Die neue Schweizer Chefdiplomatin ist eine Übergangslösung

Krystyna Marty Lang wird neue Nummer 2 unter Aussenminister Cassis – aber nur für ein Jahr. Anschliessend bekommt sie vom Bundesrat ein Zückerchen.

Wird nicht nur – wie in solchen Fällen üblich – einige Wochen oder Monate Übergangschefin bleiben, sondern ein ganzes Jahr: Krystyna Marty Lang. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Wird nicht nur – wie in solchen Fällen üblich – einige Wochen oder Monate Übergangschefin bleiben, sondern ein ganzes Jahr: Krystyna Marty Lang. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Nach wochenlangen Spekulationen ist jetzt klar: FDP-Bundesrat Ignazio Cassis bleibt Aussenminister. Doch auf der zweiten Führungsebene kommt sein Departement nicht zur Ruhe. Denn direkt unter sich installiert Cassis eine personelle Übergangslösung, die unüblich lange dauern soll: ein ganzes Jahr.

Dass Cassis’ bisherige Nummer 2, Staatssekretärin Pascale Baeriswyl, Ende Jahr abtritt und neue Botschafterin bei der UNO wird, ist bereits seit August bekannt. Und schon damals kündigt das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auch an, dass Krystyna Marty Lang, bisher Baeriswyls Stellvertreterin, interimistisch die Leitung übernehmen wird.

Doch erst jetzt wird klar, dass Marty Lang nicht nur – wie in solchen Fällen üblich – einige Wochen oder Monate Übergangschefin bleibt, sondern ein ganzes Jahr – «bis Ende 2020», wie das EDA bestätigt. Während dieser Zeit wird Marty Lang den Titel einer «Staatssekretärin ad interim» tragen. Sie wird die Diplomaten im Rest der Welt führen, während der zweite Staatssekretär im EDA, Roberto Balzaretti, für Europa zuständig bleibt.

Das EDA begründet die unüblich lange Zwischenlösung damit, dass derzeit eine neue aussenpolitische Strategie in Arbeit sei. Wenn diese vorliegt, will Cassis in einem zweiten Schritt zuerst die Strukturen im Departement anpassen – erst ganz am Schluss will er die passenden Leute auswählen.

Das Manöver von 2016

Mit Marty Lang wird eine Frau Schweizer Chefdiplomatin, die öffentlich bisher kaum in Erscheinung getreten ist – selbst Mitglieder der Aussenpolitischen Kommission im Parlament können mit ihrem Namen nichts anfangen. In ihrer bisherigen Laufbahn war Marty Lang unter anderem stellvertretende Missionschefin in Usbekistan und China sowie Botschafterin in Kosovo. Zuvor hat sie Sinologie und Völkerrecht studiert.

Doch nun, drei Jahre später, erfährt Marty Lang Genugtuung.

Nur einziges Mal stand Marty Lang kurz im Scheinwerferlicht der Medien, als sie zum Opfer eines politischen Manövers zweier Männer wurde. Es war im August 2016, als der damalige Staatssekretär Yves Rossier zurücktrat und rasch ein neues Wirkungsfeld brauchte. Der damalige Aussenminister Didier Burkhalter schanzte Rossier die prestigeträchtige Botschaft in Moskau zu – einen Posten, für den der Bundesrat zuvor eigentlich bereits eine Frau bestimmt hatte: Krystyna Marty Lang.

Marty Langs Ernennung war zu diesem Zeitpunkt längst kommuniziert, und sie hatte sogar ihren Umzug nach Russland schon organisiert, als man ihr mitteilte, an ihrer Stelle gehe jetzt Rossier. Sie fügte sich wohl oder übel – und wurde in Bern mit Stellvertreterposten von Rossiers Nachfolgerin Pascale Baeriswyl abgefunden.

Sie hatte sogar ihren Umzug nach Russland schon organisiert, doch dann kam es anders: Schweizer Botschafter Yves Rossier (links) und Wladimir Putin in Moskau 2017. Foto: Maxim Shipenkov (Keystone)

Doch nun, drei Jahre später, erfährt Marty Lang Genugtuung. Wie schon der «SonntagsBlick» vermeldet hat, ernannte der Gesamtbundesrat Marty Lang am 6. November zur neuen Schweizer Botschafterin in Russland. Dieses Amt soll sie aber erst Anfang 2021 antreten – nach Abschluss ihres Jahres als Übergangs-Chefdiplomatin. Offiziell kommuniziert wurde Marty Langs erneute Bestimmung für Moskau bisher nicht, da das EDA in solchen Fällen jeweils zuerst die Akkreditierung des Gaststaates abwartet.

Wohin geht Rossier?

Damit schafft Marty Lang das wohl einmalige Kunststück, vom Bundesrat zweimal als Botschafterin für das gleiche Land ernannt zu werden. Von einer Wiedergutmachung will das EDA nichts wissen. Es sei aber «nicht überraschend», dass sich erneut jene Kandidatin durchgesetzt hat, die schon bei ihrer ersten Ernennung dafür qualifiziert gewesen sei, hält das EDA in einer Stellungnahme fest. Wohin der heutige Moskau-Botschafter Yves Rossier wechseln wird, ist noch nicht bekannt.

Erstellt: 17.12.2019, 12:46 Uhr

UNO-Botschafter kommt zurück

Dass die abtretende Staatssekretärin Pascale Baeriswyl neue Botschafterin bei der UNO in New York wird, wurde bereits im August bekannt. Wie Recherchen dieser Zeitung jetzt zeigen, wird der bisherige Posteninhaber Jürg Lauber in die Schweiz zurückkehren und neuer Botschafter bei den Internationalen Organisationen in Genf. Lauber spielte eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen um den umstrittenen UNO-Migrationspakt. Ende 2018 geriet er deswegen ins Visier von Rechtsextremen aus Österreich, welche eine Hetzkampagne gegen ihn lostraten.

In Genf löst Lauber jetzt Valentin Zellweger ab, welcher Botschafter in Kenia wird. Der dortige Botschafter Ralf Heckner ersetzt in Indien Andreas Baum, welcher nach Japan wechselt. All diese Ernennungen hat der Bundesrat am 6. November vorgenommen, bisher aber nicht kommuniziert. (hä)

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