Die Nummer zwei des Geheimdiensts geht

Paul Zinniker lässt sich mit 60 frühzeitig pensionieren – in den vergangenen Jahren häuften sich die Skandale und Affären.

Bundesrat Ueli Mauer mit Paul Zinniker, der kurz nach seinem 60. Geburtstag frühzeitig in Pension ging. Foto: Peter Schneider/Keystone

Bundesrat Ueli Mauer mit Paul Zinniker, der kurz nach seinem 60. Geburtstag frühzeitig in Pension ging. Foto: Peter Schneider/Keystone

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Nach einem freiwilligen Abgang sieht es nicht aus. Die ­jahrelange Nummer zwei und zeitweilige Nummer eins beim Schweizer Geheimdienst geht in Pension. Paul Zinniker ist am vorletzten Sonntag 60 Jahre alt geworden – und ist dem Vernehmen nach bei guter Gesundheit.

Erst in fünf Jahren würde er ordentlich pensioniert. Doch der Bieler geht bereits jetzt. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) bestätigt: «Herr Zinniker hat ­entschieden, sich nach seinem 60. Geburtstag per Ende Juli frühzeitig pensionieren zu lassen.»

Paul Zinniker selber war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Der ursprüngliche Berufsschullehrer hat die schweize­r­ischen Nachrichtendienste fast drei Jahrzehnte lang geprägt. Knapp 32-jährig war er 1991, im Jahr des endgültigen Zusammenbruchs der Sowjetunion, in die Dienste des damaligen ­Schweizer Ausland-Geheimdiensts ­getreten. Dort stieg der Major schnell auf. 2008 wurde Zinniker Direktor – doch nicht für lange. Nach nur zwei Jahren wurde sein Dienst mit dem Inlandpendant zum NDB fusioniert. Seither hat «Zip» dort als Stellvertretender Direktor ­geamtet.

Bei Nachfolge übergangen

Kurzzeitig war Zinniker sogar der oberste Boss. Als NDB-Direktor Markus Seiler Ende 2017 als Generalsekretär ins Aussendepartement wechselte, leitete er den Dienst über ein halbes Jahr lang ad interim. Er bewarb sich für den definitiven Chefposten. Doch der damalige Verteidigungsminis­ter Guy Parmelin und der Gesamt­bundesrat zogen ihm einen Externen vor: den Schweizer Militär­attaché in Paris, Jean-Philippe Gaudin.

Zinniker hatte beim Nachfolge­rennen mit den Nachwehen der Affäre um den in Deutschland verhafteten Schweizer Spion Daniel Moser zu kämpfen. «Alpenagent» Moser hätte in seinem Auftrag einen Maulwurf in der Steuerverwaltung des Bundeslands Nordrhein-Westfalen platzieren sollen. Der NDB hatte sich Erkenntnisse darüber erhofft, wie sich die Fiskalfahnder Daten-CDs aus Schweizer Banken beschafften. Zinniker bewilligte Ende 2012 die heikle Operation im Nachbarland – und nahm damit «unrecht­mässiges Vorgehen in Kauf», wie die parlamentarische Geschäftsprüfungsdelegation später festhielt. Die Sache flog auf.

Guy Parmelin und der Gesamtbundesrat zogen für den Chefposten einen Externen vor.

Als verhängnisvoll erwies sich, dass Zinniker es sich nicht hatte nehmen lassen, während der Operation den Privatagenten Moser persönlich zu treffen. Goldene Regel ist es, dass Quellen nur mit ihren ­Führungsoffizieren mit Decknamen in Kontakt ­treten.

Die Unvorsichtigkeit ermöglichte es der deutschen Bundesanwaltschaft, gegen Zinniker eine Spionageuntersuchung zu eröffnen. Das Strafverfahren wurde später eingestellt. Daniel Moser aber sass 2017 in Mannheim 7 Monate in Untersuchungshaft, ehe er zu 22 Monaten bedingter Gefängnisstrafe verur­teilt ­wurde.

Ein Risiko ging der als vorsichtig geltende Zinniker auch bei einem schillernden saudisch-schweizerischen Geschäftsmann ein, gegen den die Schweizer Bundesanwaltschaft bis heute ein Strafverfahren führt. Ihn traf Zinniker 2017 – wie schon Daniel Moser – auf dem Zürcher Flughafen, obschon bekannt war, dass er im gigantischen Korruptionsskandal um den malaysischen Staatsfonds 1MDB eine Schlüssel­rolle spielt.

Affären über Affären

Die Beschaffungsabteilung, die Zinniker über all die Jahre ­leitete, ist mit ihren Agenten und Opera­tionen die exponierteste ­Sektion des Nachrichtendiensts. Skandale und Skandälchen gehören zum Geschäft. In den vergangenen Jahren kam es allerdings zu einer Häufung.

Juristisch noch nicht ausgestanden ist die Affäre um den Walliser Weinhändler Dominique Giroud. Hier ist der NDB indirekt betroffen. Gegen einen seiner Mit­arbeiter, der mittlerweile gehen ­musste, sowie gegen eine ­Quelle läuft in Genf nach wie vor ein Strafverfahren wegen mutmasslichen Hackings von Journalisten. Für die Beschaffungsabteilung war auch jahrelang ein falscher Psychologe tätig. Der Rettungssanitäter führte extern und ­intern einen Titel, den er nie erworben hatte. Nach dem Auffliegen im Jahr 2018 deckte Zinniker seinen Vertrauten. Sein Nachfolger Gaudin löste den Arbeitsvertrag des Sanitäters sofort auf.

Nicht so abrupt geht es bei Zinniker, der einen rechtmässigen Doktortitel führt, erworben mit einer umfangreichen Dissertation in den USA. Der Frühpensionär steht laut dem NDB noch bis Ende Jahr dem Direktor Gaudin «weiterhin für spezielle Aufgaben und Projekte zur Verfügung». Die Nachfolge ist offen. Die Beschaffungsabteilung wird bis auf weiteres von der langjährigen Nummer drei, Vizedirektor Jürg Bühler, geleitet.

Erstellt: 06.08.2019, 21:53 Uhr

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