Der unsichtbare Post-Chef

Roberto Cirillo soll den gelben Riesen wieder auf Kurs bringen. Bislang hat man wenig von ihm gehört – doch heute kommt der grosse Auftritt.

Der frische Wind an der Konzernspitze lässt auf sich warten: Post-Chef Roberto Cirillo. Foto: Keystone

Der frische Wind an der Konzernspitze lässt auf sich warten: Post-Chef Roberto Cirillo. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Heute Donnerstag, fast ein halbes Jahr nach seinem offiziellen Amtsantritt, meldet sich Roberto Cirillo zurück. ­Endlich! Im neuen Paketzentrum Cadenazzo TI zieht der 48-Jährige Bilanz über seine ersten 100 Tage. Vor allem aber will Cirillo darlegen, wohin die Reise des angeschlagenen Staatsbetriebs unter seiner Führung gehen soll.

Kunden, Politikerinnen und Gewerkschafter werden gut hinhören, was der neue Postchef zu sagen hat. Viele von ihnen hätten sich gewünscht, dass der oberste Pöstler viel früher eine klare ­Ansage gemacht hätte. Denn seit dem Bekanntwerden des Postauto-Skandals ­Anfang 2018 hat der urschweizerische Betrieb ein Imageproblem. Die Post, die wie kaum ein anderer Betrieb für Zuverlässigkeit und Bodenständigkeit steht, wankt, sucht seit Monaten nach Halt. Wohin die Reise gehen soll, weiss bis heute niemand so genau. Die 41'200 Angestellten warten. Cirillo hat sich bisher in der Öffentlichkeit diskret und unauffällig verhalten. Eine Vorwärtsstrategie war nicht zu erkennen.

«Das Postauto war mein Tor zur Welt»: Roberto Cirillo erinnert sich an seine eigene Kindheit im Tessin. Foto: Keystone

Die Zurückhaltung des Postchefs ist auch Edith Graf-Litscher aufgefallen. Sie ist Präsidentin der für die Post zuständigen Fernmeldekommission des Nationalrats. Sie habe erst einmal Kontakt mit Cirillo gehabt, und zwar im Mai, sagt die Thurgauer SP-Nationalrätin. Es sei ihr deshalb noch nicht gelungen, den neuen Postchef so richtig zu fassen. «Andere Staatsbetriebe pflegen einen regelmässigeren Austausch mit der Kommission und dem Präsidium», so Graf-Litscher.

Als «verhalten positiv» beurteilen die Sozialpartner die Zusammenarbeit mit Cirillo. Es stehen Gespräche für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag an. Zwar sei ein frischer Wind spürbar, sagt ­Matteo Antonini von der Gewerkschaft Syndicom. «Ob es der neue Chef mit dem Kulturwandel aber ernst meint, und ob er sich damit auch auf Betriebs­ebene durchsetzt, wird sich bei den kommenden Verhandlungen zeigen.»

Der Standort Tessin ist ein Signal für die Randregionen

In Cadenazzo gehts an diesem Tag vor allem um eines: den grossen Effekt. Der Ort des Auftritts ist bewusst gewählt. Cirillo ist im Tessin aufgewachsen. Rückblickend passen seine Kindheitserinnerungen an den gelben Riesen gut in die Öffentlichkeitsarbeit. Schon als Bub im Südtessiner Dorf Novazzano habe er die Wichtigkeit von Service public erfahren, sagte Cirillo Anfang April, als er sich am Hauptsitz in Bern den ­Medien vorstellte: «Das Postauto war mein Tor zur Welt.»

Auch wenn der Entscheid zum Bau des Paketzentrums Cadenazzo vor der Ära Cirillo gefallen ist – mit dem Besuch im Tessin signalisiert der Postchef: Das Unternehmen lässt die Randregionen nicht im Stich. Die neue Anlage wird die bisherige Distribution ersetzen. Pakete für das Tessin bleiben im Tessin, statt nach Härkingen und zurück transportiert zu werden. Das verringert die Zeiten, und ein Teil der Logistik geht in die Region. Die Sortierkapazität ist auf 8000 Pakete pro Stunde ausgelegt.

 Im Ständerat politisieren etliche Vertreter von Kantonalbanken. Sie haben kein ­Interesse an zusätzlichen Konkurrenten auf dem Markt für Hypotheken.

Das Bekenntnis zum Föderalismus ist schön. Und passt zum staatstragenden Unternehmen. Doch der Neue muss Wichtigeres in Angriff nehmen: Der Postauto-Skandal hatte ein Schlaglicht auf einige drängende Probleme des Konzerns geworfen. Veränderung braucht es etwa bei Postfinance. Welche Rolle die Bank in der «Gesamtschau Post» aber spielen wird, ist eine politische ­Frage. Eine Teilprivatisierung von Postfinance und eine gleichzeitige Kapitalerhöhung wird von vielen Seiten gefordert. Damit die Bank neue Ertragsquellen erschliessen kann, will der Bundesrat das Verbot für Kredite und Hypotheken aufheben. Im Gegenzug soll das Kapital von Postfinance geöffnet werden. Das letzte Wort hat aber der ­Gesetzgeber.

Sollte das Parlament nach den Wahlen im Herbst nach links rücken, wäre die Debatte um einen Teilverkauf von Postfinance noch aussichtsloser. Im ­Nationalrat sässen mehr links-grüne Politiker, die tendenziell nichts von einer Privatisierung wissen wollen. Im Ständerat politisieren etliche Vertreter von Kantonalbanken. Sie haben kein ­Interesse an zusätzlichen Konkurrenten auf dem Markt für Hypotheken.

Lieferdrohnen abgestürzt, Tests mit Robotern abgebrochen

Die volle Aufmerksamkeit des neuen Chefs benötigt auch das Poststellennetz. Dieser Geschäftsbereich konnte seinen Verlust zwar verringern, schreibt aber weiterhin rote Zahlen. Um das defizitäre Filialnetz rentabler zu machen, will die Post bis zum kommenden Jahr die Zahl der Postbüros von 1400 auf etwa 800 senken. Das sorgt für Unmut in der Bevölkerung.

Eine andere Baustelle ist die Briefpost. Die abnehmende Menge im Kerngeschäft führt zu sinkenden Umsätzen. E-Mail und digitale Dokumente verdrängen das Papier immer mehr.

Und wie die Post ihr Geschäfts­modell fit für das Zeitalter der Digitalisierung machen will, lässt viele Fragen offen. Erste Pilotprojekte für neuartige Dienstleistungen erlitten Rückschläge. Dazu gehören die Tests mit selbstfahrenden Lieferrobotern im öffentlichen Raum, die das Unternehmen abgebrochen hat. Bis auf weiteres ausgesetzt sind Testflüge mit Lieferdrohnen, da zwei Mini-Helikopter abstürzten. Fallen gelassen hat die Post auch ein eigenes System für die elektronische Stimmabgabe.

Im Kanton seiner Kindheit hat es ­Roberto Cirillo in der Hand, mit seinen Plänen einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und so dem Konzern ein Ziel vorzugeben. Denn ein Reiseplan ohne Ziel ist wertlos.

Erstellt: 22.08.2019, 06:46 Uhr

Die wichtigsten Stationen im Postauto-Skandal

6. Februar 2018
Das Bundesamt für Verkehr (BAV) macht gesetzeswidrige Buchungstricks publik. Ab 2007 hatte die Postauto AG Gewinne im regionalen Personenverkehr systematisch und illegal umgebucht. Dadurch hatte sich die AG Subventionen von rund 100 Millionen Franken erschlichen. Postauto-Chef Daniel Landolt und der Leiter Finanzen müssen abtreten. Post-Konzernleiterin Susanne Ruoff schliesst einen Rücktritt ein paar Tage später aber aus.

27. Februar 2018
Der Bundesrat beauftragt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) mit einem Verwaltungs­strafverfahren. Zuvor hatte das BAV eine Strafanzeige eingereicht. Drei Experten sollen die Unabhängigkeit der ­externen Untersuchung gewährleisten.

10. Juni 2018
Postchefin Ruoff tritt zurück. Es gebe
zwar keine Beweise, dass sie von den Tricksereien gewusst habe, heisst es
in einer Mitteilung. Sie übernehme aber «selbstverständlich die Gesamt­verantwortung».

11. Juni 2018
Die Post präsentiert die Ergebnisse der Expertengutachten. Der Hauptgrund für das Scheitern, auch jenes der Kontroll-
instanzen: kollektives, menschliches Versagen. Bundesrätin Doris Leuthard spricht von «unentschuldbaren Machenschaften». Die acht verbliebenen Mit­glieder der Postauto-Geschäftsleitung werden freigestellt.

21. September 2018
Die Postauto Schweiz AG zahlt rund
205 Millionen Franken an Bund, Kantone und Gemeinden zurück. Zu einer Zahlung von 188 Millionen wird Postauto verpflichtet, weitere 17 Millionen zahlt das Unternehmen freiwillig. Damit ist der Skandal finanziell erledigt. (cix/sda)

Artikel zum Thema

Ein gewohntes Bild verschwindet: Die Post verkauft keine Lose mehr

Wer Lotto spielen will, muss anderswo hin. Sind durch das schwindende Angebot in den Poststellen auch Jobs gefährdet? Mehr...

Post hält am Drohnenprogramm fest

Eine Postdrohne stürzte in unmittelbarer Nähe von spielenden Kindern ab. Der gelbe Riese macht weiter, hat aber Sofortmassnahmen beschlossen. Mehr...

So viel verdienen die Chefs von SBB, Post, Ruag und SRG

Ein Viertel der Chefs der bundesnahen Betriebe hat im letzten Jahr eine Lohnerhöhung erhalten. Topverdiener ist Andreas Meyer. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...