«Die Party ist nicht für alle»

Wie rot-grüne Regierungen die Schweizer Städte verändert haben: Stadtforscher Christian Schmid über deren Drang, Plätze aufzumöbeln.

Ein Kämpfer gegen die Angst vor leerem Raum: Stadtforscher Christian Schmid. Foto: Dominique Meienberg

Ein Kämpfer gegen die Angst vor leerem Raum: Stadtforscher Christian Schmid. Foto: Dominique Meienberg

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Viele Schweizer Städte sind gegenwärtig daran, den öffentlichen Raum zu möblieren. Woher kommt dieser Impuls, leere öffentliche Räume zu belegen?
Belebte öffentliche Räume sind eine wichtige Qualität unserer Städte. Doch wie lässt sich das erreichen? In unserem Land ist die Haltung verbreitet, wonach der öffentliche Raum schön sein soll, das heisst, er darf nicht leer oder vergammelt sein.

Walter Vetsch, einer der Architekten des Zürcher Sechseläutenplatzes, sagte vor der Abstimmung: «Dass man alles füllen muss, was leer ist, entspricht unserem kleinbürgerlichen Denken.» Hat er recht?
Ja. Es gibt eine weitverbreitete Angst vor der Un­berechenbarkeit in den Städten. Dabei ist es eine der wichtigsten Qualitäten des städtischen Lebens, dass es überraschend und unerwartet ist. Man kann jemandem begegnen, oder es kann plötzlich etwas passieren, das einen vielleicht verändert. Das ist eine grundlegende Qualität des Städtischen.

Die verloren zu gehen droht?
Sie kann Angst machen, weil heute alles planbar und berechenbar sein muss. An einem leeren Ort in einer Stadt könnte etwas passieren, eine Versammlung, eine politische Aktion, eine künstlerische Intervention, ein Zufall, irgendetwas. Das macht vielen Angst, und deshalb möchte man den städtischen Raum und das Leben mit geregelten Abläufen kontrollieren. Es fängt bei der Verkehrsinfrastruktur an. Die kubanische Metropole Havanna ist fast ohne Verkehrssignale und ohne Markierungen auf der Strasse. Es kommt einem vor wie ein Traum, nur schon wegen des Strassenbildes, das für uns völlig ungewohnt ist. In Havanna ist eine Strasse einfach eine Strasse, und auf der kann alles Mögliche passieren.

Es gibt heute aber auch einen kommerziellen Druck auf den öffentlichen Raum. Welche Folgen hat er?
Dieser Druck ist enorm. Er hat unser Verhältnis zum öffentlichen Raum in den letzten dreissig Jahren radikal verändert. In der Stadt Zürich gab es in den Siebzigerjahren kaum Strassencafés und wenig Aufenthaltsqualität auf den Plätzen. In einer umfassenden Studie zur Stadtentwicklung wurde damals vergeblich vorgeschlagen, die Stadt mit Strassen­cafés zu beleben. Dann kam die urbane Revolte der frühen Achtzigerjahre, die eine schlagartige Veränderung brachte. Von da an hielt sich niemand mehr an Verbotsschilder wie zum Beispiel «Rasen betreten verboten». Danach war klar, dass der öffentliche Raum nicht nur für den Verkehr und zum Repräsentieren da ist, sondern auch zum Benützen und zur Begegnung. Die Menschen haben sich den öffentlichen Raum erkämpft. Und als er belebt war, stieg auch dessen kommerzielle Attraktivität markant an – entsprechend wurde er auch für private Unternehmen interessant.

Der Markusplatz in Venedig wird nie bespielt. Ist die Belegung des öffentlichen Raums etwas typisch Schweizerisches?
Die italienische Kultur hat ein anderes Verständnis von Öffentlichkeit. Aber Italien ist die Ausnahme. In vielen europäischen Ländern nehmen private Unternehmen die städtischen Räume in Beschlag oder kreieren halböffentliche Räume durch den Bau von Neubaukomplexen. Wer im Aussenraum vor dem Zürcher Prime Tower ein Video-Interview geben will, wird von der Security weggewiesen, wenn er keine Bewilligung hat.

Wollen die rot-grünen Städte mit der Möblierung des öffentlichen Raums der Privatisierung einen Riegel schieben?
Das kann man so nicht sagen. Es ist ja gar nicht ­nötig, dass die Städte Gegendruck ausüben, sie müssen sich bloss klar positionieren. Sie können darüber entscheiden, ob sie ihre Räume für ­kommerzielle Zwecke zur Verfügung stellen oder Bewilligungen verweigern.

Der dänische Stadtplaner Jan Gehl sagte einmal, eine Stadt müsse wie eine Party sein. Für wen ist denn diese Party?
Die Party ist eben nicht für alle: Viele sozial schwächere und wenig privilegierte Gruppen sind aus unseren Stadtbildern verschwunden. Ein Grund dafür sind die steigenden Bodenpreise. Die sogenannte Gentrifizierung betrifft längst nicht mehr nur Trendquartiere, sie ist zu einem grossflächigen Phänomen geworden. Im Raum Zürich gibt es bereits in den früheren Vororten Dietikon, Schlieren oder Opfikon Aufwertungsmassnahmen und Verdrängungsprozesse. Räume werden aufgewertet, indem sie gepflegt und gepützelt werden. Dabei werden oft auch gezielt Menschen, die nicht ins schöne Bild passen, wie etwa Prostituierte, Alkoholiker, Flüchtlinge, in weniger prominente Räume abgedrängt.

«Man kann mit den besten Absichten viel Unheil anrichten.»

Die Stadtberner Tiefbaudirektorin Ursula Wyss sagt, dass nicht die Aufwertung des öffentlichen Raums zur Gentrifizierung beitrage, sondern die hohen Bodenpreise.
Und warum steigen die Bodenpreise? Unter anderem wegen der gesteigerten Attraktivität der urbanen Räume. Dieser Zusammenhang ist in der Stadtökonomie unbestritten. Und er lässt sich zum Beispiel an der Zürcher Weststrasse in aller Deutlichkeit sehen, wo die Bodenpreise durch die Verkehrsberuhigung förmlich explodiert sind.

Aber die Möblierung von Plätzen richtet sich doch nach der beabsichtigten Nutzung? Sechseläutenplatz und Bundesplatz zum Beispiel sollen kommerziell etwas bringen.
Natürlich. Aber die Nutzung von Plätzen ist nicht immer vorhersehbar. Raum ist nichts Statisches, er präsentiert sich zu jedem Zeitpunkt anders. Die Bedürfnisse der Gesellschaft verändern sich ebenfalls. Mich hat zum Beispiel die Nutzung des neuen Sechseläutenplatzes sehr erstaunt. Jung und Alt haben sich einfach auf den Boden gesetzt. Man hätte gar keine Stühle mehr hinstellen müssen. Das heisst: Man muss hingehen, beobachten und mit den Leuten reden, um herauszufinden, wie sich die Gestaltung des öffentlichen Raums auswirkt. Es gibt durchaus Möblierungen, die zur Belebung beitragen. Man kann aber mit den besten Absichten auch viel Unheil anrichten. Und mit schlechten Absichten vielleicht auch mal etwas Gutes erreichen.

Normalerweise wird die Nutzung von Aussenräumen doch in einem Wettbewerb festgelegt?
Ja, aber jeder Wettbewerb hat ein Programm. Es wird in aller Regel nicht öffentlich diskutiert. Meist weiss man nicht, wer in der Verwaltung das Programm geschrieben hat. Aber oft werden darin die Eckpunkte der Gestaltung bis hin zur Nutzung detailliert festgelegt. Wenn ein Wettbewerbsteam mit neuen Ideen kommt und sich nicht an die Vorgaben hält, kann es von der Jury ausgeschlossen werden. Jurys sind aber nicht einfach neutral. Sie wählen die Projekte aus, welche die Mitglieder der Jury am besten finden. Das Programm und die Jury gelten in Wettbewerben als unantastbar, bestimmen aber sehr viel, meistens ohne dass das diskutiert würde.

Man diskutiert darüber, wenn etwa auf dem Bundesplatz während der Sessionen Demonstrationen verboten werden sollen.
Genau. Es ist ja klar, dass der Bundesplatz der politische Platz par excellence ist. Da wird die Frage der Nutzung zur Frage der Demokratie. Das ist umso wichtiger, weil private Räume in der Regel strengen Restriktionen unterworfen sind. In privatisierten Räumen sind nicht einmal Passanten­interviews möglich. Studierende von uns wollten im Glattzentrum Passanten befragen, wurden von der Security aber weggewiesen. Der öffentliche Raum hat eben sehr wohl mit Demokratie zu tun.

Schweizer Städte werden nicht nur möbliert, sondern auch immer grüner, etwa durch Urban Gardening oder die Umwandlung von Strassen zu Begegnungszonen. Werden unsere Städte zu Dörfern?
Die Begrünungen sind Ausdruck des Bestrebens, eine Art heile Welt zu schaffen, in der alle nett miteinander sind. Dabei gibt es kaum ein Land mit grüneren Städten als die Schweiz. Die Stadt Bern zum Beispiel ist ja umgeben von Grün, da gibt es Landschaft in Hülle und Fülle. Die Menschen wissen gar nicht mehr, wie attraktiv und kleinräumig unsere Städte sind. Es hat etwas Irritierendes, unsere Städte noch netter auszustaffieren.

Was irritiert Sie?
Es ist ja nur ein vermeintliches Paradies, das auf diese Weise geschaffen wird. Innerhalb und ausserhalb dieses Paradieses gibt es vieles, das nicht dazu passt. Aber das will man nicht sehen. Die Schweizer Städte haben sich seit der Auflösung der offenen Drogenszenen in den Achtzigerjahren stark verändert. Die Pazifizierungsstrategien der rot-grünen Stadtregierungen waren sehr erfolgreich – aber sie haben viele Probleme nicht gelöst, sondern nur aus dem sichtbaren Raum verdrängt. Dabei sollte uns das städtische Leben doch auch mit den anderen Seiten unserer Gesellschaft konfrontieren.

Werden unsere Städte zu Museen?
Diese Tendenz ist unübersehbar. Sie hat angefangen mit der Aufpflästerung historischer Innenstädte und der Schaffung von Fussgängerzonen. Es gibt durchaus schöne Fussgängerzonen. Aber bei vielen merkt man, dass etwas nicht stimmt – es sind Kulissen, das Leben ging verloren.

Was könnte man dagegen tun?
Rezepte gibt es keine. Man kommt nur weiter mit einer Haltung, die eine gewisse Offenheit, Neugier und auch Grosszügigkeit einschliesst. Es gibt viele kontrollierte Räume in diesem Land. Zu den wenigen unkontrollierten müssten wir Sorge tragen.

Dem Vorplatz der Berner Reitschule etwa?
Zum Beispiel, ja. Es gibt Räume, die nicht ersetzbar sind, wenn sie verschwinden. Das gilt nicht nur für einzelne Areale wie die Reitschule, sondern auch für ganze Quartiere wie die Berner Länggasse oder die Zürcher Langstrasse.

Die rot-grünen Stadtregierungen sagen, Gentrifizierung bekämpfe man nicht durch einen Verzicht auf Aufwertungsmassnahmen, sondern durch die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus.
Der gemeinnützige Wohnungsbau in der Schweiz ist ein sehr langfristiges Projekt, das Jahrzehnte benötigt, um wirksam zu werden. Den Löwenanteil am Wohnungsmarkt haben nach wie vor die privaten Wohnungen. Und was ist mit all den Menschen, die nicht in eine gemeinnützige Wohnung kommen können oder wollen? Diese Menschen mit einem anderen Lebensstil sind für das städtische Leben sehr wichtig. Es geht nicht nur ums Wohnen, sondern auch ums Arbeiten, auch darum, neue Dinge zu entwickeln. Es geht ums städtische Leben.

Was haben Sie gegen «Wohnen für alle»?
Nichts. Aber «Wohnen für alle» heisst noch lange nicht, dass auch die Stadt für alle da ist. Der Slogan «Recht auf Stadt» bringt das gut zum Ausdruck: Er fordert ein Recht auf städtisches Leben, ein Recht auf Auseinandersetzung, ein Recht, nicht in segregierte Räume abgeschoben zu werden. Es gibt kaum mehr experimentelle Orte in unseren Städten, wo Innovationen entstehen könnten.

Wo findet Stadt künftig noch statt?
In unseren Projekten analysieren wir Städte auf der ganzen Welt – von Tokio bis Lagos. Die Tendenzen zur Kommerzialisierung und Pazifizierung schreiten unglaublich rasch voran. Massenarchitektur verdrängt Freiräume und vernichtet Urbanität. Trotzdem taucht das Städtische in allen möglichen Ritzen der Gesellschaft wieder auf. Es gab immer wieder Bewegungen – von der 68er-Bewegung bis zur Occupy-Bewegung und den Indignados in Spanien, die das Recht auf Stadt einforderten. Das Bedürfnis nach Freiräumen ist urmenschlich. Wollen wir unsere Lebensqualität erhalten, müssen wir es ausleben können. Wenn nicht, kann es zu neuen Eruptionen kommen – wie beispielsweise in den frühen Achtzigerjahren.

Erstellt: 07.07.2018, 12:07 Uhr

Christian Schmid

Geograf, Soziologe, Stadtforscher

Der 60-jährige Zürcher Christian Schmid forscht und lehrt am Departement Architektur der ETH Zürich. Zusammen mit Jacques Herzog, Marcel Meili und anderen lancierte er das Projekt «Redesigning Switzerland», in dem die Autoren statt des Mittellandbreis eine Schärfung unterschiedlicher Räume vorschlagen. Schmid und seine Kollegen vom Architekturfach haben international zahlreiche Städte auf ihre Entwicklung hin untersucht. (bob)

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