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«Die schwarzen Schafe sind die Ausnahme»

Der Dolmetschermangel stellt die Unabhängigkeit der Asylverfahren auf die Probe. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

thu
Probleme gibt es, wenn Dolmetschende sowohl für das BFM als auch die Rechtsberatung arbeiten: Ein Asylsuchender telefoniert auf einer Treppe im neuen Asylzentrum in Schafhausen BE. (31. Oktober 2014)
Probleme gibt es, wenn Dolmetschende sowohl für das BFM als auch die Rechtsberatung arbeiten: Ein Asylsuchender telefoniert auf einer Treppe im neuen Asylzentrum in Schafhausen BE. (31. Oktober 2014)
Peter Schneider, Keystone

Wenn die Zahl der Asylgesuche in der Schweiz zunimmt, hat Barbara Ackermann alle Hände voll zu tun. Als Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks Schaffhausen (SAH SH) vermittelt sie Dolmetschende an verschiedene Behörden. So organisiert sie beispielsweise für das Asyltestzentrum des Bundes in Zürich Telefondolmetscher.

Wie beim Bundesamt für Migration (BFM) gebe es auch für die Vermittlungsstellen immer wieder personelle Engpässe, sagt Ackermann auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Es daure halt, bis Dolmetschende ausgebildet seien. So hat das SAH SH bei der Koordination mit den Bundesbehörden teilweise mit Problemen zu kämpfen: «Während das BFM den Takt vorgibt, müssen sich unsere Dolmetscher danach richten», sagt Ackermann. Die Terminfindung gestalte sich deswegen schwierig.

Rollenkonflikte kommen vor

Auch dürfe nicht vergessen gehen, dass bei der Suche nach Dolmetschenden stark auf die Wünsche der Asylsuchenden eingegangen werden müsse, gibt Ackermann zu bedenken. «Denn es ist klar: Wenn kein Vertrauen da ist, können unsere Leute nicht gut arbeiten.»

Probleme gibt es etwa, wenn Dolmetschende für beide Seiten arbeiten. Also einerseits bei der Anhörung durch die Behörden und – nach dem abschlägigen Bescheid – für die Stelle, die bei einer allfälligen Beschwerde behilflich ist. Allerdings sind diese Doppelmandate laut Ackermann derzeit Einzelfälle.

Problem der Rekrutierung

Im beschleunigten Testverfahren habe man sich darauf geeinigt, dass solche Doppelbesetzungen nicht vorkommen dürften. Das sei zwar gut, beschränke aber die personellen Möglichkeiten ihrer Vermittlungsstelle, gibt Ackermann zu bedenken. Für sie ist klar: «Wird das System schweizweit ausgebaut, kann das so nicht mehr gelten.»

Trotzdem müsse künftig zwingend sichergestellt werden, dass im einzelnen Fall nicht ein und derselbe Dolmetschende für das BFM und die Rechtsberatung tätig sei, findet Ackermann. Generell gebe es Probleme mit Doppelmandaten nur dann, wenn weder das SAH SH noch die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) für das Testverfahren einen Dolmetschenden in der gewünschten Sprache fänden.

Auch die SFH schliesst Doppelrollen nicht aus, wie Sprecher Harry Sivec auf Anfrage sagt. Die Möglichkeit eines Missbrauchs sei vielfältig. Alle Beteiligten seien sich aber der Problematik bewusst und versuchten diese zu vermeiden. Das BFM spricht auf Anfrage Klartext: «Dolmetschende des BFM dürfen grundsätzlich keinen Tätigkeiten nachgehen, die mit ihrer Rolle nicht kompatibel sind», sagt Sprecherin Léa Wertheimer. Doppelrollen innerhalb des BFM seien nicht möglich.

Auch wenn der Bedarf an Dolmetschenden zunehme, mache das BFM «keinerlei Kompromisse», sagt Wertheimer. «Ebenso wenig werden Zugeständnisse an die Neutralität und die Unabhängigkeit der Dolmetschenden gemacht.» Die Kandidaten durchliefen einen strengen Auswahlprozess.

Regimespitzel als Übersetzer

Auch Fälle von politischer Befangenheit von Dolmetschenden haben im laufenden Jahr Schlagzeilen gemacht. In den Niederlanden wurden im Sommer drei eritreische Dolmetscher mit dem Vorwurf entlassen, sie seien Spitzel des Regimes.

Auszuschliessen seien solche Probleme auch in der Schweiz nicht, sagt Barbara Ackermann vom Arbeiterhilfswerk. «Unsere ausgebildeten Dolmetscher unterliegen aber dem Berufskodex von Interpret und unterzeichnen jeweils eine Verschwiegenheitserklärung.» Damit hätten die Behörden eine Handhabe, sie bei Fehlverhalten wegen Amtsgeheimnisverletzung anzuzeigen.

Der Schweizerischen Flüchtlingshilfe sind Probleme mit parteiischen Dolmetschenden bekannt. Erfahrungsgemäss seien die meisten Dolmetschenden aber gut, sagt Sprecher Harry Sivec. «Die schwarzen Schafe sind die Ausnahme, nicht die Regel.»

Qualität und Quantität gefragt

Um dies auch künftig so zu halten, sei die Qualitätssicherung und Überprüfung «eine kontinuierliche Aufgabe». Bei der Rückmeldung nach einer Zusammenarbeit an das Bundesamt für Migration werde diesem Punkt eine entsprechende Priorität eingeräumt. Dies bestätigt BFM-Sprecherin Léa Wertheimer. Trotzdem habe es in der Vergangenheit Entlassungen von Dolmetschenden gegeben – «aus verschiedenen Gründen, auch wegen Befangenheit». Bei Verdacht trenne sich das Amt in der Regel von Angestellten.

Wertheimer sagt, dass der Bund laufend Dolmetschende suche, wenn nötig auch aus dem angrenzenden Ausland. Ein Blick auf das Stellenangebot des Bundes zeigt, dass Bewerber gefragt sind, die «unregelmässig und stundenweise» arbeiten können und «sich kurzfristig aufbieten» lassen. Die Liste der prioritär gesuchten Sprachen ist lang. Darin tauchen auch Sprachen aus Eritrea und Syrien auf, den beiden häufigsten Herkunftsländern von Asylsuchenden in der Schweiz.

(SDA)

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