«Die Schweiz handelt egoistisch»

Fürs Medizinstudium nach Rumänien: Immer mehr Schweizer umgehen den Numerus clausus, indem sie in Osteuropa studieren. Ein Systemfehler, sagt SP-Nationalrat Angelo Barrile.

In der Schweiz regelt der Eignungstest Numerus clausus den Zugang zum Medizinstudium.

In der Schweiz regelt der Eignungstest Numerus clausus den Zugang zum Medizinstudium. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

6407 Interessierte für 2224 Studienplätze: In der Schweiz wollten letztes Jahr rund dreimal mehr Personen Medizin studieren, als es Kapazitäten an den Universitäten hat. Deshalb weichen manche angehende Ärzte an Hochschulen in Osteuropa aus, wie «20minuten» berichtet. Demnach verzeichnet etwa die Universität Iuliu Hatieganu in der Stadt Cluj-Napoca in Rumänien einen starken Anstieg an Studenten aus der Schweiz. Gemäss einer Sprecherin sind im aktuellen Studienjahr 49 Schweizer immatrikuliert; im Jahr zuvor waren es erst 33 gewesen.

In der Schweiz regelt der Eignungstest Numerus clausus den Zugang zum Medizinstudium. Für Angelo Barrile, SP-Nationalrat und Vizepräsident des Verbands der Assistenz- und Oberärzte (VSAO), braucht es nun ein Umdenken: mehr Geld für die Ausbildung, damit mehr Ärzte in der Schweiz ausgebildet werden.

Schweizer Mediziner lassen sich in Rumänien ausbilden, um danach in der Schweiz zu praktizieren. Das macht doch keinen Sinn.
In der Schweiz wollen mehr Personen Medizin studieren, als Studienplätze vorhanden sind. Mit einer Anschubfinanzierung von 100 Millionen Franken will der Bund nun die Plätze von 1000 auf 1300 erhöhen. Doch das ist immer noch viel zu wenig. Schon heute hat ein Drittel der in der Schweiz praktizierenden Ärzte im Ausland studiert. Die Schweiz handelt egoistisch, wenn sie indirekt ihre Mediziner teuer im Ausland ausbilden lässt.

Wäre das Problem gelöst, wenn der Numerus clausus abgeschafft würde?
Das Interesse am Medizinstudium ist so gross, dass wir eine Selektion brauchen. Aber der heutige Numerus clausus ist eine schlechte Lösung, denn er ist eine reine Wissensprüfung, die man bei entsprechender Vorbereitung besteht. Über die Fähigkeit, Arzt zu sein, sagt sie noch nichts aus.

Der Ständerat hat unlängst einen Vorstoss versenkt, der als Eignungstest ein Praktikum statt des Numerus clausus forderte. Eine verpasste Chance?
Die Idee klingt zwar verlockend, hat aber bei genauerem Hinsehen auch Tücken: Wer betreut und beurteilt dann, ob der Praktikant ein guter Arzt sein wird, und wie verbindlich ist diese Einschätzung? Das ist doch sehr willkürlich. Zudem brauchte es für eine solche Lösung extrem viele Praktikumsplätze. Allein letztes Jahr wären es über 6000 gewesen – ein Ding der Unmöglichkeit...

Aber wie kann das Grundsatzproblem gelöst werden, dass andere Länder unsere Ärzte ausbilden?
Das Problem beschränkt sich nicht auf die Schweiz: Die westlichen Industrienationen bilden im Allgemeinen zu wenige Ärzte aus und importieren sie aus dem Osten. Die osteuropäischen Länder wiederum rekrutieren ihre Mediziner in Afrika. Gleich läuft es im angelsächsischen Raum: Dort werden die Ärzte aus den Commonwealth-Staaten abgezogen, wo sie dringend benötigt würden. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, brauchte es einen politischen Entscheid.

In der Schweiz fehlen aber auch die Aus- und Weiterbildungsplätze in den Spitälern. Die Kapazitäten für zusätzliche Studenten sind in den Kliniken beschränkt.
Das stimmt: Es reicht nicht, mit Bundesgeldern grössere Hörsäle zu bauen, es müssen auch zusätzliche Ausbildungsplätze in den Spitälern geschaffen werden. Das kostet – vor allem die Kantone mit den Universitäten, aber auch die Spitäler. Die Studierenden sollten uns diese Investition aber wert sein.

Die Schweiz anerkennt Arztdiplome aus der EU. Müsste der Zugang für ausländische Ärzte besser geprüft werden, wie nun gefordert wird?
Fakt ist: Es ist in der Schweiz sehr schwierig, Arztstellen zu besetzen. Wir sind auf die ausländischen Fachkräfte angewiesen. Es spielt doch keine Rolle, wo ein Arzt studiert hat! Wir haben absolut keine Hinweise darauf, dass die Ärzte aus dem Ausland systematisch schlechter qualifiziert wären. Abgesehen davon: Ein Schweizer, der nach dem Studium in Rumänien wieder in die Schweiz zurückkommt, kennt unsere Sprache und das hiesige Gesundheitssystem. Nur weil er den Numerus clausus in der Schweiz nicht bestanden hat, heisst das nicht, dass er kein guter Arzt ist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.02.2018, 18:04 Uhr

Angelo Barrile ist SP-Nationalrat und Vizepräsident des Verbands der Assistenz- und Oberärzte (VSAO).

Artikel zum Thema

Bundesrat für Numerus clausus und gegen Praktikum

Die CVP-Nationalrätin Ruth Humbel reicht eine Motion ein und fordert: Ein Praktikum soll den Numerus-clausus-Test für Medizinstudenten ersetzen. Der Bundesrat steuert dagegen. Mehr...

Erneute Panne beim Numerus-clausus-Test

12 von 198 Fragen der Prüfung für das Medizinstudium waren schon bekannt. Was jetzt geschieht. Mehr...

3270 Studierende kämpfen um 713 Plätze

Medizinberufe sind beliebt: Bei den vier Schweizer Universitäten mit dem Numerus clausus übersteigen die Anmeldungen die Kapazität bei weitem – in Zürich sogar um 359 Prozent. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Mamablog Soll man schreckliche Kinderwünsche erfüllen?
Geldblog Wie komme ich zu integren Börsennews?
Sweet Home Kleine weisse Wunder

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...