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Die neue Wunderwaffe der Bundesräte

Damit die Bundesräte bei ihren öffentlichen Auftritten besser wirken, haben sie sich einen Teleprompter angeschafft.

Pleiten, Pech und Pannen mit dem Teleprompter. Video: Lea Koch, Tages-Anzeiger

Das gesprochene Wort ist für Politiker eine mächtige Waffe. Damit sie noch wirksamer wird, rüstet der Bundesrat jetzt mit moderner Technik auf: Die Landesregierung hat einen mobilen Teleprompter angeschafft. Von diesem Gerät können die Bundesräte bei öffentlichen Auftritten künftig ihre Reden ablesen und gleichzeitig den Blickkontakt mit dem Publikum halten. Der Teleprompter sei im Spätherbst für rund 18'000 Franken angeschafft worden, bestätigt Bundesratssprecher André Simonazzi. Der Bundesrat wolle mit dem Gerät «die Voraussetzungen für professionelle Auftritte schaffen».

Für amerikanische Politiker und Fernsehmoderatoren – auch in der Schweiz – gehört der Teleprompter seit über 60 Jahren zur Grundausstattung. Vor kurzem hat sich sogar der neue US-­Präsident Donald Trump vom Teleprompter-Verächter zum Anwender bekehrt. In der Schweizer Politik jedoch kam der Apparat bisher nur dann zum Einsatz, wenn Bundesräte im Fernsehstudio ihre Ansprachen zum 1. August oder zu Abstimmungsvorlagen aufzeichneten. Bei Auftritten ausserhalb des Studios trugen die Bundesräte ihre Reden bisher wie eh und je ab Manuskript vor. Auch die Parteipräsidenten und andere Schweizer Politiker haben bisher kaum Teleprompter eingesetzt.

Joe Biden machte es vor

Doch nur wenige Monate nach Trump treten jetzt auch die Bundesräte in die Neuzeit der Politikinszenierung ein. Dabei teilen sich die sieben Magistraten kollegial ein Gerät, das die Bundeskanzlei für sie angeschafft hat und verwaltet. Die Kommunikationsberater der Departemente und sogar die Bundesräte selber konnten sich bei der Bundeskanzlei in der Anwendung schulen lassen.

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Der Teleprompter besteht aus zwei Glasscheiben, die links und rechts eines Rednerpults im 45-Grad-Winkel montiert werden. Darauf wird von unten der Redetext projiziert. Von einem Laptop gesteuert, wandert er langsam nach oben, ohne dass das Publikum ihn sehen kann. Gesteuert wird der Textfluss per Fernbedienung entweder vom Redner selber oder von einem Assistenten. Die Glasscheiben sind so diskret, dass die Zuhörer sie nur bemerken, wenn sie darauf achten. Ein Teleprompter macht aus einer schlechten Rede noch lange keine gute. So war Schneider-Ammanns verunglückte, inzwischen aber kultige Rede zum Tag der Kranken im Fernsehstudio mithilfe eines Teleprompters aufgezeichnet worden. Mit etwas Übung hilft der Teleprompter dem Redner aber, den Eindruck zu vermitteln, als spreche er spontan und halte Augenkontakt mit seinem Publikum.

Welchen Unterschied der Teleprompter in einer Politikerrede machen kann, wurde den Zuhörern bei der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums (WEF) 2016 geradezu schmerzlich vor Augen geführt. Zuerst trat der damalige Bundespräsident Johann Schneider-Ammann ans Rednerpult, der seine knapp 14-minütige Begrüssungsrede in holprigem Englisch vom Manuskript ablas, fast ohne je die Augen zu heben. Darauf folgte der damalige US-Vizepräsident Joe Biden, der 50 Minuten locker mit seinem Publikum plauderte, als habe er seine ganze Rede auswendig gelernt.

In Bern wird erzählt, nach Schneider-Ammanns und Bidens Auftritten habe Bundesrätin Doris Leuthard erklärt, sie wolle auch so ein Ding. Diese Geschichte kann Leuthards Kommunikationschef Dominique Bugnon so nicht bestätigen. Er bestätigt aber, dass Leuthards Departement bei der Bundeskanzlei einen Vorstoss für den Kauf eines Teleprompters unternommen habe.

Laut Simonazzi war die Anschaffung eines Teleprompters schon früher mehrmals ein Thema. Schon vor fünf oder sechs Jahren habe er selber entsprechende Abklärungen unternommen. «Damals hätte ein solches Gerät aber viel mehr gekostet, was uns zu teuer war», sagt der Vizekanzler.

Power-User Schneider-Ammann

Vor zwei Wochen fand nun erneut das WEF statt, und diesmal hielt Leuthard als Bundespräsidentin die Eröffnungsrede. Es war gleichzeitig ihre Feuertaufe mit dem Teleprompter. Und tatsächlich: Wie Biden vor Jahresfrist plauderte sie mit ihrem Publikum, ohne aufs Blatt zu starren. Noch nicht ganz auf Biden-­Niveau war sie nur beim Rhythmus: Leuthard verharrte jeweils so lange auf einem der zwei Bildschirme, dass sich die andere Saalhälfte etwas vergessen vorkam.

Die historische Premiere geht allerdings nicht auf Leuthards Konto, sondern auf das von Schneider-Ammann. Der FDP-Bundesrat hielt am 17. November 2016 am Schmidheiny-Symposium in Interlaken die erste Rede der Geschichte mithilfe des bundesrätlichen Teleprompters. Videodokumente dieses Auftritts sind bisher nicht aufgetaucht. Schneider-Ammann fand aber so viel Gefallen am neuen Gadget, dass er auf bestem Weg ist, ein Power-User zu werden. Seit Interlaken sprach er auch am World Web Forum in Zürich-Oerlikon und am Rheintaler Wirtschaftsforum mit Teleprompter. Er schätze das Gerät, «weil es ihm erlaubt, dauernd Blickkontakt mit dem Publikum zu haben», sagt sein Kommunikationschef Noé Blancpain.

Doch die Nachfrage nach dem Apparat sei auch bei den anderen sechs Bundesräten gross, sagt Simonazzi. «Vielleicht», so der Vizekanzler, «brauchen wir schon bald einen zweiten.»

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