Die Pistole unter dem Hemd ist nicht zu sehen

Joël Wyssen und David Hertach sind als Grenzwächter in Zügen unterwegs. Wen sie kontrollieren – und wo sich die Klischees bestätigen.

Beobachten scharf und werden zugleich kritisch beäugt: Die Grenzwächter David Hertach (links) und Joël Wyssen auf einem Kontrollgang am Bahnhof Spiez. Fotos: Raphael Moser

Beobachten scharf und werden zugleich kritisch beäugt: Die Grenzwächter David Hertach (links) und Joël Wyssen auf einem Kontrollgang am Bahnhof Spiez. Fotos: Raphael Moser

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Donnerstagmorgen, 10 Uhr, Hauptbahnhof Bern. Auf Gleis 6 fährt der IC 8 aus der Ostschweiz ein. Das Perron ist überschaubar, nur wenige Personen warten auf den Zug. Darunter auch Joël Wyssen und David Hertach. Leicht versetzt voneinander stehen sie dort. Wyssen in Hemd, Slim-fit-Jeans, Sneakers und mit umgehängter Freitag-Tasche. Hertach in schwarzer Carhartt-Jacke, Jeans und mit beigem Rucksack. Sie sehen aus wie normale Zugreisende. Sind sie aber nicht.

Joël Wyssens Blick wandert übers Perron. Er mustert jede Person, die den Zug verlässt. Handschellen, Pfefferspray und Pistole, die er unter seinem lockeren Hemd an der Hüfte trägt, sind nicht zu sehen. Der 37-Jährige blickt kurz zu seinem Kollegen, sie scheinen sich einig zu sein: Es gibt erstmals zu tun.«Guten Tag, Schweizer Grenzwache, dürfen wir kurz Ihren Ausweis sehen?» Der angesprochene junge Mann gehorcht und gibt höflich Auskunft: deutscher Staatsbürger, gültige Aufenthaltsbewilligung, Geschäftstermin in Bern. Wyssen checkt das Ganze in der Schweizer Fahndungsdatenbank (Ripol) und im zentralen Migrationsinformationssystem (Zemis) – ganz einfach via App auf dem Smartphone. Alles okay. «Vielen Dank, schönen Tag noch.»

Kurzer Blick muss reichen

Wieso wurde der Mann kontrolliert? «Er stieg aus, blieb stehen und blickte lange umher», sagt David Hertach. Nicht wie ein Auswärtiger, der die Anzeigetafel checkt oder die Rolltreppe sucht, sondern wie jemand, der gezielt die Umgebung scannt. Personen, die sich auf dem Bahnsteig so verhalten, hätten meist etwas zu verbergen, meint der 27-Jährige, «oder sie sind Grenzwächter wie wir», fügt er schmunzelnd an. In diesem Fall traf beides nicht zu.

Die Grenzwächter sind äusserlich von normalen Passagieren nicht zu unterscheiden: David Hertach kontrolliert das Zugabteil. Foto: Raphael Moser

10.06 Uhr: Der IC 8 verlässt pünktlich den Berner Bahnhof. Die beiden Grenzwächter durchschreiten den ersten Waggon. Sie blicken nach links und rechts, mustern die Reisenden und deren Gepäck. Jetzt sind gute Menschenkenntnisse gefragt sowie eine ultraschnelle Auffassungsgabe. Ein kurzer Blick muss genügen, um verdächtige Indizien festzustellen. Es gibt kein vorgegebenes Raster, an das sich die zwei Grenzwächter halten können. «Vieles läuft über das Bauchgefühl», sagt Wyssen. Ein Bauchgefühl, das durch langjährige Erfahrung ein immer verlässlicherer Indikator wird. «Mit der Zeit entwickelt man ein gutes Gespür, wenn jemand etwas zu verbergen hat oder bei einer Befragung lügt», sagt Hertach.

Der Zug fährt den Thunersee entlang. Ab in den nächsten Waggon. Ein offensichtlich ausländischer Reisender mit grossem Koffer besetzt eine ganze Sitzreihe und schläft tief. Seine Beine reichen bis in den Gang, sodass man beinahe darüberstolpert. Die Grenzwächter gehen weiter. «Entweder hat der Mann nichts zu verbergen, oder er ist sehr abgebrüht», sagt Hertach. Hätte der Mann etwa einen Rucksack zwischen den Beinen eingeklemmt gehabt und wie «auf der Lauer» gewirkt, sein Bauchgefühl wäre ein anderes gewesen.

Mit Klischees konfrontiert

Weiter gehts. Eine feuchtfröhliche russische Reisegruppe verbreitet Partystimmung. Die Schnelleinschätzung des Duos Wyssen/Hertach: unverdächtig. Einer allein mit grossem Koffer wäre suspekter gewesen. Näher kontrollieren will Hertach jedoch eine Mutter und ihren volljährigen Sohn, die sich in osteuropäischer Sprache unterhalten. Auch hier alles korrekt: polnische Staatsbürgerschaft, gültige Aufenthaltsbewilligung. Rucksackinhalt: Mineralflasche, Sandwiches, Kleider und Schminke. Der Grund für die Kontrolle: Diebesbanden aus Osteuropa sind äusserst gewieft, da wird auch mal als Tarnung auf Familienidylle gemacht. Hertach hat dies schon mehrfach erlebt.

Illegal einreisende Afrikaner, klauende Osteuropäer – als Grenzwächter wird man mit vielen Klischees konfrontiert. Eine Gruppe, die mit ziemlicher Hartnäckigkeit Vorurteile bestätigt, sind laut den beiden Grenzwächtern georgische Asylsuchende. Diese ersuchen in Bern – im Wissen um ihre Chancenlosigkeit – um Asyl. Die Zeit, bis der negative Asylentscheid gefallen ist, nutzen sie, um auf Diebestouren zu gehen. Besonders beliebt: Alkohol und Rasierklingen aus Supermärkten. Anschliessend verhökern die organisierten Banden das Diebesgut mit netter Gewinnspanne, beispielsweise in Rumänien. «Trägt einer von denen einen SBB-Schliessfachschlüssel auf sich, finden wir dort zu 99 Prozent Diebesgut», so Hertach. Werden die Delinquenten von den Behörden zurückgeschickt, machen sie dasselbe Spiel in Deutschland und Frankreich, ehe sie wieder in der Schweiz landen.

WC ohne Spülung

11.28 Uhr, Bahnhof Visp: Mit dem IC 6 aus Brig gehts zurück nach Bern. Es ist eine beliebte Strecke für Migranten aus dem Süden, die so nach Basel gelangen, danach weiter in den Norden. Sie nutzen den IC durch den Kanton Bern als Transitroute. Doch an diesem Mittag ist es verhältnismässig ruhig. Keine illegalen Einreisenden, keine Drogenschmuggler. Hätten Wyssen und Hertach einen Verdächtigen ohne Ausweis angehalten, so wären sie mit diesem in Spiez ausgestiegen. Am dortigen Bahnhof befindet sich – wie auch in Biel, Olten und Visp – eine kleine Grenzwachtdienststelle inklusive Festhalteraum. Befragung, Leibesvisitation, Fingerabdruckentnahme – dies kann dort alles erledigt werden. Wollte der Verdächtige bei einem Toilettengang Drogen hinunterspülen, er würde auffliegen. Denn die Spülung lässt sich nur von aussen betätigen.

Alkohol und Rasierklingen aus Supermärkten sind beliebtes Diebesgut: Die Grenzwächter durchsuchen eine Reisetasche. Foto: Raphael Moser

Seit mit dem Schengener Abkommen die systematischen Personenkontrollen an der Grenze weggefallen sind, finden vermehrt Kontrollen im Inland statt. «Seither haben wir einen höheren Rechtfertigungsdruck», sagt Wyssen. Die häufigste Frage, die sie bei Kontrollen gestellt kriegen, ist denn auch: «Wir sind doch gar nicht an der Grenze?» Das macht die Arbeit der Grenzwächter nicht immer einfach. Nicht selten werden sie von unbeteiligten Mitreisenden angeschnauzt. Was soll das? Sind Sie berechtigt dazu? Zeigen Sie mal Ihren Ausweis! So tönt das dann. Nicht etwa von jungen Linksaktivisten, sondern von älteren Leuten, wie Grenzwächter Hertach festhält. Kontrollieren sie eine dunkelhäutige Person, schwingt ihnen häufig auch noch die Rassismuskeule entgegen. «Da gibts nur eines», sagt sein Kollege Wyssen, «ruhig bleiben und freundlich auf den gesetzlichen Auftrag hinweisen.»

Schweizer Eigenheit

Diese leichte Aufmüpfigkeit gegenüber hiesigen Behörden ist in den Augen der beiden eine Schweizer Eigenheit. «In den USA würde sich das wohl keiner erlauben», meint Hertach. Selbst bei den Grenzkontrollen der Guardia di Finanza in Italien gehe es viel rauer zu und her. «Da fragst du bei einer Kontrolle kein zweites Mal ‹perché?›.» Staatskritische Zivilcourage sei ja eine gute Sache, meint Hertach, «aber wenn dir ein halbes Zugabteil feindlich gesinnt ist, obwohl du nur deinen Job machst, ist das ziemlich unangenehm.»

Trotz aller Unannehmlichkeiten, die Waffe mussten die zwei Grenzwächter noch nie benutzen. Bei renitenter «Kundschaft», wie es Wyssen nennt, musste er in seinen 17 Jahren beim Grenzschutz ein paar Mal zum Pfefferspray greifen, allerdings nicht in einem Zug. Sein Kollege noch gar nie. Einen Faustschlag, den habe er schon kassiert, so Hertach, der seit vier Jahren dabei ist. Er habe damals auf dem Perron im Bahnhof Bern einen verhaltensauffälligen Mann kontrollieren wollen. «Kurz nachdem ich mich vorgestellt hatte, hatte ich eine Faust in meinem Gesicht.» Es stellte sich heraus: Der Mann war psychisch labil. Statt seiner Medikamente hatte er viele andere Substanzen intus.

Es ist 12.24 Uhr. Die ruhig verlaufene Tour des eingespielten Duos Wyssen/Hertach ist vorbei. Auf dem Weg zum Treffpunkt am Berner Hauptbahnhof checken die beiden nochmals die Umgebung. Sie fädeln sich irgendwann ein in den Passantenstrom. Kurz darauf sind sie in der anonymen Masse nicht mehr auszumachen.

Grenzposten mitten in Bern

Ab Ende 2008 – mit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens – mussten sich Schweizerinnen und Schweizer daran gewöhnen, dass Grenzkontrollen vermehrt im Landesinnern stattfinden. Dabei handelt es sich um nationale Ersatzmassnahmen für den Wegfall der systematischen Personenkontrollen an der Grenze. Bewaffnete Grenzwächter kontrollieren Menschen und Waren, fahnden nach polizeilich gesuchten Personen, kontrollieren, ob Reisende Waren mitführen, die zollpflichtig oder verboten sind, erheben Abgaben und decken Ausweisfälschungen auf. Mit jedem Kanton besteht eine separate Vereinbarung, wie weit die Kompetenzen der Grenzwächter gehen dürfen. Im Kanton Bern sind diese relativ weitreichend. So dürfen die Grenzbeamten auch Fingerabdrücke und DNA-Proben entnehmen, während in Zürich etwa eine angehaltene Person viel früher der Polizei übergeben wird.

Was viele nicht wissen: Auch im Berner Hauptbahnhof gibt es einen Grenzwachtposten. Der Zugang zur Sicherheitszone befindet sich hinter einer unscheinbaren Tür in der Einstellhalle des Postparc. Postenchef ist Martin Rebmann. Den Posten gibt es seit Ende 2008. 30 Mitarbeitende sind hier tätig. Im Untergeschoss befinden sich die Räumlichkeiten für Personenkontrollen. Auch zwei Festhalteräume gehören dazu – karg eingerichtete, weisse Räume, 8,2 Quadratmeter klein, mit dicker Stahltür gesichert. Am Ende der Sitzbank ist ein Stahlring befestigt, um besonders renitente Personen anzuketten. «Meist aus Selbstschutz», wie Rebmann sagt, «weil Festgenommene auch mal mit dem Kopf gegen die Wand rennen.» Das komme jedoch selten vor.

1,5 Kilo Kokain im Magen

In den oberen Etagen sind Büros. Dort bewahrt der Postenchef auch diverse Fundstücke auf, welche seine Leute in all den Jahren aufgespürt haben. Eine unscheinbare Coop-Tasche mit doppeltem Boden, gefälschte Ausweise und Euronoten, falsche Goldbarren. Und er zeigt Fotos, die von dreisten Versuchen des Drogenschmuggels zeugen: 2 Kilo Kokain in einem Tetrapak Milch, 2,4 Kilo Heroin im Seitenfach eines Aktenkoffers, rund 1,5 Kilo in Fingerlinge abgepacktes Kokain im Magen eines Mannes – gut erkennbar auf einem Röntgenbild. Laut Rebmann ist nebst dem Schmuggel die illegale Migration eine der Hauptaufgaben der Eidgenössischen Zollverwaltung, zu der das Grenzwachtkorps gehört. Doch in diesem Jahr sei die Lage «ziemlich ruhig». Ganz anders während der Flüchtlingskrise vor vier Jahren, als er im Tessin aushalf. Pro Zug kamen über 300 Flüchtlinge aus Italien. Bis zu sieben Personen quetschten sich in eine Zugtoilette. «So was geht einem nahe», so Rebmann. (mib)

Erstellt: 16.08.2019, 16:05 Uhr

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