfand er als ungerechtfertigt, er hat ihn vor einiger Zeit bei der Billag abgemeldet.

Sein Betrieb: Gemeint ist nicht die Serafe AG, die erst seit Herbst 2016 existiert, sondern deren Mutterfirma, die Secon AG – 1979 von einem Freund ­Krauers gegründet, 1990 von Letzterem übernommen. Erst 24 Jahre alt war der gelernte Fernmelde-, Elektro- und Apparatemonteur zu diesem Zeitpunkt. In den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten baute Krauer die Secon zu dem aus, was sie heute ist: ein Dienstleister für zehn Krankenversicherer, unter ihnen Atupri und Helsana, insbesondere für deren Inkasso. Die Krankenkassen halten auch eine Minderheit der Aktien und stellen drei von sechs Mitgliedern des Verwaltungsrats. Die Mehrheit des Aktionariats besteht aus Secon-Gründungsmitgliedern und -Mitarbeitern.

Die PR-Fallen

Die Serafe AG wiederum ist zu 100 Prozent im Eigentum dieser Secon. Sind die Daten der dreieinhalb Millionen Gebührenzahler – Daten, die beispielsweise Auskunft über den Bezug von Ergänzungsleistungen geben – nicht potenziell interessant für die in der Secon engagierten Krankenkassen? «Danke für diese Frage», sagt Heynen, der Kommunikationschef. Er ist natürlich darauf vorbereitet, will hervorgehoben wissen, dass Serafe und Secon organisatorisch und operativ strikt getrennt bleiben. Man arbeitet im gleichen Gebäude, aber auf verschiedenen Etagen, nutzt gemeinsam die Druckeranlagen im Parterre für die physische Herstellung der Einzahlungsscheine, aber einen Datenaustausch gibt es nicht. Dafür für beide Unternehmen je einen separaten Verwaltungsrat, mit Krauer als verbindendem Glied. Die Eigenständigkeit des SRG-Inkassos ist eine Auflage des Bundes, die man ernst nimmt, natürlich, man hat den Auftrag ja unter anderem darum erhalten.

Und weil man günstig offerierte. 123 Millionen erhält die Serafe für die Jahre 2019 bis 2025, mit rund 40 Mitarbeitenden will man auskommen. Die Billag ist deutlich teurer, bekommt vom Bund heute jedes Jahr 54 Millionen. Die Antwort auf die Frage, wie das mit so viel weniger Geld geht, schüttelt Heynen natürlich ebenfalls aus dem Ärmel. Er wiederholt das oft Wiederholte: dass sich der Auftrag unterscheide, dass die Serafe im Unterschied zur Billag keine Hauskon­trollen machen müsse, dass man anders als die Billag nur für Privathaushalte zuständig sei (für Firmen ist es neu die Eidgenössische Steuerverwaltung).

Das Konfliktpotenzial ist also ein wenig reduziert. Und doch ist da das Bemühen spürbar, nicht in die PR-Fallen zu tappen, die der Billag mit zum Verhängnis gereichten. Wer etwa bei der Serafe arbeitet, hat für sich selber die Medienabgabe aus eigener Tasche zu berappen – keine grosszügige Übernahme durch die Arbeitgeberin wie bei der Billag.

Schleusen am Eingang

Das Bewusstsein, was es bedeuten könnte, die unbeliebteste Firma der Schweiz zu beerben: Es ist vorhanden. Demnächst wird am Eingang des Serafe-Secon-Sitzes eine Sicherheitsschleuse eingebaut. Von allen Herausforderungen des Projekts flösst die Sicherheitsfrage Krauer den meisten Respekt ein, wie er gesteht.

Dass hingegen der Serafe womöglich nur ein kurzes Dasein beschieden ist, dass die bereits Eingestellten nach dem 4. März ihren Job womöglich wieder verlieren: Davon lässt man sich offiziell nicht beeindrucken. Die Vorbereitungen, um ab 2019 operativ zu sein, gehen weiter. Bald schon soll die Öffentlichkeit mehr über dieses geheimnisumwitterte Unternehmen erfahren, das je nach Abstimmungsausgang in einigen Monaten in ihr Leben treten wird. Einen Internetauftritt gibt es zwar noch nicht, aber er ist vorbereitet. Geplantes Aufschalt­datum: Montag, 5. März. Der Tag nach der No-Billag-Abstimmung.

Erstellt: 08.01.2018, 22:19 Uhr

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