Die Polizei muss näher zu den Jungen hin

Auf Gewalt an Polizisten reagiert die Politik stets mit Repression. Doch damit verschärft sie das Problem bloss.

Noch ist unklar, was der Auslöser für die Angriffe der Unruhen war. Video: Tamedia/Mit Leserreporter-Material. (18.8.2018)

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Es war ein gezielter Angriff. Eine Gruppe junger Männer, zum Teil in FCZ-Fankleidern, attackierte am vergangenen Samstag Polizisten. Diese waren nach einer Messerstecherei mit der Sanität zum Tatort ausgerückt. Weil sich viele Unbeteiligte mit den Angreifern solidarisierten, artete der Vorfall aus. Danach geschah, was oft geschieht, wenn die Gewalt im öffentlichen Raum eskaliert. Die Polizei spricht von einer «neuen Dimension der Gewalt». Politiker fordern Härte gegen die Übeltäter.

Einfache Rhetorik für einfache Lösung. Damit lässt sich Karriere machen. Doch echte Fortschritte für die Allgemeinheit bringt diese Rhetorik nicht. Im Gegenteil: Laut Soziologe Gunter A. Pilz produziert Gewalt Gegengewalt, und Repression bringt die Menschen gegen die Polizei auf. Der 73-Jährige ist Professor an der Universität Hannover und Träger des Bundesverdienstkreuzes.¨

«Es braucht mehr umsichtige Wort des Dialogs.»

Sein Befund rechtfertigt die Gewalt gegen Polizisten in keiner Weise. Wer die Verletzung eines anderen Menschen in Kauf nimmt, begeht eine Straftat, die verfolgt und bestraft werden muss. Dennoch muss man genau untersuchen, weshalb es zur Gewalt gegen Polizisten kommt.

Besetzungen gewaltsam aufgelöst

Das Kriminologische Institut der Uni Zürich untersuchte im Auftrag des Stadtzürcher Sicherheitsdepartements die Ursachen der Gewalt aus Gruppen gegen Polizisten. Im Schlussbericht vom vergangenen Juli stehen Linksextreme und radikale Fussballfans im Fokus. Diese Gruppen sahen sich in den vergangenen Jahren einer verstärkten Repression ausgesetzt.

Anfang 2016 gab es eine Serie von Angriffen auf die Polizei von Linksextremen. In einer Stellungnahme hiess es darauf: «Die Polizei von Richard Wolff (AL) engt ein, pfeffert, schrotet, kontrolliert, verhaftet, verteilt Wegweisungen und versucht, mit ihrer Repression Bewegungen und Widerstand auf der Strasse zu unterdrücken.» In der Tat wurden in den Monaten vor den Angriffen der Linksextremen Besetzungen rigoros geräumt und Demonstrationen gewaltsam aufgelöst. In einem Fall setzte die Polizei selbst gegen eine ältere Frau Pfefferspray ein. Ein langjähriger Polizist und Szenekenner warnte intern, die Härte könne eine Gegenreaktion auslösen. Er behielt recht.

Fussballfans sehen sich seit der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich zunehmender Repression ausgesetzt. Mit dem Hooligan-Konkordat wurde ein Sondergesetz für Fans geschaffen. Seit 2014 ist eine verschärfte Form davon in Zürich in Kraft. Den Fans werden Vorschriften gemacht, wie sie an Spiele reisen und was sie im Stadion trinken dürfen. An den Bahnhöfen empfangen sie Polizisten in Vollmontur.

Bilder: Zürich: Polizei und Sanität angegriffen

Sowohl bei Linksextremen als auch bei Fans wird der Hass auf die Polizei kultiviert. «Ganz Zürich hasst die Polizei», skandieren Demonstranten. «ACAB», tätowieren sich Fans. Die Buchstabenkombination steht für «All cops are bastards».

In dieses Muster passt, dass die Angreifer vom vergangenen Samstag teilweise Fankleider eines Fussballclubs trugen. Doch die Gewalt gegen Polizisten nur auf diese Szenen zu begrenzen, wäre zu einfach. Nur wenige Stunden nach dem Vorfall an der Seepromenade wurde ein Polizist bei einer Verhaftung spitalreif geschlagen. Wenige Monate davor wurden Polizisten in zwei Fällen angegriffen, als sie an der Seepromenade Leute kontrollieren oder verhaften wollten. In keinem dieser Fälle gab es Verbindungen zu Fans oder Linksextremen.

Diese Subkulturen prägen aber grosse Teile der Jugendlichen und jungen Männer in Zürich zwischen 15 und 25 Jahren. Bei ihnen schliesst die Polizei in einer von ihr in Auftrag gegebenen Umfrage in Bezug auf das Vertrauen in Polizisten am schlechtesten ab. Sie geben an, die Polizei sei unfreundlich und arrogant, ihr Verhalten unverhältnismässig und übertrieben. Viele fühlen sich unter einen Generalverdacht gestellt. Gemäss der Umfrage trägt auch der Verdacht des Racial Profiling zum schlechten Image bei. Die Warnung, Polizisten würden Dunkelhäutige aufgrund ihrer Hautfarbe verstärkt kontrollieren, steht gar im beliebten Reiseführer «Lonely Planet» geschrieben.

Auch wenn die Stadtpolizei gemäss der Umfrage grundsätzlich gut abschneidet, verspüren viele junge Männer einen Hass auf sie. Diese Entwicklung ist gefährlich. Statt bloss der harten Hand des Gesetzes braucht es mehr umsichtige Worte des Dialogs. Ausserdem sollte die Polizei dafür sorgen, dass sich junge Stadtbewohner wieder besser mit ihr identifizieren können. Etwa durch eine bessere Durchmischung des Korps. Als Richard Wolff die Polizei übernahm, wollte er mehr Frauen, Städter und Menschen mit einem Migrationshintergrund. Die Anteile im Korps hat er in seiner Amtszeit zu wenig gesteigert, doch das braucht Zeit. Seine Nachfolgerin Karin Rykart (Grüne) tut gut daran, dies weiterzuverfolgen, statt nun aufgrund der jüngsten Gewaltereignisse die Schraube der Repression weiter anzuziehen.

Erstellt: 24.08.2018, 22:11 Uhr

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