FDP – die PR-Partei

Keine Partei wirkt im Moment erfolgreicher als die Liberalen. Hinter der Wahrnehmung steckt auch viel geschicktes Marketing.

Bitte lächeln – und möglichst wenig sagen. Ignazio Cassis, Isabelle Moret und Pierre Maudet an der FDP-Roadshow in Basel. Foto: Christian Flierl

Bitte lächeln – und möglichst wenig sagen. Ignazio Cassis, Isabelle Moret und Pierre Maudet an der FDP-Roadshow in Basel. Foto: Christian Flierl

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Abend unter Freunden, in der Familie. Gereicht wird Tessiner Weisswein, Wasser mit und ohne. Das Publikum ist so alt, wie es an solchen Anlässen immer ist, das Ambiente «gediegen-elegant». Es gibt kaum einen Ort in Basel, der so freisinnig wirkt wie der Merian-Saal im gleichnamigen Hotel gleich bei der Mittleren Brücke. Kronleuchter, Vorhänge, Stuckatur, FDP.

Baschi Dürr, im Hauptberuf Regierungsrat der FDP in Basel-Stadt, gibt sich ernsthaft Mühe, sein Gespräch mit den drei Bundesratskandidaten der FDP aus dem gemütlichen Ambiente zu zerren. Dürr war in einem früheren Leben einmal Mitarbeiter der NZZ, und auch wenn er jetzt als Moderator der FDP-«Roadshow» sämtliche journalistischen Register zieht: Er bleibt chancenlos. Seine Fragen prallen an Isabelle Moret, Pierre Maudet und Ignazio Cassis ab. Dürr fragt nach Inhalten, die Kandidaten antworten mit Floskeln. Werte, Prosperität, rote Linien, Konsens, Kompromiss – eidgenössisches Bullshit-Bingo.

Plötzlich erfolgreich

Die Roadshow passt recht gut zur FDP im Jahr 2017: Man feiert sich selbst und redet dabei möglichst nicht über Inhalte. Seit den nationalen Wahlen vor zwei Jahren ist der Freisinn wieder erfolgreich, auch in vielen Kantonen gewinnt die Partei wieder Sitze und Wähleranteile. Ihre Rolle als führende Kraft im bürgerlichen Lager, die sie an die SVP verloren hat, wird die FDP wahrscheinlich nicht zurückerlangen. Doch damit hat sie sich abgefunden. Und angesichts der jahrzehntelangen Niederlagenserie sind die jüngsten Erfolge ja auch bemerkenswert.

Hinter den 
Plattitüden
versteckt sich oft
Ideenlosigkeit.

Worauf sich der Erfolg genau stützt, können allerdings auch viele Freisinnige nicht wirklich sagen. Sicher sind die früheren Flügelkämpfe viel seltener geworden, die Auftritte gegen aussen einheitlicher. Und offensichtlich funktioniert auch die schmerzfreie Selbstvermarktung. Seit einigen Jahren schon unterschreibt die Partei die letzten Sätze ihrer Medienmitteilungen mit dem Slogan «aus Liebe zur Schweiz», den der Werber Hermann Strittmatter für die Wahlen 2011 erfunden hatte. Viele lachten damals darüber. Der Spruch erinnere ihn an einen Werbeprospekt für Kühlschränke, sagte der frühere Solothurner FDP-Regierungsrat Christian Wanner.

In der FDP hielt man am Slogan fest – und verwendete ihn konsequent in Interviews, Reden und Parlamentsvoten. Dass damit immer mehr FDP-Vertreter wie beschädigte Sprechautomaten klangen, nahmen sie in Kauf. Vor den Wahlen 2015 entwarf die FDP dann unter Präsident Philipp Müller einen neuen Claim: «Freiheit, Gemeinsinn, Fortschritt». Seither enden Verlautbarungen aus der Parteizentrale zuverlässig mit der Kombination «Freiheit, Fortschritt, Gemeinsinn – aus Liebe zur Schweiz».

Hinter den Allgemeinplätzen versteckt sich oft politische Ideenlosigkeit. Man kann das in der Europafrage sehen. Einige Monate vor den letzten Wahlen liess das Generalsekretariat die FDP-Delegierten eine Resolution mit dem Titel «Erneuerung des bilateralen Wegs» verabschieden. Ziel: Die FDP als «einzige Partei» zu verkaufen, die die Bilateralen immer zweifelsfrei unterstützt habe. Was dieses Bekenntnis konkret heisst, sieht man aber bei den Bundesratskandidaten gerade recht gut: wenig bis nichts.

Zur Weiterentwicklung der Bilateralen und zur entscheidenden Frage, welche Zugeständnisse die Schweiz für einen ausgebauten Zugang zum EU-Binnenmarkt machen muss, haben die Bewerber kaum Substanzielles zu sagen. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass einer von ihnen wahrscheinlich das Aussendepartement übernehmen wird. Einzige Ausnahme: Pierre Maudet. Der Genfer hat zumindest Vorschläge gemacht, wie er den Streit über die EU-Rechtsübernahme lösen würde. Doch gerade die Tatsache, dass sich Maudet immer wieder proeuropäisch geäussert hat, macht manche in der Partei nervös. Was die Haltung der FDP zu Europa betrifft, gilt immer noch: Bitte schön vage bleiben.

Intellektueller Leerlauf

Auch in anderen Bereichen hört man von den freisinnigen Kandidaten ausser Plattitüden («Die Digitalisierung ist eine grosse Herausforderung») wenig. In der FDP hat man damit kaum ein Problem – doch von aussen wird es wahrgenommen. «Die Partei ist programmatisch unscharf geworden», kritisierte der frühere Inlandchef der NZZ kürzlich in der «Weltwoche». Der «intellektuelle Leerlauf» der FDP führe dazu, dass man nicht mehr wisse, was für einen Bundesrat der Freisinn überhaupt suche: einen «Etatisten» oder einen «marktwirtschaftlichen Überzeugungstäter»?

Passend dazu auch die Szene aus dem aktuellen Porträt über Parteipräsidentin Petra Gössi in der Schweizer Ausgabe der «Zeit». Nachdem Gössi mehrere Male den freisinnigen Kernwunsch nach «weniger Staat» vorgebracht hatte, fragte die Journalistin, wo denn die Partei konkret weniger Staat verlange. Gössi fiel kein Beispiel ein. «Ich liefere das nach.»

Gibt es eine Diskrepanz zwischen Form und Inhalt in der Partei? Weiss die Partei eigentlich, warum sie so erfolgreich ist? Samuel Lanz, der Generalsekretär der FDP, lehnt sich in Basel vor dem Merian-Saal auf einen Tisch mit einem weissen Tischtuch. «Fragen Sie das die SP und SVP auch?», sagt Lanz. Und dann: «Wir machen Politik für die Freiheit. Und wir vermarkten das konsequent.» Der Freisinn sei eine Bewegung geworden. Der Kulminationspunkt für alle, die eine freiheitlich-liberale Schweiz möchten.

Der Mann dahinter

Die Präsidentin helfe sehr, diesen Bewegungscharakter noch besser zur Geltung zu bringen, sagt Lanz. Sie gehe offen mit Themen um, unverkrampft, habe eine natürliche Nähe zu den Menschen.

Dass Petra Gössi, trotz ihrer inhaltlichen Schwächen, in der Öffentlichkeit so gut ankommt, hat viel mit Samuel Lanz zu tun. Der Basler, nur 300 Meter vom Hotel Merian in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, ist eine der meistunterschätzten Figuren in der Schweizer Politik. Wenn Gerhard Pfister, der Präsident der CVP, seine Partei mit neuen Strukturen professionalisieren will, dann denkt er an die Arbeit, die Lanz für die FDP geleistet hat. Und SP-Präsident Christian Levrat hat einmal über ihn gesagt, dass der Generalsekretär die Fäden in der FDP in der Hand halte. Dass er die grossen Linien ziehe, die Strategie entwerfe.

Doch auch der Generalsekretär kann nur mit dem Personal arbeiten, das die Partei bietet. Er druckst herum, wenn es um die Diskrepanz zwischen Inhalt und Marketing geht, bleibt ungewohnt vage. Lanz war es, der die Roadshow organisiert hat. Die FDP hat das bei der Wahl von Didier Burkhalter auch schon gemacht, die Resonanz sei überwältigend gewesen. «Wir machen Politik fürs Volk, hier sieht man es.» Und darauf kommt es an. Auf das Ambiente. Auf die Wirkung.

Erstellt: 25.08.2017, 20:16 Uhr

Artikel zum Thema

Die FDP und ihr Frauenproblem

Kommentar Die FDP-Frauen sahen zu, wie die Männer Partei und Posten über­nahmen. Mehr...

Cassis gibt italienischen Pass zurück

Zwei der drei FDP-Bundesratskandidaten hatten bis vor kurzem die doppelte Staatsbürgerschaft. Nun verzichtet Cassis auf seinen italienischen Pass, Maudet ist noch Franzose. Mehr...

Alternatives Rezept gegen die Wohnungsnot

Zürcher sollen in leerstehenden Büroräumen wohnen – ganz legal, dank einem Trick aus der Gastronomie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Sweet Home Breiten Sie sich ungeniert aus

Mamablog Was Neu-Eltern nie mehr hören wollen

Paid Post

Die Schweiz zum halben Preis entdecken

Exklusiv und nur für kurze Zeit: Mobility-Testabo für 43 Franken inkl. gratis Hotelcard!

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...