Schweiz als Rückzugsraum für Terroristen? Acht waren im Land

An mehreren Attacken in Europa waren Männer beteiligt, die sich zuvor hier aufhielten. Fragt sich, ob das nur Zufall ist.

International vernetzte Terroristen reisen auch durch die Schweiz: Papiere der Attentäter von Cambrils. Foto: EPA (Keystone)

International vernetzte Terroristen reisen auch durch die Schweiz: Papiere der Attentäter von Cambrils. Foto: EPA (Keystone)

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Was haben die Attentäter der Terroranschläge von Barcelona, Turku, Berlin und Rouen gemeinsam? Wenig, abgesehen davon, dass alle junge radikale Muslime waren und in den vergangenen Monaten in Westeuropa Zivilisten umgebracht haben. Doch etwas eher Erstaunliches verbindet sie: Sie alle hielten sich vor ihren Taten in der Schweiz auf. Sie – das sind zwei mutmassliche Mitglieder der katalanischen IS-Zelle, der Messerstecher in Finnlands Südwesten, Anis A., der auf einem Berliner Weihnachtsmarkt mit einem Lastwagen zwölf Menschen tötete, sowie die beiden Franzosen, die in Nordfrankreich einen 86-jährigen Priester ermordeten.

In deren Schweiz-Aufenthalt muss man nicht allzu viel hineininterpretieren, denn die Umstände gestalteten sich jeweils unterschiedlich: Zwei durchquerten die Schweiz als Flüchtlinge, von Süd nach Nord. Zwei andere benutzten die Flughäfen in Genf und Zürich, um in die Nähe des Kriegsgebiets in Syrien zu gelangen. Die Schweiz passierten sie unbehelligt, in der Türkei wurden sie gestoppt. Zwei weitere junge Männer reisten nach Zürich und Basel, ohne dass die näheren Umstände geklärt wären.

Ist die Schweiz nicht nur Transitland, sondern auch Rückzugsraum für Terroristen?

Die Aufenthalte der Terroristen in der Schweiz waren, soweit bekannt, allesamt kurz. Doch es gibt in den letzten zwei, drei Jahren auch Beispiele von Tätern, die länger hier gelebt hatten, ehe sie im Ausland zu Mördern wurden: ein somalischer Asylbewerber, der längere Zeit am Vierwaldstättersee wohnte, bevor er sich Anfang 2015 in Mogadiscio in die Luft sprengte, und ein Aargauer Sonderschüler, der 2014 mit zwei weiteren Jihadisten in der Türkei zwei Polizisten und einen Lastwagenfahrer umbrachte.

Liegt die Häufung, die bislang unbemerkt blieb, nur daran, dass die Schweiz mitten in Europa liegt? Oder ist sie nicht nur Transitland, sondern auch Rückzugsraum für Terroristen?

Aus Katalonien nach Basel

Nach den Attentaten in Barcelona und im Badeort Cambrils vom 17. August dieses Jahres wurde schnell publik, dass zwei Angehörige der spanischen IS-Zelle Ende 2016 in der Schweiz gewesen waren. Nun werden neue Details zum Kurztrip bekannt: Die beiden jungen Marokkaner, die zur Gruppierung um den Imam des katalanischen Städtchens Ripoll gehörten, waren Mitte Dezember 2016 von Barcelona nach Basel-Mülhausen geflogen. Zwei Tage später verliess das Duo die Schweiz über den Zürcher Flughafen.

Für die zweite Nacht hatte der ältere der beiden ein Zimmer in einem Hotel im Zürcher Kreis 4 gebucht. Beim Bundesamt für Polizei (Fedpol) laufen Ermittlungen zum Aufenthalt. Laut Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Recherchen sollen die beiden Terroristen nach Zürich gereist sein, um an Fachwissen über Sprengstoffe zu kommen. Gesichert ist jedenfalls, dass beide Männer tot sind. Der 22-jährige Youssef A. kam am Tag vor dem Attentat auf den Ramblas in Barcelona bei der Explosion einer mutmasslichen Bombenwerkstatt im Süden Kataloniens um. Der 24-jährige Mohamed H. wurde in der Nacht während der Attacke in Cambrils von Sicherheitskräften getötet.

Von Chiasso nach Turku

Abderrahman B., der am Tag nach den Bluttaten in Katalonien auf dem Marktplatz im südwestfinnischen Turku zwei Menschen tötete, ist ebenfalls ein junger Marokkaner. Der 22-Jährige konnte nach der Tat festgenommen werden. Er ist geständig, bestreitet aber ein terroristisches Motiv. In den vergangenen Jahren hatte er sich unter rund einem halben Dutzend Aliasnamen in mehreren europäischen Ländern aufgehalten. Unter anderem war er längere Zeit in Deutschland gewesen und kürzer in der Schweiz. Gemäss Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet und des finnischen TV- und Radiosenders YLE war er unter dem Tarnnamen Monsif A. im Frühling 2016 aus Italien in die Schweiz eingereist. Dies konnte mit einem erkennungsdienstlichen Abgleich festgestellt werden. Der nun in Finnland Inhaftierte war am 23. April 2016 in Chiasso vom Grenzwachtkorps registriert worden. Dies bestätigt Fedpol-Sprecherin Cathy Maret. Er stellte im Tessin ein Asylgesuch. Maret sagt: «Die Person ist am 25. April 2016 verschwunden, um wahrscheinlich Richtung Norden weiterzuziehen.» In Turku lebte Abderrahman B. in einem Asylheim.

Von der Schweiz in die Türkei

Die jungen Franzosen, die am 26. Juli 2016 in einer Kirche bei Rouen einen betagten Priester töteten, waren beide über Schweizer Flughäfen in die Türkei geflogen. Die türkischen Sicherheitsbehörden schickten aber Adel K. nach Genf zurück, wo er gemäss der «Tribune de Genève» mehrere Tage inhaftiert war, ehe er nach Frankreich überstellt wurde, wo er längere Zeit im Gefängnis verbrachte. Sein Komplize Abdel P. war von Zürich aus in die Türkei geflogen. Naheliegend ist, dass die beiden 19-Jährigen Abflugorte in der Schweiz benutzten, um französische Kontrollen zu umgehen.

Anis A. und die Schweiz

Bei Anis A., dem Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, führten zahlreiche Spuren in die Schweiz. Der Tunesier hielt sich gemäss Angehörigen 2015 einige Tage in der Schweiz auf, nachdem er in Italien eine Gefängnisstrafe verbüsst hatte. Wenig später tauchte er erstmals in Deutschland auf. Vor der Todesfahrt auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin am 19. Dezember 2016 erschoss er einen polnischen LKW-Fahrer mit einer Pistole, die aus der Schweiz stammte. Zudem benutzte A. ein Handy aus der Schweiz, das in Berlin gestohlen gemeldet worden war. A. pflegte Kontakte zu islamistischen Landsleuten in der Schweiz und zu einer Thurgauer Konvertitin. Kurz vor der Tat war A. in einem Fernbus unterwegs nach Zürich. Er wurde aber von der deutschen Polizei am Bodensee gestoppt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 06:34 Uhr

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