«Die Schweiz hat sich zum Werkzeug gemacht»

Anwältin Natalia Weselnitskaja äussert sich erstmals zu ihren Kontakten zur Familie Trump und einem geheimen Treffen mit einem Schweizer Vermittler.

Der Schweizer Polizist wurde Opfer einer Verschwörung, sagt Natalia Weselnitskaja. Foto: Yury Martyanov (AFP)

Der Schweizer Polizist wurde Opfer einer Verschwörung, sagt Natalia Weselnitskaja. Foto: Yury Martyanov (AFP)

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In der Schweiz wird gegen den Polizisten Viktor K. ermittelt, der ohne Erlaubnis seines Chefs nach Moskau reiste und sich dort mit Ihnen und einem stellvertretenden Generalstaatsanwalt traf. Können Sie sich an dieses Treffen erinnern?
Ich hatte mehrere Treffen mit Vertretern der Schweizer Bundesanwaltschaft und der Schweizer Polizei. Diese Treffen fanden stets im Rahmen der Schweizer Ermittlungen statt, die 2011 aufgrund von Vorwürfen des britischen Investors William Browder gegen meinen Klienten begannen. Ich habe an diesen Treffen meine Aufgaben als Anwältin wahrgenommen, um meinen Klienten gegen die verleumderischen Anschuldigungen von Herrn Browder zu verteidigen.

Browder wirft Ihrem Klienten vor, Teil eines Netzwerks zu sein, das für einen riesigen Steuerbetrug sowie den Tod seines Anwalts Sergei Magnitski verantwortlich sein soll. Dazu wird auch in der Schweiz ermittelt. Wie oft haben Sie Ermittler in Moskau getroffen?
Die genaue Anzahl der Treffen oder der Teilnehmer kann ich nicht nennen. Aber alle Treffen fanden aufgrund von bilateralen Anfragen im Rahmen des Rechtshilfeabkommens zwischen der Russischen Föderation und der Schweiz statt, und zwar alle nach 2015. Damals wurde Browder in den USA im Zeugenstand befragt, und ich gab eine Erklärung ab, dass ich die Ermittlungen in der Schweiz für illegal halte.

Wussten Sie, dass Polizist Viktor K. als Privatmann reiste?
Alle Treffen waren offiziell; ich weiss nichts von privaten Besuchen.

Ihr Treffen mit Viktor K. soll ein Vieraugengespräch gewesen sein, arrangiert vom stellvertretenden Generalstaatsanwalt.
Ich muss betonen, dass ich niemals ein Vieraugengespräch mit jemandem aus der Schweiz geführt habe. Das waren immer Geschäftsbesprechungen.

Wer war bei diesen Treffen dabei?
Wichtig ist: Alle diese Treffen fanden in den Räumen der Generalstaatsanwaltschaft statt, weil sie gemäss russischem Gesetz als einzige Behörde für Rechts­hilfeabkommen zuständig ist. Ich hatte nie ein Treffen in Restaurants oder Hotels – im Unterschied zu Herrn Browder, der vor einem US-Gericht unter Eid zugegeben hat, dass er in einem Lausanner Hotel von einer Schweizer Staatsanwältin Kopien von Dokumenten aus den Schweizer Ermittlungen erhalten hatte. Diese Unterlagen verwendete er, um ein Klagebegehren in den USA einzureichen.

«Browder erfindet falsche Geschichten auf der ganzen Welt. Und wenn er meinem Klienten schaden will, kann ich mich dagegen nur auf dem offiziellen Weg wehren. »

Worüber wurde bei Ihren Treffen in Moskau gesprochen?
Ich wollte den Fall vorwärtsbringen, denn im Fall meines Klienten geht in der Schweiz nichts weiter. Die Ermittlungen begannen 2011, nachdem William Browder eine Geschichte erfunden hatte über einen grossen Steuerbetrug in Russland und seinen angeblichen Anwalt Sergei Magnitski, der angeblich verhaftet worden und im Gefängnis gestorben war.

Magnitski wurde nachweislich im Gefängnis misshandelt und ist 2009 an den Folgen gestorben.
Nichts an dieser Geschichte ist wahr. Doch Browder ging zur Schweizer Bundesanwaltschaft mit drei Aktenbündeln. Ein Bündel bestand aus Schwarzweisskopien russischer Dokumente, die selbst für mich schwer zu lesen waren. Das zweite Bündel bestand aus Excel-Dateien ohne Quellenangabe, das dritte aus Kontoauszügen der Credit Suisse. Wie sie erworben wurden, ist unklar. Aber es war ein Bruch des Schweizer Bankgeheimnisses. Aufgrund dieser dubiosen Dokumente nahm die Bundes­anwaltschaft Ermittlungen auf. Etwa zur selben Zeit erschien ein Bericht in der oppositionellen Zeitung «Nowaja Gaseta», in welchem der Name meines Klienten zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Fall erwähnt wurde. Eine Woche später fror die Bundesanwaltschaft die Konten meines Klienten ein. Seither hat er keinen Zugang mehr, auch nicht als Zeuge. Für mich sieht das nach einem von Browder gut ausgedachten Mechanismus aus.

Ist es richtig, dass auf den Schweizer Konten Ihres Klienten 8 Millionen Dollar eingefroren sind?
Fast. 7,6 Millionen Dollar sind auf Konten der UBS seit September 2012 eingefroren, und dies aufgrund von einem Zeitungsartikel und Dokumenten, die entweder auf illegitime oder illegale Weise erworben wurden.

«Der Besuch in Moskau war keine Falle. Aber der Polizist wurde Opfer der darauf folgenden Verschwörung.»

Sie vermuten, dass UBS und Bundesanwaltschaft im Interesse von Browder handeln?
Sie sind Werkzeuge in den geschickten Händen des Herrn Browder.

Gegenüber dieser Zeitung sagte Browder, dass Sie enge Kontakte zur russischen Generalstaatsanwaltschaft hätten und deshalb nicht als Anwältin, sondern als Vertreterin des Staates handelten.
Browder erfindet falsche Geschichten auf der ganzen Welt. Und wenn er meinem Klienten schaden will, kann ich mich dagegen nur auf dem offiziellen Weg wehren. Also bin ich mit allen Behörden in Kontakt, wo Ermittlungen gegen Browder geführt werden oder wo er die Quelle von Ermittlungen ist.

War das wirklich der einzige Grund für Ihr Treffen mit Donald Trumps Wahlkampfteam?
Dieser Fall war der einzige Grund. Er hat seine Ursachen in den USA. Aber die Schweiz hat sich leider zum Werkzeug William Browders gemacht.


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Sie vermuten, dass Polizist Viktor K. in eine Falle tappte?
Der Besuch in Moskau war keine Falle. Aber der Polizist wurde Opfer der darauf folgenden Verschwörung. Er kam nach Moskau, weil er seinen Job machen wollte: neue Informationen zu bekommen und die Wahrheit zu finden. Doch das gefiel jemandem nicht, und er wurde gefeuert. Browders Team macht das immer so: Sie versuchen, Zeugen unglaubwürdig zu machen und Beweismittel verschwinden zu lassen.

Warum glaubten Sie, dass Ihnen ausgerechnet die Trump-Familie bei Ihrem Fall helfen könnte?
Das glaubte ich gar nicht. Ich wollte die Ergebnisse meiner Recherchen über die wahren Hintergründe der Magnitski-Geschichte dem US-Kongress zukommen lassen. Niemand hatte sich bis dahin in den USA für die Fakten interessiert: Rund 1 Milliarde Dollar flossen aus Russland in die USA und wurden vor den Steuerbehörden versteckt. Ein Teil davon wurde für antirussische Propaganda und eine Lobbyingkampagne verwendet. Gemäss älteren Informationen wurde ein anderer Teil dazu benutzt, die Demokratische Partei zu finanzieren. Gegen Browder wird in Russland seit 2004 ermittelt. Er hatte Angst, dass ihn die US-Behörden aufgrund dieses Betrugs verfolgen würden. Ich suchte in den USA jede erdenkliche Unterstützung. Leider konnte mir Donald Trump Jr. nicht helfen, und das Thema wurde von der Tagesordnung gestrichen.

Ermittelt nun Sonderberater Robert Mueller gegen Sie?
Sollte mein Name in Zusammenhang mit diesen Ermittlungen auftauchen, können Sie sicher sein, dass dies das Ergebnis von Browders Aktivitäten ist.

Ich würde lieber über Sie sprechen, aber Sie scheinen sehr auf Browder fixiert zu sein.
Das ist unvermeidbar: Meine Geschichte ist die Geschichte über Herr Browder und seine Kreise. Er ist die Hauptfigur, nicht ich. Meine Aktivitäten haben ihn bedroht, und deshalb will er mich diskreditieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 21:43 Uhr

Natalia Weselnitskaja

Weltweit in den Schlagzeilen

Natalia Weselnitskaja lebt in Moskau. Bekannt wurde die Anwältin durch ihr Treffen mit dem Sohn und dem Schwiegersohn von Donald Trump in New York während des Präsidentschaftswahlkampfs. Sie wehrt sich gegen Sanktionen, die die USA gegen einen ihrer Klienten verhängt haben.

Der Fall Magnitski

Was ein toter russischer Anwalt mit der Schweiz zu tun hat

Millionen aus einem mutmasslichen Steuerbetrug liegen auf Schweizer Konten.

Am 27. Dezember 2016 flog Viktor K. (Name geändert), Russland-Experte der Schweizer Bundeskriminalpolizei und langjähriger Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft, nach Moskau. Er folgte einer Einladung eines stellvertretenden Generalstaatsanwalts, der ihm vertrauliche Informationen versprach. K.s Schweizer Vorgesetzter verbot die Reise, K. fuhr dennoch. Er hoffte, Ermittlungen zu beschleunigen. Nach seiner Rückkehr wurde er entlassen und ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs und des Sich-bestechen-Lassens. Darüber, dass K.s Klage gegen die Kündigung vom Bundesverwaltungsgericht abgewiesen worden war, berichtete diese Zeitung erstmals Ende Januar 2018.

In Moskau traf K. eine Anwältin, die in den Untersuchungen der Russland-Verbindungen von US-Präsident Donald Trump eine Rolle spielt: Natalia Weselnitskaja. Diese traf jedoch nicht nur den Schweizer Polizisten, sondern ein halbes Jahr zuvor in New York auch Mitglieder der Familie Trump. Beim Treffen soll es laut Donald Trump Jr. auch um belastendes Material gegen Hillary Clinton gegangen sein. Weselnitskaja hingegen sagt, sie habe einzig Unterstützung im Fall Magnitski gesucht.

Sergei Magnitski arbeitete für den britischen Investor William Browder und untersuchte Vorwürfe bezüglich eines riesigen Steuerbetrugs in Russland. Er wurde jedoch selbst verhaftet und starb in einem Moskauer Gefängnis. Das Geld aus dem Betrug soll über Schweizer Konten geflossen sein. Mehr als 15 Millionen Dollar sind hier eingefroren. Auf Browders Initiative hin nahm die Schweiz Ermittlungen auf und beschlossen die USA Sanktionen im sogenannten «Magnitski Act». Anwältin Weselnitskaja vertritt einen Verdächtigen. Sie lobbyiert seit Jahren gegen die Sanktionen.

Im Interview mit dieser Zeitung Ende Januar sprach Browder von sehr ernst zu nehmenden Gerüchten, wonach in der Bundesanwaltschaft ein russischer Maulwurf arbeitet, der die Ermittlungen im Fall Magnitski behindert. Das Treffen Weselnitskajas mit dem Schweizer Polizisten sei Beweis, dass die Anwältin im Auftrag russischer Behörden handle. Weselnitskaja nimmt nun erstmals Stellung zu diesen Aussagen und macht Browder und den Schweizer Behörden ihrerseits schwere Vorwürfe. (bo)

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