Die Schweiz kocht – was die Hitze mit uns macht

Alles klebt, vieles stirbt. Sind das die Sommer der Zukunft? Betrachtungen aus einem glühenden Land.

Die Füsse kühlen, die Fische sterben: Sommer in der Schweiz. Bild: Doris Fanconi

Die Füsse kühlen, die Fische sterben: Sommer in der Schweiz. Bild: Doris Fanconi

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Zürich, Wiedikon. Zunächst geht es darum, den Moment so lange wie möglich herauszuzögern. Weil einem jetzt schon klar ist, was passieren wird: nichts. Man wird daliegen ohne Duvet und mit Buch, das Licht anmachen, eine halbe Stunde lang lesen, das Licht ausmachen und daliegen. Es ist Mitternacht, aber noch immer zu warm. Man liegt also weiter und überlegt, welchen Salat von Yotam Ottolenghi man als nächsten machen möchte und wie das Porträt anfangen soll, an dem man schon am Nachmittag herumüberlegt hat, und auch jetzt fällt einem keine Lösung ein. Halb zwei Uhr nachts. Höchste Zeit zum Aufstehen, etwas trinken, im Buch weiterlesen und sich wieder einmal ins Bett legen. Der Morgen kommt bestimmt.


Video: Schwitz! Die schönsten Impressionen

Sommer, Sonne, Schwimmbad: So verbringen die Schweizerinnen und Schweizer die Hitzetage. (SDA/Tamedia)


Neuhausen. Direkt nach dem Aufstehen, während der Morgensitzung, beim Mittagessen und dann in immer kürzeren Abständen geht der Blick derzeit auf die Hydrodaten-Website des Bundes. Messstation 2288. Neuhausen, Flurlingerbrücke. Wie warm ist er jetzt, der Rhein? Das ist die Frage. Es geht um die Äsche. Sie verträgt die Hitze besonders schlecht. Je wärmer das Wasser, desto geringer der Sauerstoffgehalt. Ab 22 Grad leidet die Äsche. Bei 27 Grad ist sie tot. Erstickt. 2003 stieg die Temperatur im Rhein schon einmal in diese Regionen. Rund 50’000 Äschen sind damals zwischen Untersee und Eglisau ZH verendet, 97 Prozent des damaligen Äschenbestands. Er war einer der bedeutendsten Europas und er hat sich nie mehr erholt. Gestern Abend – noch ein Blick zur Station 2288. Die Rheintemperatur steht bei 26,7 Grad. So hoch war sie noch nie dieses Jahr. Und sie wird weiter steigen. Viel Luft bleibt nicht mehr.


Bilder: Hitzewelle in Europa


Bern, Marzili. Da gehen sie die Aare hoch. Hohe Beamte. Politiker. Journalisten. Studenten. Tragen Badehosen und ein Lächeln und erfrischen sich irgendwann alle gemeinsam im Fluss. Glückliches Volk! Das dachte sich auch John Kelly von der «Washington Post», als er kürzlich in Bern Ferien machte. In seiner jüngsten Kolumne regt er an, dass Washington sich ein Beispiel an den Bernern nehmen soll. «Vielleicht ist unsere Politik deshalb so zerrüttet, weil wir uns in Washington nie in den Badehosen begegnen.»


«Wenn ich am Abend aus dem Büro gehe, habe ich das Gefühl, erschlagen zu ­werden.»Stephan Bader, Klimatologe bei Meteo Schweiz


Kloten. Stephan Bader beschäftigt sich tagein, tagaus mit dem Wetter und vergleicht es mit der Vergangenheit. Als Klimatologe bei MeteoSchweiz verfolgt er natürlich auch in diesen Tagen die Messwerte. 32,5 Grad Celsius hier. 34,2 Grad dort. Stephan Bader weiss sehr genau, was draussen grad passiert. Trotzdem sagt er: «Wenn ich am Abend aus unserem klimatisierten Grossraumbüro am Flughafen Zürich herausgehe, habe ich das Gefühl, erschlagen zu werden. Von einem subtropischen Hitzehammer. Dies ist jedes Mal ein Schock.» Am 31. Juli wurden in Kloten 35,7 Grad Celsius gemessen. In Sion seien es an dem Tag sogar 35,9 gewesen. Die Tageshöchstwerte sind dabei gar nicht so ungewöhnlich. In früheren Hitzeperioden stiegen sie wesentlich höher. Das Aussergewöhnliche im aktuellen Fall ist für Stephan Bader die Dauer der Wärme. Die Rekordwärme der Periode April bis Juli übertrifft die Werte aus dem Hitzejahr 2003. Zudem gehört sie regional zu den niederschlagärmsten seit Messbeginn. Was jetzt dringend nötig wäre, sagt Bader, sei ein über ein bis zwei Wochen anhaltender Regen in der ganzen Schweiz. Aber dieser Regen, er kommt vorerst nicht.


Zürich, Mythenquai. Keine Kopfsprünge, bitte … zu spät. Zwei Dutzend kleine Muscheltaucher werfen sich ins Wasser, es fliegen die Schnorchel und Brillen, sie sind weg, versenkt, für ein paar Sekunden ist alles still, die Nachmittagssonne blitzt im aufgewühlten Wasser. Dann tauchen die Kinder wieder auf, bringen Schlamm und Kies vom See­boden zur steinernen Mole des Strandbads. Klettern hoch und durchsuchen den Dreck nach schwarz glänzenden Muscheln – doppelschalig aufgeklappte sind am gefragtesten. Alles schnattert durcheinander, unbeschwerter Muschelbasar. Die Sonne brennt, der Lärm ist zermürbend, alles wie in echt am Meer, wozu fährt eigentlich noch irgendwer weg? Einmal taucht der Bademeister auf. Er fragt einen Buben mit Flügeli, wo seine Eltern seien. «Mein Bapi muss schaffen, und die Mami ist da hinten», er weist auf die entfernte Wiese. «Dann gehen wir jetzt mal zur Mami zusammen», sagt der Bademeister. Die zwei wackeln davon. Muscheltaucheraufsicht ist Sache der Eltern.


Derweil auf Twitter: Strandbilder. 1.-August-Fotos. Und endloser Streit. Da sieht mans doch, sagen die einen: Gletscherschmelze. Dürre. Versengte Felder. Kaputt ist die Welt. Und schuld ist der Mensch. Unsinn, rufen die anderen. Heisse Phasen gabs schon immer. Schönen Sommer noch!


Bern. Es muss sich etwas ändern, nein, wir müssen uns ändern. Sofort. So viel steht fest. Aber was nur tun? Weniger fliegen? Auf Fleisch verzichten? Das Auto verkaufen? Öko-Parteien wählen? Aber warum erst jetzt? Wussten wir nicht, dass es so kommen würde? Die schmelzenden Gletscher, die toten Fische, die braunen Felder? Haben die Klimaforscher nicht genau davor gewarnt? Tausendmal? Seit Jahrzehnten? Haben wir nicht irgendwann einfach entschieden, wegzuhören weil, ähm, schau mal, ­Easyjet fliegt jetzt nach Edinburgh, für 59 Franken!


Basel. Es muss die Hitze sein, sie bringt die Stadt an den Rand des Wahnsinns. Die Baselworld, erst noch weltweit wichtigste Messe für Uhren und Schmuck, nach ein paar schwülen Tagen und dem Rückzug der Swatch-Gruppe nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der FC Basel, erst noch unbesiegbarster Club der Schweiz, plötzlich auf dem Niveau des FC Arisdorf (knapp). Es muss die Hitze sein, sie macht die Menschen zittrig, fiebrig, hässig. Am Bahnhof sticht ein 80-Jähriger auf einen 40-Jährigen ein, einer wird ausgeraubt und in den Rhein geschmissen, ein anderer gleich daneben totgeschlagen. Gegen den Wahn, so scheint es, hilft nur noch Eis; Eis in grossen Mengen. Im Coop an der Mülhauser­strasse reissen sich die Leute die grossen Packungen Crushed Ice, 5 Liter zu 12 Franken, aus schwitzigen Händen, und natürlich ist der riesige Kühlschrank neben der Fleischtheke genau dann leer, wenn man für die Gartenparty noch eine Packung gebraucht hätte. Man spürt den Zorn, heiss kriecht er den Rücken hinauf, er braucht nur noch ein Ventil. «Warten Sie, warten Sie», sagt die Metzgerin. «Oben habe ich noch eine ganze Palette voll.» Endlich ein vernünftiges Wort.


Menzingen. Oben bei der Schurtanne, einem Weiler bei Menzingen im Kanton Zug, hat es einen Bach, darin lebt eine Bachforelle. Ein Raubfisch, nicht für die Zucht geeignet, sehr standorttreu – so steht es im Forellenalmanach. Jahr für Jahr wurde sie grösser. Jahr für Jahr wollten zwei Menzinger sie fangen. Doch die Bachforelle war zu schnell, zu stark, zu schlau. Mit Netzen stiegen die beiden Menzinger ins Bachbett, aber die Forelle entwischte ihnen jedes Mal. In diesem Sommer wurde das Wasser weniger, der Sauerstoff auch. Wieder sehen die beiden Menzinger die Forelle, 50 Zentimeter lang ist sie mittlerweile, es geht ihr schlecht, sie dümpelt im Bachgerinsel herum – und schwimmt ohne Widerstand ins Netz. Die beiden Menzinger haben sich ihren Triumph anders vorgestellt.

Autoren: Jean-Martin Büttner, David Hesse, ­Christoph Lenz, Philipp Loser, Barbara Reye und Christian Zürcher

Erstellt: 03.08.2018, 06:17 Uhr

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