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Die Ohnmacht nach dem Cupfinal

Bei ihrem Marsch durch Bern verursachten Fussballfans vor dem Cupfinal einen Sachschaden von 40'000 Franken. Der Fussballverband könne dafür nicht haftbar gemacht werden, sagt ein Sportrechtler.

FCZ-Fans bei ihrem Umzug durch Bern – angeführt von einer Gruppe Vermummter. Foto: Tobias Anliker
FCZ-Fans bei ihrem Umzug durch Bern – angeführt von einer Gruppe Vermummter. Foto: Tobias Anliker

Zwei Bilder bleiben vom Cupfinal 2014 in Bern. Die Szene aus der 98. Minute, als FCZ-Verteidiger Jorge Teixeira den FCB-Stürmer Giovanni Sio am Leibchen zurückhielt und der Basler wegen einer angeblichen Schwalbe vom Platz gestellt wurde. Die zweite Szene, die diesen Ostermontag prägte, fand bereits vor dem Spiel statt. Auf dem in den sozialen Netzwerken häufig geteilten Foto sieht man einen jungen Mann; ausgebreitete Arme, Kapuzenpulli, die Augen von einer Sonnenbrille verdeckt, das restliche Gesicht hinter einer Sturmmaske mit Totenschädelmotiv. Hinter ihm bewegt sich der Mob der FCZ-Fans durch die Stadt, ähnlich uniformiert, ähnlich martialisch, ähnlich bedrohlich.

Die Szene aus dem Stadion ist einen Tag nach dem Cupfinal abgehakt. Kann passieren, Tatsachenentscheid, Pech gehabt. Die zweite Szene hingegen wird die Stadt Bern und den Schweizerischen Fussballverband (SFV) noch länger beschäftigen. Einmal mehr ist es im Rahmen von Fanmärschen vor einem Cup­final zu Ausschreitungen gekommen. Schaufenster gingen zu Bruch, ein Souvenirladen wurde ausgeräumt (und die Ware danach zum Teil wieder zurückgebracht), vor dem Stadion kam es zu einem Einsatz der Polizei mit Wasserwerfern und Gummischrot. «Diverse Zwischenfälle» und einen Sachschaden in der Höhe von 40'000 Franken vermeldet die Berner Polizei.

Das alles trotz Hooligan-Konkordat, trotz scharfen Auflagen bei der Bewilligung, trotz massivem Polizeiaufgebot. «Sollen doch einmal die hinstehen, die schon immer für ein schärferes Hooligan-Konkordat waren. Passiert ist es ja trotzdem», sagt eine hörbar erschöpfte Ornella Pessotto am Tag nach dem Cupfinal am Telefon. Sie ist Fanarbeiterin beim FC Basel und begleitete die Basler Fans zum Stadion. Dieser Fanmarsch verlief ohne grössere Probleme.

Krawalltouristen

Die meisten Sachschäden entstanden beim Zug der Zürcher durch die Berner Innenstadt. Die Verantwortlichen seien aber nicht dem Fanlager des FCZ zuzuordnen, heisst es beim Verein. «Das waren Krawalltouristen, die ohne Eintrittsticket an den Match gereist sind», sagt FCZ-Sprecher Patrick Lienhart. Optisch hätten die Leute in der ersten Reihe nicht zum FCZ gepasst, ergänzt der Sicherheitsverantwortliche Martin Guglielmetti. «Das Gros unserer Fans ist enttäuscht. Die wollten nicht zum Scheibeneinschlagen nach Bern fahren.»

Bereits im Vorfeld des Cupfinals war eine Teilnahme von Krawalltouristen am Fanmarsch befürchtet worden. In Fankreisen wurde auch der Umgang damit thematisiert: Vor einem Einschreiten wurde abgeraten – aus Angst vor Repressalien nach dem Final. Auch Martin Guglielmetti sagt: «Was macht man gegen die Chaoten am 1. Mai? Oder jene an einer Veranstaltung wie dem ‹Tanz dich frei› in Bern? Da ist man ohnmächtig.»

Die Berner Polizei widerspricht dem FCZ: Sie geht davon aus, dass die meisten der 45 Verhafteten dem Zürcher Lager zuzuordnen sind. Sollte das stimmen, dann wäre das «sehr, sehr traurig», sagt Guglielmetti. «Und dann wüsste ich wirklich nicht mehr, was machen.»

Für die Verantwortlichen in Bern spielt es aber letztlich keine Rolle, ob die einzelnen Chaoten nun FCZ-Fans waren oder nicht: Für die beiden Berner Sicherheitsdirektoren Hans-Jürg Käser und Reto Nause ist klar: Das war der letzte Cupfinal in Bern. Und für die beiden ist ebenfalls klar: Der SFV wird auf jene 200'000 Franken zurückgreifen müssen, die er für den Fall eines «nicht ordnungsgemäss» durchgeführten Cupfinals zurückgelegt hat.

Wer haftet?

Ein offizieller Entscheid über die Beteiligung an den Gebühren steht noch aus, ein Kommentar des SFV ebenso. «Der SFV wird im Gegensatz zu anderen Beteiligten zum Final erst dann kommunizieren, wenn er seriös Bilanz ziehen kann», teilte der Verband mit einem Seitenhieb in Richtung Nause und Käser mit. Bereits vor dem Cupfinal war es zwischen den Beteiligten zu Störgeräuschen gekommen.

Streitpunkt war und ist die Frage der Haftung: Schon lange wird darüber debattiert, inwiefern die Veranstalter von Fussball- oder Eishockeyspielen für jene Dinge haftbar gemacht werden können, die ausserhalb des Stadions geschehen. Der Verband wird die 200'000 Franken, die er im Rahmen der Bewilligung zurückgelegt hat, wohl bezahlen müssen. Ein Präjudiz für weitere Ansprüche sei das allerdings nicht, hiess es schon vor dem Final. Rechtlich bewegt sich der Verband damit auf der sicheren Seite: «Für eine solche Haftung gibt es keine Grundlage», sagt der auf Sportrecht ­spezialisierte Zürcher Jurist András ­Gurovits. «Bis heute ist immer noch das Individuum für seine Handlungen verantwortlich.»

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