«Die Nutzer werden mehr für Journalismus bezahlen müssen»

Medienprofessor Otfried Jarren über die Kritik an der SRG und Zukunftsmodelle für die Medienlandschaft.

Die Medien sollten sich zusammenschliessen, sagt Otfried Jarren. Foto: Urs Jaudas

Die Medien sollten sich zusammenschliessen, sagt Otfried Jarren. Foto: Urs Jaudas

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Die Situation der Zeitungen beschäftigt das Parlament. Sollen Zeitungen direkt gefördert werden, wie Parlamentarier verlangen?
Wir haben die direkte Medienförderung schon: das Modell Service public. Die Schweiz benötigt das, ebenso wie vielfältige journalistische Leistung bei den privaten Medien. Es geht neu um Journalismusförderung. Wir brauchen einen Journalismus, der sich autonom und selbstbewusst organisiert. Die Kriterien zur Förderung müssten Journalisten selber definieren, in einem dafür geschaffenen Gremium: Lauterkeit, die Einhaltung des Journalistenkodex oder weitere Qualitätsmerkmale.

Es kursiert die Idee einer Plattform, auf der sich die Schweizer Medien zusammentun. Meinen Sie so etwas?
Mich überzeugt dieser Wunsch. Man sollte in der digitalen Welt öffentliche Infrastrukturen schaffen, so wie man das Schienennetz oder die Strassen bereitstellt. Die privaten Medien könnten eine gemeinsame Plattform betreiben – und sich darauf publizistische Konkurrenz liefern. Diese Plattform wäre zuerst einmal eine Infrastruktur. Sie könnte auf ihre Anbieter hinweisen. Diese wären damit sichtbarer und zugänglicher, wie bei einem Kiosk.

«Zeitungen sind eminent für die Demokratie. Der ganze gesellschaftliche Austausch läuft nach wie vor über das Wort.»Otfried Jarren

Werbung und Leser wandern ab. Könnte eine Plattform das lösen?
Die Plattform würde sichtbar machen, Besucherzahlen generieren, die weniger bekannte Medien oder Blogger nicht haben. In Deutschland hat der Springer-Verlag angefangen, mit Daimler und anderen eine solche Plattform aufzuziehen. Damit wären innovative Modelle zur Teilung der Erträge möglich.

Und inhaltlich? Müssen Zeitungen auf Hintergrundrecherchen setzen?
Auch, aber sicher nicht nur. Journalismus muss wissensbasierter werden und wegkommen von trivialen Aktualitäten. Textangebote sind wichtig, weil Wissensaustausch und Diskurs sprachlich stattfinden. Zeitungen, gedruckt oder digital, sind eminent für die Demokratie. Der ganze gesellschaftliche Austausch läuft nach wie vor über das Wort. Wie finanziert man diese journalistischen Leistungen unter digitalen Bedingungen? Die Werbung finanziert die Zeitungen nicht mehr wie gewohnt. Jetzt sind die Nutzer am Zug, sie müssen mehr zahlen als bislang. Dafür wollen sie aber Leistung sehen. Der klassische Nachrichtenjournalismus der Massenmedien hat ein Finanzproblem.

Deshalb der Ruf nach einer direkten Medienförderung. Doch wäre es nicht gefährlich, wenn fast alle Medien staatlich finanziert würden?
Staatliche Finanzierung – das sicher nicht. Auch die SRG wird ja nicht vom Staat finanziert. Es gibt viele Möglichkeiten für direkte Medienförderung. Sie ist nötig, denn wir stehen vor dem Dilemma, dass die demokratiepolitisch wichtige Leistung der Medien nicht mehr finanziert werden kann. Die Zahlungsbereitschaft vor allem für politische Informationen ist nicht sehr hoch.

Wäre der Leser eher bereit, für Einordnung, Recherche und Vertiefung zu bezahlen?
Das werden wir sehen. Bei gesellschaftlichen Konflikten nimmt das Interesse vorübergehend zu. Im Courant normal interessieren sich aber gerade mal zwischen 5 und 8 Prozent der Bevölkerung so sehr für Politik, dass sie bereit wären, für politische Nachrichten zu bezahlen.

Die privaten Medien kritisieren eine zu gross gewordene und zu aktive SRG. Zu Recht?
Die Diskussion über private und öffentliche Medien wird überall geführt in Europa. Das ist zumeist kleinteilig, provinziell und auch technologisch zu wenig nach vorn gewandt. Wir sind in der digitalen Welt! Umgekehrt gefragt: Wer profitiert, wenn man der SRG Ressourcen entzieht?

Vielleicht das Publikum, weil eine werbefreie SRG ihr Angebot weniger stark kommerzialisieren würde.
Ich glaube nicht, dass sich das Programm einer werbefreien SRG stark ändern würde. Auch die SRG ist gezwungen, Reichweite zu generieren. Alle Anbieter benötigen Rezipienten. Natürlich darf die SRG kommerzielle Aspekte nicht voranstellen. Aber wenn sie bei 20 Prozent Reichweite vor sich hin dümpeln würde, hätte sie ein legitimatorisches Problem.

Bleibt jemand für die «Tagesschau» dran, nachdem er die Boulevardsendung geschaut hat?
Es gibt die sogenannten Beifänge, das zeigen Untersuchungen und lehrt uns der eigene Alltag. Wenn «Glanz und Gloria» fertig ist, geht man kurz auf die Toilette oder zum Kühlschrank. Und dann schaut man weiter, zum Beispiel die «Tagesschau». Das ist auch das Modell der Zeitungen: Man muss den Politik- oder Sportteil nicht wollen, hat ihn aber doch als Nutzungsoption in den Händen.

Das Parlament beschäftigt sich auch mit Admeira, der Werbeallianz von SRG, Ringier und Swisscom. Es gibt die Forderung, dass bei solchen Projekten alle Medien zu gleichen Bedingungen mitmachen können. Einverstanden?
Wettbewerbsrechtliche Konflikte wie um Admeira werden wir künftig noch vermehrt haben. Deshalb brauchen wir eine unabhängige Regulierungsbehörde, wie sie die meisten europäischen Länder haben. Denn diese Konflikte können schnell zu langwierigen, leidigen Angelegenheiten werden. Dass eine staatlich dominierte Firma wie die Swisscom Daten generiert und kommerzialisiert, ist ein Problem, wenn sich das auf die publizistischen Medien auswirkt. Es wäre die Aufgabe einer unabhängigen Regulierungsinstanz, solche Projekte umfassend zu prüfen. Der diskriminierungsfreie Zugang aller Medien ist zwingend, zumal wenn ein staatlich dominiertes Unternehmen mit erheblicher Markmacht im Mittelpunkt steht.

Verstehen Sie den Unmut der Verleger wegen Admeira?
Ja. Dieser Konflikt ist ein Symbol für die Neuordnung der Medienlandschaft. Es geht um eine grundlegende Veränderung, welche die journalistischen ­Medienhäuser im Mark trifft. Ich persönlich hätte Admeira nicht lanciert, wenn ich im SRG-Management gewesen wäre. ­Anderseits bin ich mir nicht sicher, ob sich die Aufregung lohnt: Der Geschäftsleiter von Admeira ist nach nur einem Jahr wieder weg. Es gibt drei Eigentümer­firmen, deren Kultur unterschiedlicher nicht sein könnte. Ob Admeira so öko­nomisch Sinn macht, da bin ich skeptisch.

Kann das Parlament überhaupt etwas bewirken? Bis ein neues Gesetz in Kraft ist, hat sich die Situation vielleicht wieder geändert.
Ja, die Geschwindigkeit ist enorm. Die Gesetzgebung muss dennoch versuchen, den Rahmen zu setzen, Inhalte zu schützen und Angebote zu sichern. Es braucht eine Auslegeordnung. Deshalb ist es richtig und mutig von Bundesrätin Doris Leuthard, dass sie ein Medien­gesetz aufgleist und den Schritt macht weg vom Radio- und TV-Gesetz, hin zu einem zeitgenössischen Rahmen.

Wir stimmen in den nächsten Jahren über die No-Billag-Initiative ab, die über Sein oder Nichtsein der SRG entscheidet. Hat sie Chancen?
Noch im letzten Herbst hätte ich ihr Chancen eingeräumt. Doch vor dem Hintergrund der globalen Ereignisse gehe ich davon aus, dass es ein gestiegenes Interesse daran gibt, sich auf verlässliche Medienangebote abstützen zu können. Fake-News und andere Ereignisse machen überdeutlich, wie wichtig Journalismus und unabhängige Medien sind. Der Service public in unserem Land ist eine sichere, verlässliche Institution.

Also ist die Initiative chancenlos?
Das Problem ist wohl die gefühlte Grösse der SRG. Die Schweizer sind von Natur aus skeptisch gegenüber allem, was zu gross ist und zu viel Macht besitzen könnte. Ich glaube nicht, dass die SRG effektiv zu gross ist. Aber manche empfinden es so.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2017, 20:18 Uhr

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Otfried Jarren

Professor und Bundesratsberater

Otfried Jarren (63) ist Professor am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Seit Mitte 2013 berät er als Präsident der 15-köpfigen eidgenössischen Medienkommission den Bundesrat und die Verwaltung. (bl)

Mediendebatte im Parlament

Nein zur Expansion und Förderung

Der Nationalrat will die SRG einschränken. Er hat in dieser Session einer parlamentarischen Initiative von SVP-Nationalrat Gregor Rutz zugestimmt. Diese verlangt, dass nicht konzessionierte Tätigkeiten nur bewilligt werden, wenn sie volkswirtschaftlich notwendig sind und private Anbieter in den betroffenen Geschäftsfeldern nicht ebenfalls aktiv sind. Die «expansiven Onlineaktivitäten» der SRG sowie der Zusammenschluss mit Ringier und Swisscom zum Werbevermarkter Admeira seien unverständlich, schreibt Rutz. SVP, Grünliberale und grösstenteils die FDP stimmten dem zu – und bemerkenswerterweise auch eine Minderheit von acht CVP-­Nationalräten. Die CVP stimmt ansonsten häufig im Sinne der SRG.
Eine parlamentarische Initiative von Edith Graf-Litscher lehnte der Nationalrat hingegen ab. Die Thurgauer SP-Nationalrätin wollte die Förderung von Onlinemedien ermöglichen. In mehreren Kantonen existiere keine eigenständige Tageszeitung mehr, sagte sie. Die Medienlandschaft werde zunehmend von Konzernen dominiert. Deshalb solle der Bund eine Förderinstitution einrichten. (bl)

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