Das Mühleberg-Aus ist der längst überfällige Startschuss

Mit der Abschaltung des Atomkraftwerks sind wir auf gutem Weg – doch die Energie- und Klimawende kommt deutlich zu langsam voran.

Historischer Knopfdruck: Projektleiter Stefan Klute ist verantwortlich für den Rückbau, neben ihm sitzen AKW-Leiter Martin Saxer und die BKW-Chefin Suzanne Thoma. Foto: Keystone

Historischer Knopfdruck: Projektleiter Stefan Klute ist verantwortlich für den Rückbau, neben ihm sitzen AKW-Leiter Martin Saxer und die BKW-Chefin Suzanne Thoma. Foto: Keystone

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Am Freitagmittag stellt Mühleberg seinen Betrieb nach 47 Jahren ein, für immer. Mit der Abschaltung startet nicht nur die lange Phase des Rückbaus. Das Ende markiert auch den Anfang einer neuen Ära in der Schweizer Energiepolitik: Gut zwei Jahre nachdem das Stimmvolk die Energiestrategie 2050 gutgeheissen hat, wird der Ausstieg aus der Kernenergie konkret.

Die Bevölkerung hat einem Plan zugestimmt, der die Kernenergie vor allem durch den Ausbau erneuerbarer Energiequellen ersetzen soll und der eine effiziente Energieversorgung anstrebt. Das sind die Pfeiler der Energiestrategie. Die Zwischenbilanz: Wir sind auf gutem Weg, aber es geht deutlich zu langsam.

Die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen ist zwar gestiegen, wird aber das Ziel für 2050 kaum erreichen. Die Windkraft wird weiter unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil die Opposition gegen sie in der Schweiz nicht verschwinden wird. Gering ist auch die Zuversicht, dereinst Strom durch Wärme aus dem Untergrund zu produzieren, also mit Geothermie. Hoffnungsträger sind deshalb die Wasserkraft und vor allem die Sonnenenergie, deren grosses Potenzial in der Schweiz noch weitgehend brachliegt.

Widersprüch­liche Interessen bremsen den Fortschritt

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Energieeffizienz. Sie hat sich zwar verbessert, doch hat das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft den Bonus durch den technologischen Fortschritt bereits wieder aufgebraucht. Geschicktes Energiemanagement und sparsamer Stromkonsum werden aber entscheidend sein, wenn auch die restlichen vier Kernkraftwerke vom Netz sein werden.

Wann dies der Fall sein wird, hat das Stimmvolk nicht fest­legen wollen. Mittelfristig wird aber wohl ein Drittel der Schweizer Stromproduktion wegfallen und zu ersetzen sein. Das lässt sich nicht kurzfristig erreichen. Vielmehr brauchtes langfristige Planung und politisches Durchsetzungs­vermögen – ohne fixe Abschalt­termine ist das zwar schwie­riger, aber nicht unmöglich. Politik und Gesellschaft müssen im nächsten Jahrzehnt ihre Anstrengungen von Jahr zu Jahr deutlich steigern. Alles andere wäre verantwortungslos.

Der Weg zur Energie- und Klimawende ist nicht frei von Widersprüchen.

Das gilt umso mehr, als die Elektrifizierung der Schweiz weiter fortschreiten wird: Unser Land muss bis 2050 von fossilen Treib- und Brenn­stoffen wegkommen, anders können wir das Klimaziel von Paris nicht erfüllen. Der Bund geht davon aus, dass bis Mitte des Jahrhunderts zum Beispiel die Elektrofahrzeuge je nach Szenario fast dreimal die Menge des Stromes verbrauchen, den Mühleberg pro Jahr produziert hat.

Der Weg zur Energie- und Klimawende – und das ist bedeutend – ist nicht frei von Widersprüchen. So etwa muss die Schweiz nach der Abschaltung von Mühleberg möglicherweise für eine gewisse Zeit mit mehr Import von klimaschädlichem Kohlestrom rechnen.

Der Weg ist auch nicht gerad­linig. Viele, teils widersprüch­liche Interessen bremsen oder blockieren den Fortschritt: Umweltschützer, die sich gegen höhere Staudämme wehren. Anwohner, die den Ausbau des Stromnetzes bekämpfen. Politiker, die partout gegen Subventionen für erneuerbare Energien sind.

Jetzt muss in erneuerbare Energie investiert werden

Falsch wäre es nun aber, die Energiestrategie deswegen bereits als gescheitert zu erklären. Dass bürgerliche Politiker just dies tun, sagt mehr über sie aus als über die Substanz ihrer Kritik: Sie bleiben Gegner der Energiestrategie, getrieben im Kampf um die Wahrung der alten Energieordnung. Doch diese Ordnung wankt längst.

Die Energiestrategie ist ein Generationenprojekt. Und das ist richtig so – in einem politischen System, das keine revolutionären Reformen zulässt. Die Schweizer Bevölkerung lässt sich für die Transformation gewinnen, aber nur mit einem gestaffelten Vorgehen und kompromissfähigen Lösungen, ohne ideologisch aufgeladene Kampagnen. Langfristige, stabile Rahmenbedingungen sind auch für Investoren von grosser Bedeutung.

Solange die Energiewende nicht sichtbar ist, wird sich die Entwicklung nicht beschleunigen.

Selbst die Gegner der Energiestrategie müssen anerkennen: Jahr für Jahr fliessen Milliarden Franken in den Import von Erdöl und Erdgas – Geld, von dem besser die einheimische Wirtschaft und das Gewerbe profitieren würden, sei es für die Entwicklung neuer Technologie, sei es für den Bau von Solaranlagen und Wärmepumpen. Dazu passend: Die Bevölkerung bevorzugt Schweizer Produkte, wenn es um Investitionen in noch wenig bekannte Innovationen geht; das zeigt eine Nationalfonds-Studie.

Hoffnungsträger ist neben der Wasserkraft die Sonnenenergie: Solarzellen auf einem Stausee bei Bourg-Saint-Pierre im Wallis. Foto: Keystone

All diese Argumente sind nicht neu. Doch solange die Energiewende nicht sichtbar ist, wird sich die Entwicklung nicht beschleunigen. Es liegt nun an nationalen und lokalen Energieversorgern, der öffentlichen Hand, an Schweizer Unternehmen, Banken, Pensionskassen und Genossenschaften, verstärkt in erneuerbare Energie zu investieren. Je mehr lokale und regionale Projekte es gibt, desto schneller werden sich erneuerbare Energiequellen in der Schweiz ausbreiten.

Die Abschaltung von Mühleberg ist der – längst überfällige – Startschuss dazu.

Erstellt: 20.12.2019, 13:40 Uhr

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