Die Schweiz spannt Deutschland die Lehrer aus

Schweizer Schulen umgarnen deutsche Lehrpersonen. Für Deutschland ein grosses Problem: Dort ist der Lehrermangel noch prekärer.

«Hier bewegt sich etwas»: Lehrer Heiko Vollmer während des Unterrichts in Basel. Foto: Dominik Plüss

«Hier bewegt sich etwas»: Lehrer Heiko Vollmer während des Unterrichts in Basel. Foto: Dominik Plüss

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Noch nie musste er den Pass zücken. Wenn Heiko Vollmer zu Hause im deutschen Weil am Rhein losradelt und 30 Minuten später vor dem Basler Schulhaus steht, in dem er arbeitet, nimmt er die Landesgrenze gar nicht wahr. Vorbei am Töggelikasten – das Wort musste er erst lernen –, und schon ist er Herr Vollmer, der Lehrer. «Guten Morgen!»

Der Anteil ausländischer Lehrerinnen und Lehrer, die in der Schweiz an obligatorischen Schulen unterrichten, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. Zwischen Deutschland und der Schweiz verlief dieser Zustrom lange reibungslos, doch jetzt ist die Situation angespannt.

Schweizer Schulen werben vermehrt deutsche Lehrpersonen an, weil sie sonst nicht über die Runden kommen. Der Deutsche Lehrerverband in Baden-Württemberg bedauert diese Abwanderung sehr. «Es ist eine Katastrophe», sagt der Vorsitzende Gerhard Brand, wenn man ihn auf den Lehrermangel anspricht. «Wenn uns die Lehrkräfte auch noch in die Schweiz abwandern, tut das richtig weh.»

Enormer Lehrermangel

Der Deutsche Lehrerverband schätzt, dass dieses Jahr an jeder zweiten Schule in Deutschland nicht alle Lehrerstellen besetzt werden können. Es sei mit Ausnahme der unmittelbaren Nachkriegszeit der grösste Lehrermangel, den Deutschland jemals erlebe: 35'000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen bis 2025.

Nahe der Grenze ist die Situation besonders prekär. Der Schulleiter in Wehr, 20 Autominuten bis ins Aargauische, musste vor den Sommerferien kapitulieren: «Am Dienstag bleiben diese Kinder zu Hause, am Mittwoch jene – zu wenige Lehrpersonen», verordnete er und bekam Ärger. Schliesslich improvisierte die Schule, sagt Gerhard Brand: zwei Klassen zusammenlegen, Überstunden, Comebacks von Pensionären.

«Wenn uns die Lehrkräfte auch noch in die Schweiz abwandern, tut das richtig weh.»Gerhard Brand, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverband Baden-Württemberg

Derweil kämpft auch die Schweiz damit, alle Stellen zu besetzen. Immer mehr Kinder treffen auf immer weniger Lehrer. Eine wichtige Massnahme: Lehrer wie Herrn Vollmer in die Schweiz locken. Der Aargauer Regierungsrat ermöglicht den Schulen seit diesem Sommer, Stelleninserate in Deutschland zu schalten. Die Stadt Schaff­hausen inseriert neu in der ­Zeitung «Südkurier» und versucht, Lehrkräfte von den Vor­zügen der Stadt zu überzeugen. Auch fragt Schaffhausen deutsche Lehrerinnen und Lehrer, die schon hier arbeiten, ob sie weitere pendelfreudige Kollegen kennen.

Genau so kam auch Heiko Vollmer in die Schweiz. Vor 18 Jahren. In Deutschland können abgehende Pädagogikstudenten nicht selbst wählen, wo sie arbeiten wollen. Schwäbische Alb hiess es für Vollmer. Da wollte er nicht hin. Also ab nach Basel, er fand eine Stelle als Sekundarlehrer, zwei Tage die Woche, dann mehr Prozente – und jetzt ist er immer noch hier. Ein Zusatzdiplom musste Vollmer nie machen. Wegen des Lehrermangels ist es für deutsche Lehrkräfte heute sogar noch einfacher, in der Schweiz arbeiten zu können.

Klotzen statt kleckern

Nun bringt Herr Vollmer den Beqirs, Ömerüls und Love Alizées im Basler Theobald-Baerwart-Schulhaus die Umrechnung von Kubikdezimetern bei. Seine Schülerinnen und Schüler kommen aus dem Kongo, aus Afghanistan oder Italien. Sie verstehen Vollmers Hochdeutsch wohl besser als das eines Schweizers.

«Ich hatte nie Probleme hier», sagt der 44-Jährige. Spricht er von seiner Schule, kommt er ins Schwärmen. Anders als in Deutschland, gehen hier alle Sekundarschüler gemeinsam zur Schule, vom tiefsten bis zum höchsten Niveau. «Hier bewegt sich etwas», sagt Vollmer. Er könne experimentieren und erhalte die nötige Infrastruktur dafür.

2016 wurde das Schulhaus, in dem Vollmer arbeitet, für 21 Millionen renoviert. Genial, wie er findet. Hier werde geklotzt, in Deutschland gekleckert. Auch das bereichere seine Arbeit. Zudem erhält er etwa ein Drittel mehr Lohn. In Baden-Württemberg verdienen Sekundarlehrer zwischen 4383 und 5413 Euro monatlich. In Basel-Stadt ist schon der Einstiegslohn über 7000 Franken.

Nicht alle haben eine so hohe Meinung von der Arbeit in Schweizer Schulen. Eine deutsche Primarlehrerin, die im Kanton St. Gallen unterrichtet, hat Mühe, sich im Team zu integrieren. «Die Schweizer sind freundlich, werden aber nur selten dein Freund», sagt sie, die schon über 20 Jahre in der Schweiz arbeitet. Ihre «deutsche Art» werde oft als übergriffig und rau wahrgenommen. Bleiben will sie trotzdem.

Eigentlich fantastisch

«Viele Schweizer Schulen würden ohne ausländische Kollegen nicht funktionieren, weil es auch hier zu wenige eigene Lehrpersonen gibt», sagt Franziska Peterhans vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz gegenüber Radio SRF.

Allerdings habe es auch schon Probleme gegeben, wenn fast nur noch deutsche Lehrerinnen und Lehrer in einem Schulhaus angestellt waren. Die Fächer könnten sie zwar unterrichten. Aber es sei auch wichtig, das Schulsystem und die Gepflogenheiten in Schweizer Schulen zu kennen – beispielsweise, wie man ein Zeugnis korrekt ausfüllt.

Gerhard Brand aus Baden-Württemberg wirkt derweil etwas ernüchtert. Nein, momentan sehe er wirklich keinen Ausweg. Die Qualität in den Schulen werde sinken. Deutschen Lehrpersonen davon abraten, in der Schweiz zu arbeiten, will er trotzdem nicht. «Es ist doch fantastisch für die jungen Menschen», sagt Brand. Eigentlich.

Wieso zurückgehen?

Heiko Vollmer wird den Lehrermangel in Deutschland kaum beheben. Der Wechselkurs spielt gerade für ihn. Und vor allem: Wieso zurückgehen, wenn es ihm hier so gut gefällt? Im Schulzimmer rascheln die Etuis, die Hände sind schon am Rucksack. «Wer hat Tafeldienst?» – «Halt, die Hausaufgaben!»

Nur Vollmer bleibt im Schulzimmer übrig, räumt seine Fahrradtasche ein. «War etwas harzig heute», sagt er. Doch wenn beim Abschlussball ein angehender Maurerlehrling mit einer Gymnasiastin tanzt, dann rührt ihn das. Wie stehen die Chancen für eine Rückkehr in die Heimat? «Bei fünf Prozent.»

Erstellt: 08.09.2019, 21:18 Uhr

Lehrer aus dem Ausland

93'070 Lehrerinnen und Lehrer unterrichteten im Schuljahr 2017/18 in der obligatorischen Schule, knapp 5600 davon aus dem Ausland. Zehn Jahre zuvor arbeiteten erst 2784 ausländische Lehrkräfte in der Schweiz, vor fünf Jahren waren es 4448. Seit 2002 hat die Schweiz rund 8000 neue Diplome an Lehrerinnen und Lehrer aus dem Ausland vergeben, zwei Drittel davon an Deutsche oder Österreicher. In der Sekundarschule ist der Anteil ausländischer Lehrer grösser als in der Primarschule und im Kindergarten. Im Schuljahr 2017/18 hatten 8,5 Prozent der Sekundarlehrerinnen, 4,9 Prozent der Primarlehrer der dritten bis sechsten Klasse und 3,6 Prozent der Primarlehrerinnen der ersten und zweiten Klasse sowie Kindergärtner eine ausländische Herkunft. Ein Teil wohnt in der Schweiz, andere sind Grenzgänger. (tiw)

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