«Pferde mit tiefen Verletzungen, die vermutlich Knochen freilegten»

«Geben Sie uns ein Jahr Zeit!» hiess es nach dem Pferdefleisch-Skandal. Nun zeigt sich: Die Schweiz importiert immer noch Fleisch von leidenden Tieren.

«Die Nachfrage aus der Schweiz sorgt erst dafür, dass die Pferde überhaupt geschlachtet werden.» Videoquelle: Tierschutzbund Zürich/Tamedia-Webvideo

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Es war eine Bitte um Verständnis: «Neue Standards im Tierschutz lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen umsetzen», sagte Josef Pittino vom Verband der Pferdefleisch-Importeure (VPI) dieser Zeitung im Mai 2018. Und nannte eine Deadline: «Geben Sie uns ein Jahr Zeit!» Auch dem VPI sei das Tierwohl wichtig. «Quälerei dulden wir nicht.»

Das Jahr ist vorüber. Doch die Zustände in den südamerikanischen Schlachthöfen sind unverändert prekär, unter anderem in den Betrieben Clay und Sarel in Uruguay und Lamar in Argentinien. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls der Tierschutzbund Zürich (TSB). Bei einem Treffen im Zürcher Hauptbahnhof präsentieren Präsident York Ditfurth und Projektleiterin Sabrina Gurtner neues Videomaterial, dazu zwei Reports. «Es hat sich nichts geändert», sagt Gurtner, die vor Ort recherchiert hat. Die Filmaufnahmen stammen von April 2018 bis Februar 2019. Damit reichen sie zwar nicht bis heute, aber weit in den Zeitraum hinein, in dem der Verband Verbesserungen gelobt hatte.

Verletzt und abgemagert

Auch die aktuellen Aufnahmen zeigen lahmende, verletzte, stark abgemagerte Pferde – Tiere also, die leiden, bevor sie geschlachtet werden. Der Tierschutzbund hat die Verstösse schriftlich dokumentiert. Zum Beispiel im Schlachthof Clay: «Zwei Pferde mit grossflächigen tiefen Verletzungen, die vermutlich den Knochen freilegten, waren mindestens einen Monat in der Sammelstelle – ohne Wundversorgung.» Oder zur Sammelstelle in Ibicuy für den Schlachthof Lamar in Argentinien heisst es: Ein Pferd «lag erschöpft am Boden, war extrem abgemagert und übersät mit Wunden und Narben, hatte Durchfall und war sogar zum Fressen zu schwach».

Verbandsmitglieder importieren direkt und beliefern hiesige Restaurants und Metzgereien .

Was sagt Josef Pittino, der Präsident der Pferdefleischimporteure, zu den Vorwürfen? «Wir tolerieren in keiner Weise leidende Tiere in den Schlachtbetrieben», antwortet er auf Anfrage schriftlich. Der VPI wolle den «Prozess zur Verbesserung der Situation» stetig vorantreiben. So sei sichergestellt, dass weiterhin «hochqualitatives» Pferdefleisch in die Schweiz importiert werde.

Pittino betont, der VPI selber führe kein Pferdefleisch ein. Die Verbandsmitglieder würden direkt importieren und hiesige Restaurants und Metzgereien beliefern. Auch sei der VPI gegenüber seinen Mitgliedern nicht weisungsberechtigt. Der Verband hat laut Pittino in den letzten sechs Jahren schwergewichtig daran gearbeitet, externe Kontrollen in den südamerikanischen Schlachthöfen zu organisieren. Diese würden auf einem internen Tierschutzhandbuch basieren. Diese Argumentation lassen die Tierschützer nicht gelten: Der VPI sei sehr wohl für die Qualitätskontrolle bei den Lieferanten seiner Mitglieder verantwortlich, sagt TSB-Präsident Ditfurth.

K.-o.-Kriterien sind umstritten

Das Qualitätshandbuch des VPI soll Schweizer Standards in südamerikanischen Schlachthöfen durchsetzen. In der aktuellsten Version enthält es auch sogenannte K.-o.-Kriterien. Verstösse dagegen führen zur Suspendierung eines Schlachthofes. Dazu zählt, elektrische Treibhilfen und Stöcke zu gebrauchen, Hunde als Treibhilfe einzusetzen, die Pferde auf den Kopf oder die Geschlechtsteile zu schlagen oder ihnen Draht durchs Maul zu ziehen.

Der Tierschutzbund Zürich übt gleichwohl Kritik: «Der VPI hat nur solche Punkte aufgenommen, welche die Schlachthofbetreiber so handhaben können, dass sie bei Kontrollen kurzfristig reagieren können», sagt Ditfurth. Tatsächlich sind im Handbuch keine K.-o.-Kriterien festgehalten, die durch bauliche Massnahmen überprüft werden könnten, etwa ein ausreichender Witterungsschutz.

Zu einer Suspendierung eines Schlachthofes ist es trotz den hier festgehaltenen Zuständen noch nicht gekommen. Foto: Screenshot vom Tierschutzbund Zürich

Der VPI entgegnet, die Betriebe seien bis jetzt zwischen vier- und sechsmal unangemeldet von der unabhängigen Zertifizierungsstelle SGS kontrolliert und zertifiziert worden. Unangemeldet heisst: Die SGS gibt ein dreimonatiges Zeitfenster bekannt, in dem sie den Betrieb einmal besuchen wird. Freilich handelt es sich dabei stets um eine «Momentaufnahme», die nicht sicherstellt, dass sich eine Firma «auch während unserer Abwesenheit fehlerfrei verhält». So steht es in einem Schreiben der SGS an Pittino, das dieser Zeitung vorliegt. Hier haken die Tierschützer ein. Den Schlachthofbetreibern bleibe jeweils genug Zeit dafür, alle sichtbaren, tierschutzrelevanten Probleme zu beseitigen, da es sich schnell herumspreche, wenn Inspekteure im Anmarsch seien.

Zu einer Suspendierung eines Schlachthofes ist es noch nicht gekommen. Verletzen die Betreiber Vorschriften, die kein K.-o.-Kriterium sind, kann dies gleichwohl Folgen haben. Dazu zählt etwa, die Zunge des Pferdes anzubinden oder die Tasthaare zu entfernen. Bei solchen – im Sprech der SGS – «kritischen Abweichungen» müssen die Verantwortlichen den «Mangel» beheben. Wie oft kommt das vor? Pittino antwortet nicht direkt. Er schreibt von «einigen Anpassungen», die nötig geworden seien, als die Pferdeschlachthöfe zertifiziert worden seien. «Nach den ersten Kontrollen waren die Standards gesetzt, dadurch haben die Abweichungen deutlich abgenommen.»

Boykott zielführend?

Der VPI fühlt sich von den Tierschützern zu Unrecht an den Pranger gestellt. «Wir gehen davon aus, dass die Aufnahmen auf Weiden, die nicht zu den Schlachthöfen gehören, gemacht wurden oder älteren Datums sind», schreibt Pittino. TSB-Präsident Ditfurth widerspricht: «Wir können alles sauber belegen.» Ort und Datum würden mit eingeblendeten GPS-Daten und Aufnahmen tagesaktueller Zeitungen bewiesen.

Der VPI ist überzeugt: Die Schlachthöfe zu boykottieren, wie dies die Tierschützer fordern, laufe dem Wohl der Tiere entgegen. Die Pferde, so Pittino, würden weitergeschlachtet, allerdings «mit Sicherheit unter wesentlich schlechteren Bedingungen». Ditfurth entgegnet: «Die Nachfrage aus der Schweiz sorgt erst dafür, dass die Pferde überhaupt geschlachtet werden.» In Südamerika werde kein Fleisch der als Haustiere geltenden Pferde konsumiert. Der Fall hat auch eine politische Dimension. Im August hat sich die Schweiz mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay auf ein Freihandelsabkommen geeinigt, dies im Verbund mit ihren Partnern der Freihandelsassoziation Efta. Sie steht unter Zugzwang, nachdem die EU bereits im Juni einen gemeinsamen Handelspakt mit den Mercosur-Staaten abgeschlossen hat – ein entscheidender Schritt hin zur grössten Freihandelszone der Welt mit fast 800 Millionen Konsumenten.

Doch das Schweizer Parlament muss das Abkommen noch ratifizieren. Ob es dazu kommt, ist fraglich. Denn es gibt Widerstand aus grünen und bäuerlichen Kreisen. «Wir weisen seit vielen Jahren auf fehlende Spielregeln zur Durchsetzung des Tierwohls im internationalen Handel hin», sagt Grüne-Präsidentin Regula Rytz. Die Zustände in den südamerikanischen Schlachthöfen erstaunten sie daher nicht.

«Viele Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten wollen nachhaltig und tiergerecht produziertes Fleisch»Prisca Birrer-Heimo, SP-Nationalrätin

Die Grünen haben bereits beschlossen, das Abkommen abzulehnen und notfalls mit einem Referendum zu bekämpfen, sollte es nicht gelingen, verbindliche Nachhaltigkeitsstandards durchzusetzen. Gemäss einer neuen Tamedia-Umfrage ist auch die Bevölkerung gespalten in dieser Frage: Demnach sagen 48 Prozent Ja oder eher Ja zum Abkommen, 42 Prozent Nein oder eher Nein, der Rest ist unentschlossen.

Entscheidend dürfte unter anderem sein, wie sich der Bauernverband positionieren wird. Präsident Markus Ritter zeigt sich nicht überrascht vom aktuellen Fall. «Wir sind uns der Missstände bewusst und bedauern diese sehr.» Der Bauernverband macht eine Unterstützung des Abkommens abhängig davon, ob es zur nachhaltigen Entwicklung der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft beitragen wird. Er will nun die schriftliche Fassung abwarten und dann entscheiden.

Auf verbindliche Nachhaltigkeitsstandards drängen auch die Konsumentenschützer. «Viele Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten wollen nachhaltig und tiergerecht produziertes Fleisch», sagt Prisca Birrer-Heimo, Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz und SP-Nationalrätin. Dem müsse in den Freihandelsabkommen Rechnung getragen werden.


Erstellt: 04.10.2019, 06:39 Uhr

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Im letzten Jahr gelangten 2583 Tonnen Pferdefleisch in die Schweiz. Dabei handelt es sich um Edelstücke wie Entrecote. Die importierte Menge entspricht deshalb circa 30000 geschlachteten Tieren, wie Experten schätzen. Gegenüber dem Vorjahr sind die Einfuhren um 7 Prozent zurückgegangen. Aus Argentinien stammen 640 Tonnen, aus Uruguay 116 Tonnen, aus Kanada 364 Tonnen. 43 Prozent der Importe stammen also aus diesen drei Ländern. Die Schweizer Bevölkerung verzehrte letztes Jahr insgesamt 445000 Tonnen Fleisch, der Anteil des Pferdefleisches liegt damit bei knapp einem Prozent. (sth)

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